Archiv für den Tag: 4. Dezember 2014

Lele blickt zurück

Lele saß mit einem Buch in der Hand vor dem Kamin. Ihre Augen waren auf das Buch gerichtet, ihr Blick aber ging ins Leere. Sie war immer noch damit beschäftigt, ihr persönliches Glück im Leben zu finden. Nur war sie sich immer noch nicht sicher, was sie wirklich glücklich machen würde. Sie mochte dieses Gefühl nicht, weil sie sich dann irgendwie auch unzufrieden fühlte. So, als würde in ihrem Leben etwas wichtiges fehlen. Letztes Weihnachten war ihr schnell klar, was mit ihr los war. Die Trennung von ihrem Freund, der Streit mit ihrer Mutter – für Lele waren die „Schuldigen“ schnell ausgemacht. Aber dann hatte sie Topa kennen gelernt. Und sich in ihn verliebt. Seit dem hat sich vieles in ihrem Leben verbessert. Zumindest hatte sie das die ganze Zeit über gedacht. Aber jetzt war dieses Gefühl wieder da. Und sie mochte es noch viel weniger als letztes Weihnachten. Wieso haben all die positiven Dinge keine Auswirkung auf ihr Lebensgefühl? Die Beziehung zu Topa war anders als ihre vorherigen Beziehungen. Die gegenseitige Liebe fühlte sich anders an. Wärmer, tiefer und weniger fordernd. Jedes mal, wenn sie mit Topa zusammen war, bekam sie auch etwas zurück. Sie fühlte sich geliebt, und das gab ihr Kraft. Ihre Liebe fühlte sich an, als könnte sie nie zu Ende gehen.

 

Das war sicher das positivste in ihrem Leben. Aber es gab noch mehr. Beim Frühlingsfest hatten sie Vendela und Boje kennen gelernt. Mittlerweile waren die beiden richtig gute Freunde geworden. Topa und Boje verstanden sich sehr gut. Vendela war zu ihrer besten Freundin geworden. Beide lebten auf einem Bauernhof am Rande des Weihnachtsdorfes. Sie hatten einige Felder, ein paar Hektar Wald und einige Weiden, auf denen sie Ziegen, Schafe und ein paar Kühe hielten und einen kleinen Weinberg. Ihr größter Schatz und ihre größte Leidenschaft, wie Vendela es nannte, war eine schier endlos lange Himbeerhecke, die sich um den gesamten Garten und fast um den ganzen Hof zog. Im Sommer ging Vendela jeden Tag mehrmals zu ihrer Hecke und naschte ein paar Beeren. An einem warmen Sommerabend hatten die beiden Freundinnen so lange genascht und sich unterhalten, dass Topa und Boje schon lange ins Bett gegangen waren und der Mond schon den nächsten Tag anzeigte. Bojes Schatz war der kleine Weinberg. Zwar gab der immer nur einige wenige Fässer Wein, aber für Boje war es eine Leidenschaft. Lele und Topa verstanden nichts von Wein, freuten sich aber über jedes Glas das sie davon bekamen. Der Wein schmeckte ihnen einfach.

 

Boje und Vendela bewirtschafteten nur einen vergleichsweise kleinen Hof und hatten wesentlich weniger Vieh als die anderen Bauern im Dorf. Dafür verarbeiteten sie das meiste auf ihrem Hof weiter. Aus den Früchten machte Vendela köstliche Marmeladen, mit Ihrem Spinnrad stellte sie selbst Wolle her und färbte sie hinter her. Einen Teil der Wolle verkaufte sie, aus dem Rest strickte sie für Kinder Socken, kleine Jäckchen, Schals und allerhand mehr. Aber auch Seife, Kerzen, Handtaschen, Kuchen, Käse und vieles mehr verkauften die beiden. Topa und Boje hatten dafür im Sommer extra einen kleinen Laden gebaut, Lele und Vendela hatten ihn liebevoll eingerichtet. Ansonsten verkauften sie ihre Waren auf dem Markt im Dorf.

 

Topa und Lele hatten im Sommer viel Zeit auf dem Hof der beiden verbracht, oft auch dort übernachtet. Vor allem für Lele gab es dort viel neues zu entdecken. Und es gab ihr die Gelegenheit, Vendela zu beobachten und von ihr zu lernen. Boje und Vendela machten auf Lele einen sehr zufriedenen und glücklichen Eindruck. Mit der Zeit hatte Lele entdeckt, dass die beiden einfach nur das taten, was ihnen Freude bereitete. Sie schienen frei zu sein von jedem Zwang, keiner machte ihnen Vorgaben. Eines Abends saßen die beiden Frauen im Gras vor der Himbeerhecke und beobachteten voller Stolz und Liebe Topa und Boje. Wenn die beiden zusammen waren und lang genug ungestört blieben, dann konnten Lele und Vendela sicher sein, dass die beiden allerhand neue Ideen regelrecht produzierten und meist auch sofort damit anfingen, diese wenn auch nur teilweise in die Tat umzusetzen. An diesem Abend war besonders Lele froh, als Boje und Topa in der kleinen Werkstatt auf dem Hof verschwanden. Wahrscheinlich würden die beiden wieder etwas neues ausprobieren. So hatte Lele genug Zeit, all die Fragen die sie beschäftigten zu stellen.