Archiv für den Tag: 9. Dezember 2014

Das macht man nicht

Lele und Topa saßen im großen Saal der Musikschule, hielten sich an der Hand und lauschten der Musik. Hier waren sie sich letztes Weihachten beim Konzert des Wichtelchors zum ersten mal wieder begegnet. Hier hat alle angefangen. Deswegen waren sie beide heute hier. Im Anschluss wollten sie wie beim ersten mal mit dem Schlitten zu ihrem Platz auf dem Hügel oberhalb der große Wiese fahren. Lele war schon den ganzen Tag voller Vorfreude auf diesen romantischen Abend mit Topa. Topa war nervös, weil er Lele heute die Überraschung geben wollte. Paola war für ihn eingesprungen und half Tante Unn am Plätzchenstand. So langsam nervten ihn die Gerüchte über Paola. Wie konnten die Leute nur so dumm sein und glauben, sie würde sich zwischen ihn und Lele drängeln? Dann würde sie ja wohl kaum heute am Plätzchenstand helfen, damit er und Lele Zeit für einander hatten. Das Paola aus irgendeinem Grund seine und Tante Unn´s Nähe suchte, war nicht zu übersehen. Topa kannte den Grund dafür nicht. Er fand es auch nicht aufdringlich oder lästig. Im Gegenteil, alle mochten Paola sehr und sie war schon fast ein Mitglied der Familie geworden. Tante Unn hatte ihm um Geduld gebeten, irgendwann würde Paola von sich aus die Gründe für ihr Verhalten preisgeben. Wenn nur diese dummen Gerüchte nicht wären. Es interessierte ihn, wie Lele darüber dachte. Sicher hatte auch sie die Gerüchte schon gehört. Wahrscheinlich hatte ihre Mutter dafür gesorgt. Das schlechte Verhältnis von Lele zu ihrer Mutter machte ihm sorgen, weil er sah wie sehr Lele darunter litt. Aber heute war nicht der Tag dafür. Heute sollte nur ihre Liebe zählen und sie wollten heute Abend der Welt entfliehen.

Als das Konzert zu Ende war, blieben beide noch einen Augenblick sitzen und warteten, bis die meisten Gäste den Saal verlassen hatten. Sie wollten sich noch von Tante Unn verabschieden und Paola noch mal Danke sagen. Sie schlenderten Hand in Hand auf den Plätzchenstand zu, als das passierte was sie beide gerne vermieden hätten. Lele´s Mutter kam schnurstracks auf sie zu.

¨Kindchen, Liebes, da bist du ja. Willst du, dass deine Mutter sich sorgen muss? Ich dachte schon dir ist etwas zugestoßen. Vielleicht ein Unfall mit dem Schlitten oder so. Ich war wirklich in Sorge. So was macht man mit seiner Mutter nicht.¨

¨Wieso machst du dir Sorgen?¨, fragte Lele.

¨Kindchen, jetzt tu doch bitte nicht so. Das macht man mit seiner Mutter nicht. Du hast dich seit Tagen nicht bei mir gemeldet. Auch heute Abend nicht. Da macht eine Mutter sich eben Sorgen. Eine Frau in meiner Position hat dafür nun wirklich keine Zeit.¨

¨Wofür keine Zeit?,¨ war alles was Lele hervorbrachte.

¨Sich Sorgen zu machen. Nicht genug, dass ich von Oma erfahren muss, dass du heute hier bist. Du hast nicht mal Hallo gesagt. Da fragt man sich schon, ob passiert ist.¨

¨Mama bitte, jetzt mach hier keine Szene¨, verteidigte sich Lele. ¨ Ich bin erwachsen und kann auf mich selbst aufpassen. Und solang Topa bei mir ist, musst du dir auch keine Sorgen machen.¨

¨Kindchen, bitte. Er hat dir doch erst das Schlittenfahren beigebracht. Da muss sich eine Mutter doch sorgen machen. Und diese Paola hat er auch mitgebracht. Ach, Kindchen, das du mir keine Schande machst. Eine Frau in meiner Position. Denk doch auch an deine arme Mutter.¨

¨Was hat das denn jetzt mit Paola zu tun? Und Topa steht neben mir. Du brauchst also nicht so zu tun, als ob er nicht da wäre.¨ In Lele´s Stimme lang nun eben soviel Wut wie Enttäuschung.

¨Kindchen, bitte jetzt nicht. Ich hab noch so viel zu tun heute. Ich muss noch wichtige Leute begrüßen. Ach da ist ja die Frau Unn. Sie hat bestimmt wieder Plätzchen für mich aufgehoben. Eine sehr nette Person diese Frau Unn. Fleißig und hilfsbereit. Und sie versteht die Sorgen einer Mutter.¨

Denn letzten Satz hatte Sie schon im Gehen gesprochen. Sie lies die beiden so plötzlich stehen wie sie aufgetaucht war.

Topa spürte, wie Lele neben ihm ein paar mal schlucken musste. Der Auftritt der Rektorin hatte ihr die Tränen in die Augen getrieben. Er legte sanft seine Hände auf Ihre Schultern und schob sie sanft auf kürzestem Weg zum Nebenausgang. Lele wehrte sich nicht. Draußen angekommen fiel sie ihm in die Arme und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust. Sie brauchte eine ganze Weile, bis sie sich wieder gefangen hatte. Schließlich hob sie den Kopf und blickte ihn mit verheulten Augen an.

¨ Entschuldige bitte. Es tut mir so leid.¨

¨Mir tut es leid,¨ flüsterte ihr Topa ins Ohr.