1 Hochzeitsmorgen

Am Morgen nach der Hochzeit hatte Vendela Boje überreden können, das Aufräumen kurz zu unterbrechen. Nun standen sie in einer der Scheunen auf ihrem Bauernhof vor einem großen Tisch.
„So viele Geschenke“, staunte Boje. „Scheinbar war das ganze Dorf auf unserer Hochzeit“.
Boje ahnt nicht, dass er damit recht haben sollte.  Vendela überlegte eine Weile.
„Mir fällt niemand aus dem Dorf ein, mit dem ich nicht geredet habe“, sagte sie dann.
„Aber wir… also ich meine, wir kennen doch gar nicht alle Leute aus dem Dorf. Und die kennen uns doch auch alle nicht so gut, dass sie uns ein Hochzeitsgeschenk vorbei bringen“.
„Wieso denn nicht?“, fragte Vendela ihren Mann.
„Schließlich läuft unser kleiner Laden hier auf Livdröm doch ganz gut. Und du darfst nicht vergessen, dass wir beide hier geboren sind, auch wenn wir lange nicht hier gelebt haben“.
„Aber trotzdem“, entgegnete Boje immer noch ungläubig. „Das ist schon ein ganz ordentlicher Haufen da auf dem Tisch“.
Vendela war noch viel zu euphorisch, um sich jetzt auf eine Grundsatzdiskussion mit Boje einzulassen. Normal genoss sie die Gespräche mit ihm, aber jetzt war sie viel zu neugierig. Sie stieß  ihm zärtlich mit dem Ellbogen in die Seite.
„Na komm schon, du alter Griesgram. Lass uns sie Geschenke aufmachen und sehen, was drin ist. Wer was Schönes findet, darf es für sich behalten.“
Boje bemerkte weder den ironischen Unterton noch den herausfordernden Blick seiner Frau. Der fehlende Schlaf, die Aufregung und Anstrengungen der letzten Tage hatten scheinbar Spuren hinterlassen.
„Aber die gehören uns doch schon?“
„Jetzt komm, lass uns nachschauen, was drin ist“, erwiderte sie und gab ihm einen Kuss.
Sie öffneten ein Geschenk nach dem anderen. Zum Vorschein kamen neben selbstgemachter Marmelade, Pasteten, eingelegten Früchten und Gemüse auch allerlei nützliche Gegenstände für den Haushalt und handgefertigte Dosen, Schachteln und Gefäße in verschiedenen Größen.
„Wir brauchen eine zweite Wohnhütte für all das hier“, stammelte Boje. Er hielt eine kleine Dose mit schmuckvollen Verzierungen in der Hand.
„Kann sein,“ antwortete Vendela und riss ihm die Dose auf der Hand. „Aber die gehört mir!“
„Uns, meinst du.“
„Nein. Die gehört nur mir.“
„Ich dachte, wir sind verheiratet. Uns gehört alles gemeinsam und wir teilen alles  miteinander. Du weißt schon, wegen der Liebe und so.“
„Oh ja, natürlich lieben wir uns. Du mich natürlich mehr als ich dich. Und uns gehört alles gemeinsam. Also alles außer den Dingen, die mir alleine gehören“, feixte Vendela.
„Und was gehört Madame alles alleine?“
„Nun, alles was mir gefällt eben.“
„Und was ist mit mir?“
„Du darfst dir auch das nehmen, was dir gefällt. Außer wenn ich es will natürlich.“
„Natürlich.“
„Los, such dir was aus.“
„Gefunden“, sagte Boje und zog Vendela zu sich heran.
„Gute Wahl“, flüsterte Vendela.
Jedes weitere Wort war überflüssig. Wenn schon die Hochzeitsnacht dem Tanzen und Feiern zum Opfer gefallen ist, dann eben einen Hochzeitsmorgen. Dann, dachten und sagten beide nichts mehr. Das Heu in der Scheune sorgte dafür, dass keine Geräusche nach außen drangen.

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