Archiv für den Tag: 19. Dezember 2014

Rauhe Sitten

Lele schlich immer noch ziellos und sehr vorsichtig durch die Straßen am Rand des Dorfes. Um den Rückweg wieder zu finden, entfernte sie sich lieber nicht allzu weit vom Versteck ihres Schlittens. Zwar wusste sie, dass die Menschen sie nicht als Dorfbewohnerin erkennen würden. Aber vor dem Kontakt mit den Menschen hatte sie schon etwas Angst. So wollte sie möglichst unentdeckt die Menschen und deren Leben aus sicherer Entfernung beobachten.

Sie kam an einem etwas abgelegenen Bauernhof vorbei. Der ganze Hof war dunkel, nur in einer Scheune schien reges Treiben zu herrschen. Zwischen einigen Brettern fielen schmale Streifen aus Licht auf den Hof. Lele suchte sich einen Spalt auf der dem Haupthaus abgewandte Seite und spähte hinein. Drinnen standen seltsame Gestalten. In der Mitte stand ein weißer Nikolaus. Sein Umhang, seine Robe, der Bart, der hohe Hut – alles strahlend weiß. An den Händen trug er weise Handschuhe und hielt einen goldenen Stab, der selbst den hohen Hut überragte. Um in herum standen finstere Gestalten. Die einen waren in schwarze oder graue Felle gehüllt. Die anderen schienen ganz aus Stroh zu bestehen. Beide trugen angsteinflößende Masken, die wie übergroße Tierköpfe aussahen. Mit riesigen Eckzähnen, einer wilden Mähne und Hörnern. Übergroße Augen blickten finster drein und die Zunge hing heraus. Und die Ruten und Peitschen die sie in den Händen hielten, liesen nichts gutes ahnen. So furchteinflössend diese Gestalten auch waren, sie schienen jede Menge Spaß zu haben. Denn sie lachten und scherzten und schienen sich auf das zu freuen, was vor ihnen lag. Jedes mal wenn sie sich bewegten klingelten und schepperten unzählige Glocken, die an ihren Kostümen angenäht waren. Schließlich gab der weiße Nikolaus das Zeichen zum Aufbruch. Er selbst führte den grimmigen Zug an. Zu dem Scheppern der Glocken machten die Gestalten ein fürchterliches Geschrei oder erzeugten mit Kuh- oder Ochsenhörnern unheimliche Laute.

Lele folgte der Gruppe in sicherem Abstand. Vor einem Haus blieb der weiße Nikolaus stehen. Die Gestalten stellten sich im Halbkreis um ihn auf und schirmten so den Eingang zum Haus ab. Der Krach hatte längst viele der Nachbarn aus ihren Häusern gelockt. Scheinbar trauten die Nachbarn dem finsteren Treiben auch nicht, denn sie betrachteten die Gruppe aus sicherem Abstand. 4 oder 5 der finsteren Gestalten schlugen mit ihren Ruten gegen die Fenstern und folgten dann dem weißen Nikolaus in das Haus. Lele konnte nicht sehen, was sich im Haus abspielt. Doch plötzlich flog die Haustür auf und die Gestalten zogen zwei Erwachsene und zwei etwas ältere Kinder, einen Jungen und ein Mädchen, am Kragen aus dem Haus und warfen sie unsanft in den Schnee. Abwechselnd packten die Gestalten nun die Hausbewohner am Kragen, schleiften sie ein Stück über den Schnee und ließen sie dann wieder fallen. Das Mädchen schrie vor Angst. Dann packten zwei der Gestalten das Mädchen, stellten es auf die Beine und hielten es fest. Die anderen Gestalten gingen nun einer nach dem anderen zu dem Mädchen und schienen sie mit ihren Masken küssen zu wollen. Das Mädchen schrie noch lauter und versuchte sich los zureisen. Aber gegen die kräftigen Gestalten hatte es keine Chance. Weder die Eltern, noch der Bruder oder die Zuschauer rührten sich. Keiner kam dem armen Mädchen zu Hilfe. Lele packte die Wut.

Hey da!Sofort aufhören!“, schrie sie so laut sie konnte und verließ ihr Versteck. Zuschauer, der Nikolaus und alle Gestalten blickten nun auf Lele. Der Nikolaus hob seinen Stab und zeigte damit auf Lele. Einige der Gestalten liesen von ihrem Treiben ab und gingen auf Lele zu. Der wurde schlagartig bewusst, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Die Gestalten wurden liefen immer schneller, grölten dabei und versuchten Lele zu umzingeln. Die machte kehrt und rannte so schnell sie konnte davon. Panik ergriff sie. Sie hatte zwar einen Vorsprung, aber ob der bis zum Schlitten reichen würde, da war sich Lele nicht wirklich sicher. Die Gestalten durften sie auf keinen Fall kriegen. Während sie flüchtete, versuchte sie sich zu orientieren. Hier gab es keine Möglichkeit, sich zu verstecken. Sie musste es also bis zum Schlitten schaffen. Ihr Herz raste und sie bekam kaum noch Luft. Sie erreichte den Dorfrand und blickte zum Mond. Der war nun links von ihr. Also musste sie auch nach links laufen, dann müsste sie direkt auf ihr Versteck zu laufen. Die Gestalten waren immer noch hinter ihr her, schienen aber nicht näher zu kommen.

Lele erblickte die Baumgruppe in der ihr Schlitten stand und mobilisierte ihre letzten Kräfte. Sobald sie im Schlitten saß, würde sie in Sicherheit sein. Gleich hatte sie es geschafft.

P.S.: Die von mir beschriebenen Gestalten sind sogenannte Buttnmandl. Dieser durchaus rauhe Brauch wird noch in einigen wenigen Dörfern und Städten in Bayern gepflegt (u.a. wohl in Berchtesgaden). Nachzulesen bei Wikipedia unter „Buttnmandllauf“. Ein paar Kleinigkeiten hab ich frei interpretiert 😉 .