Archiv für den Tag: 20. Dezember 2014

déjà vu

Eirik kam langsamer voran, als er gedacht hatte. Sein verstauchter Fuß machte ihm sehr zu schaffen. Bei der Suche nach Maj-Lis und während der Geburt in der Nacht hatte er nicht an die Verletzung gedacht und die Schmerzen verdrängt. Jetzt, nachdem er drei Tage zu Fuß durch den Schneesturm gelaufen war, konnte der Fuß sein Gewicht nicht mehr tragen. Er humpelte mehr als er gehen konnte. Zudem musste er Topa tragen und den Jungen vor dem Sturm schützen. Auch hatte er viel zu wenig Nahrung mitgenommen, damit Maj-Lis genug zu Essen und zu Trinken haben würde, bis er wieder bei ihr war. Die Schmerzen und der eisige Sturm raubten ihm mehr und mehr die Kräfte. Hinzu kam die Sorge um Maj-Lis und seine neugeborene Tochter, die noch nicht mal einen Namen hatte. Er hatte seine Vorräte rationiert, um noch für einen weiteren Tag Essen zu haben. Er selbst aß fast gar nichts sondern gab Topa wenigstens zu Essen. In dem Sturm konnte er auch kein Feuer machen um Schnee zu schmelzen. Seit einem Tag hatte er nichts mehr getrunken. Er strauchelte immer wieder, weil ihm schwarz vor Augen wurde und vermied es, mit letzter Kraft, zu stürzen. Denn wenn er erst mal im Schnee lag, hatte er Angst, vor Erschöpfung einzuschlafen. In dem Sturm wäre das das sichere Todesurteil für sie beide.

Gegen Abend lies der Sturm etwas nach. Er glaubte, am Horizont ein schwaches Licht zu erkennen. Die Bauernhöfe entlang der Reisewege entzündeten kleine Leuchtfeuer, um den Reisenden Orientierung zu geben.

Noch einmal nahm er alle Kraft zusammen, um die letzten Schritte bis zur Tür zurückzulegen. Bevor er ohnmächtig wurde, schaffte er es noch, mit seinen Stiefeln gegen die Tür zu treten. Dann wurde es dunkel.

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Lele rannte die letzten Schritte zum Schlitten ohne Luft zu holen. Die klugen Rentiere hatten sie längst erblickt und den Schlitten nahe an die Stelle gezogen, an der Lele die kleine Baumgruppe betreten würde.

Kaum war Lele in den Schlitten gesprungen, rasten die beiden Rentiere los und versteckten den Schlitten in den mächtigen Baumkronen. Lele lag auf dem Boden und rang nach Luft. Unten konnte sie die Stimmen der Gestalten hören. Sie schlugen mit ihren Ruten gegen die Bäume und schepperten mit ihren Glocken.

Die Suche der Gestalten wollte kein Ende nehmen. Immer wieder hörte Lele, wie sie lärmend zwischen den Bäumen nach ihr suchten, während andere die kleine Baumgruppe umstellt hatten, um jede Flucht zu verhindern. Ihr wurde kalt. Also breitete sie das Rentierfell auf dem Boden aus, legte sich darauf und zog sich die Decke drüber. So lag sie eine ganze Weile da. Die Gestalten wollten einfach nicht verschwinden, und schließlich schlief Lele ein.

Sie erwachte und brauchte eine Weile, bis sie wieder wusste, wo sie war. Erschrocken fuhr sie hoch und lauschte. Von den Gestalten war nichts mehr zu hören. Sie wagte einen Blick aus dem Schlitten. Nichts zu sehen. Erleichtert atmete sie auf, nur um im nächsten Moment wieder zusammen zu zucken. Wie lange hatte sie geschlafen? Sie suchte zwischen den Baumspitzen nach dem Mond. Der war schon ein ganzes Stück weiter gezogen. Bald würde ein neuer Tag anbrechen. Sie musste sich beeilen, um noch rechtzeitig und unbemerkt im Weihnachtsdorf anzukommen. Also nahm sie die Zügel in die Hand und schnalzte zweimal mit der Zunge. Baja und Belia waren froh, sich endlich wieder bewegen zu können und beeilten sich ebenfalls, in ihren warmen Stall zu kommen.

Lele fuhr schneller, als sie es normalerweise tun würde. Sie vertraute den Rentieren. Als sie jedoch den Schlitten nach links lenkte, hörte sie ein lautes Knacken, als ob Holz brechen würde. Tatsächlich waren die Halterungen für das Geschirr der Rentiere aus ihren Verankerungen am Schlitten gebrochen. Die Belastung war einfach zu hoch für den alten Schlitten. Die beiden Rentiere bogen gehorsam nach Links, der Schlitten mit Lele fuhr aber noch ein gutes Stück gerade aus, bis er schließlich gegen einen Baum prallte, umkippte und auf dem Kopf liegen blieb. Lele war unter dem Schlitten eingesperrt. Sie hatte sich heftig den Kopf gestoßen. Vorsichtig versuchte sie, sich zu bewegen. Ihr rechtes Bein war eingeklemmt. Als sie versuchte, es unter dem Schlitten hervor zu ziehen, schrie sie laut vor Schmerzen.