11/2020 Abgeurteilt

Am nächsten Tag brachen Fynn, Lele und Topa gegen Mittag auf. Sie verabschiedeten sich von Livdröm und ihren Freunden. Fynn war mit dem, was sie in der Kürze an Ausrüstung und Proviant zusammen stellen konnte zufrieden. Er saß hinten auf dem Schlitten und hing seinen Gedanken nach. Lele saß vorne neben Topa. Sie hatte es sich nicht nehmen lassen, den Schlitten selbst zu lenken. Topa saß schweigend neben ihr. Später würde er nicht sagen können, was unterwegs war und ob es Gedanken oder Leere war, die ihn so fesselten.

Noch während die drei unterwegs waren, wurde Jytte durch einen lauten Knall geweckt. Die Tür zu ihrer Zelle wurde aufgestoßen und die alten Angeln brachen fast unter der Wucht, als die Tür gegen das Gitter schlug. Zwei Wachen traten ein.

„Mitkommen!“, bellte der ältere der Beiden.

Jytte gehorchte. Eingerahmt von den beiden Soldaten wurde sie durch einen Gang zu einer schmalen Treppe geführt. Mit jeder Stufe wurde es etwas heller. Jytte verlangsamte ihren Schritt, damit sich ihre Augen an das Licht gewöhnen konnten. Über einen kleinen Innenhof gingen sie auf ein großes Tor zu. Dahinter befand sich ein zweites, mit dicken Eisenbändern bewehrtes Tor. Ihre Wächter führten sie die Treppe auf der linken Seite des Durchgangs hinauf. Oben angekommen betraten sie durch eine der vielen Türen einen Raum, der größer war als Jyttes gesamte Wohnung. Hinter einem erhöhten Pult saß der Richter. In jeder Ecke standen weitere Wachen, an einer der Wände saßen einige Diener und der Gerichtsschreiber.

„Du weißt, warum du hier bist?“, fragte der Richter ohne aufzublicken.

„Nein, Herr.“

Eine der Wachen schlug ihr in den Magen.

„Euer Gnaden; du sprichst das Gericht gefälligst mit Euer Gnaden an.“

Jytte nickte und stand auf.

„Nun, du wirst des Mordes beschuldigt.“ Jetzt sah der Richter sie an. „Was sagst du dazu?“

„Wen soll ich ermordet haben?“, fragte Jytte.

„Den Toten, den wir auf eurem ehemaligen Hof gefunden haben. Wenn du das Opfer nicht kennst, spielt das auch keine Rolle.“

„Euer Gnaden,“ fuhr Jytte fort. „Ich weiß nichts von einer Leiche.“

„Für´s Protokoll: Die Angeklagte streitet ab, den Toten zu kennen.“

„Euer Gnaden, ich streite ab, den Mann getötet zu haben.“

„Woher weißt du dann, dass es sich um einen Mann handelt? Nur der Mörder kann so etwas wissen.“

„Euer Gnaden, ich habe niemanden ermordet und weiß auch nichts von einer Leiche:“

„Halte mich nicht zum Narren, Weib. Der Tote wurde auf deinem Hof gefunden.“

„Der Hof gehörte meinem Großvater“, antwortete Jytte trotzig.

„Der alte Greis ist wohl kaum in der Lage, jemanden zu ermorden. Aber wenn du darauf bestehst, klagen wir auch ihn an.“

„Ich versichere Euch, Euer Gnaden, dass weder mein Großvater noch ich etwas damit zu tun haben.“

„Nun gut“, sagte der Richter. „Welche Beweise hast du dafür?“

„Beweise?“, stotterte Jytte.

„Also keine Beweise. Fürs Protokoll: Die Angeklagte kann nichts zu ihrer Entlastung vorbringen. Das Gericht zieht sich zur Beratung zurück. In drei Tagen wird das Urteil verkündet.“

„Aber Euer Gnaden!“, flehte Jytte.

„Schluss jetzt! Du hattest deine Chance. Die Verhandlung ist geschlossen. Meine Frau erwartet mich zum Mittagessen.“

Der Richter stand auf und verschwand durch eine kleine Tür ohne Jytte eines Blickes zu würdigen.

Die Wachen gaben ihr einen Stoß und brachten sie zurück in ihre Zelle.

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