Archiv für den Tag: 8. Dezember 2014

Tante Unn hat Hilfe

Tante Unn saß an ihrem Schreibtisch in der Backstube und freute sich über die kleine Pause. Seit letztem Weihnachten hatte sie unerwartet und überraschend Hilfe bekommen. Unerwartet, weil sie von dieser Seite nicht mit Hilfe gerechnet hatte; überraschend, weil die Person ihr nicht nur ein Geheimnis offenbart hatte, sondern weil die Person das Geheimnis selbst war. Kurz bevor die Austauschstudenten letztes Weihnachten wieder abreisen sollten, stand auf einmal eine junge und attraktive Frau in ihrem Büro. Die Frau wollte im Weihnachtsdorf bleiben und fragte, ob sie bei ihr in der Backstube arbeiten könnte. Tante Unn unterhielt sich eine Weile mit ihr. Die junge Frau war ihr aus irgendeinem Grund aus Anhieb sympathisch. Und sie verstand etwas vom Backen. Und so kam es, dass Tante Unn der jungen Frau spontan zusagte. Und seit diesem Tag arbeitete Paola in der Backstube.

Von Anfang an war Paola eine große Hilfe. Sie verstand wirklich etwas vom Backen und brachte frischen Schwung und Abwechslung in die Backstube. Und weil sie stets freundlich, hilfsbereit und wissbegierig war, wurde sie auch schnell von allen in der Backstube akzeptiert. Zudem brachte Paola neue Rezepte aus Italien mit. Zusammen mit Tante Unn und einigen Frauen aus dem Dorf probierten sie viele Neues, mischten Zutaten aus dem Weihnachtsdorf mit Rezepten aus Italien und umgekehrt. So entstanden bisher unbekannte Köstlichkeiten und in der Backstube herrschte eine Vorfreude auf Weihnachten, wenn sie das Weihnachtsdorf mit den neuen Naschereien überraschen konnten.

Aber Paola tat noch viel mehr. Sie half Tante Unn auch im Haushalt. Sie kochte, kaufte ein, putzte und kümmerte sich um die Kinder wenn Tante Unn noch zu tun hatte. Da auch in der Backstube die Arbeit zunahm, mussten sie auch im Sommer mehr Vorräte für den Winter anlegen. Als Chefin der Backstube war es Aufgabe von Tante Unn, sich um alles zu kümmern. So war sie wirklich froh über Paola´s Hilfe. Die beiden Frauen waren mittlerweile sehr gute Freundinnen. Für Tante Unn war Paola wie eine Schwester. Hin und wieder hatte Tante Unn ein schlechtes Gewissen deswegen. Schließlich war ihre Schwester bei einem Unfall vor vielen Weihnachten gestorben. Deswegen war ja auch Topa bei ihr und Pelle aufgewachsen. Sie vermisste ihre Schwester sehr und schämte sich etwas, weil sie Paola mittlerweile genauso mochte. Paola verstand sich auch sehr gut mit Topa. So oft es ging, verbrachte Paola Zeit mit Topa, half ihm im Stall oder machte in seiner Wohnung Ordnung. Im Dorf gab es schon Gerüchte, Paola würde nur deswegen in der Backstube arbeiten, um über Tante Unn Kontakt zu Topa zu bekommen. Tante Unn hörte normal nie auf Gerüchte und auch Lele lies sich davon nicht beeindrucken. Lele und Topa gehörten einfach zusammen, das spürte sie. Daran würde auch Paola nichts ändern. Aber wenn an den Gerüchten etwas dran sein sollte, dann könnte das schon für einigen Ärger und Enttäuschung sorgen. So beschloss Tante Unn, Paola zur Rede zu stellen. Die beiden Frauen waren eines Abends alleine in der Backstube.

¨Paola¨, begann Tante Unn, ¨ ich bin wirklich sehr froh und dankbar, dass du bei uns bist. Du warst mir immer eine große Hilfe und ich hab dich wirklich gern. Du bist für mich wie die Schwester die ich seit langem nicht mehr habe.¨ Paola schwieg.

¨ Ich habe dich auch gerne in meine Familie aufgenommen. Die Kinder mögen dich wirklich sehr. Und mit Topa verstehst du dich auch gut. Ich glaube, er mag dich auch sehr.¨ Wieder entstand eine kleine Pause.

¨ Aber Topa ist nun mal mit Lele zusammen. Es gibt Gerüchte im Dorf, dass du in Topa verliebt bist. Ich gebe nichts auf den Klatsch im Dorf. Aber ich möchte nicht, dass die Gefühle von dir oder jemand anderem aus meiner Familie verletzt werden. Ich hoffe, du verstehst das.¨

Paola schwieg immer noch. Gerade als Tante Unn die erneute Pause und das Schweigen so unangenehm wurden, dass sie schon etwas sagen wollte, bat Paola Tante Unn, sich zu ihr zu setzen. Zunächst viel es Paola schwer, die richtigen Worte zu finden. Aber schließlich erzählte sie Tante Unn ihre Geschichte, ohne etwas aus zu lassen. Tante Unn viel es zunächst schwer, das was sie da hörte zu begreifen und zu glauben.

Seit dem teilen die beiden Frauen ein Geheimnis. Sie wussten beide, dass es eines Tages ans Licht kommen muss.