1/2020 Verhaftet im Morgengrauen

Jytte lag auf ihrer Matratze und wälzte sich hin und her. Wie so oft konnte sie nicht mehr schlafen, obwohl sie sich müder als je zuvor fühlte. Die Sorgen um Opa Kester und ihre Tochter Nilla bereiten ihr schlaflose Nächte. Nur um sich selbst machte sie sich keine Sorgen. Doch das sollte sich schnell ändern.

Sie hob den Kopf und blickte zu dem kleinen Bettchen neben ihrem. Dort lag Nilla und schlief. Jytte lauschte eine Weile dem regelmäßigen Atem der Kleinen. Früher hatte sie das immer beruhigt und sie war wieder eingeschlafen. Doch seit ein paar Monden blieb sie wach liegen. In ihrem Kopf jagte ein Gedanke den anderen. Die meisten waren schlechte Gedanken. Jytte konnte immer seltener dem Karussell der Gedanken entkommen und wurde immer tiefer in ein dunkles Loch gezogen.

Lange würde das Geld nicht mehr reichen. Opa Kester hatte den Hof auf dem sie aufgewachsen war schließlich viel zu günstig verkaufen müssen. Den Hof alleine mit einem alten Mann und einem kleinen Kind zu bewirtschaften war schlichtweg nicht möglich gewesen. Opa Kester brauchte immer öfter ärztliche Hilfe. Die Anreise des Arztes aus der nächsten Stadt war teuer, wenn sie Opa Kester in die Stadt fuhr verlor sie einen ganzen Tag auf dem Hof. Und so hatten sie beschlossen, in die Stadt zu ziehen. Jytte verdingte sich als Magd und hielt sich, Nilla und Opa Kester mit allem was ein wenig Geld einbrachte über Wasser. Mehr oder weniger. Wenn sie nicht genug verdiente, lebten sie von den wenigen Ersparnissen die der Verkauf eingebracht hatte. Lange fand sich kein Käufer für den Hof. Er war einfach zu abgelegen und zu alt. Und so akzeptierte Opa Kester das einzige Angebot das sie bekommen hatten, auch wenn der Hof leicht das drei- oder vierfache Wert gewesen war.

Kurz hatte sie gehofft, den Hof doch noch halten zu können. Bei einem ihrer wenigen Besuche waren sie von drei Männern überfallen worden, die Opa Kester fast erschlagen hätten. Nur Topa war es zu verdanken, dass ihr Großvater noch lebte. Die Räuber hatten auch noch Topas Schlitten und die Rentiere gestohlen. Und Jytte hatte Topa ordentlich eins mit der Schaufel über den Kopf gezogen, weil sie ihn für einen der Räuber gehalten hatte. Irgendwie hatte sie gehofft, Topa würde bleiben und mit ihr gemeinsam den Hof bewirtschaften. Vielleicht auch, weil die kleine Nilla sich sofort an Topa gehängt hatte und ihn wie selbstverständlich als einen Freund akzeptiert hatte.

Doch die Hoffnung verflog schnell. Topa war nur auf der Suche nach einem Arzt für seinen verletzten Freund Fynn zufällig vorbei gekommen. Jytte hatte ihn und einen Arzt als Dank zurück zu seinen Freunden gebracht. Als sie dabei Topas Freundin Lele – Jytte nannte sie neidisch Püppchen – war ihr schlagartig klar, dass es nichts mit Hilfe auf dem Hof werden würde.

Und so saß sie nun hier fest, kämpfte jeden Tag ums Überleben und versuchte, der kleinen Nilla ein sorgenfreies Leben vorzuspielen. Opa Kester ging es dank des Arztes wieder besser, doch er war alt und gebrechlich und würde nichts mehr zum Lebensunterhalt beitragen können.

Keiner sah ihre Tränen, wenn ihr die Last zu schwer wurde. Und mit ihren Tränen schien auch das letzte bisschen Hoffnung davon zu fliesen. Und Topa würde ihr auch nicht zu Hilfe kommen. Und ihn um Hilfe zu bitten traute sie sich nicht.

Sie stand auf, um im Herd Feuer zu machen. Dann zog sie sich an und bereitete sich auf den Tag und die Blicke der Bewohner vor. Blicke wie sie einer Fremden, mit einer Tochter und ihrem Großvater, ohne Mann .waren feindselig und taten oft mehr weh als die Ablehnung die sie ertragen musste.

Jytte stand am Herd, als die Tür eingetreten wurde und vier Soldaten der Stadtwache in die kleine Stube stürmten.

„Haben wir dich, du Mörderin“, schrie der Anführer. „Du bist verhaftet!“

Bevor Jytte richtig kapiert hatte was hier gerade passierte, wurde sie von zwei Soldaten gepackt, der dritte zog ihr einen Sack über den Kopf und fesselte ihr die Arme auf dem Rücken. Dann wurde sie brutal davon geschleift.

Opa Kester erwachte von dem Lärm. Dann hörte er nur noch die kleine Nilla schreien.

2 Gedanken zu „1/2020 Verhaftet im Morgengrauen

  1. Guten Morgen …….. Draussen der erste Schnee dieses Winters …….Die Kobolde sind rechtzeitig wieder los …… Ein tolles Timing …… Auf ein Neues …… Bin schon sehr gespannt lieber Phil …..

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