Archiv für den Tag: 23. Dezember 2014

Paolas Bruder

Topa wurde langsam unruhig. Das Schicksal von Paola und ihrer leiblichen Mutter ging ihm nahe. Denn schließlich waren ja auch seine Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen. Nur wusste er nichts darüber und auch Tante Unn oder sonst jemand konnte ihm da nicht weiter helfen.

Je näher der entscheidende Punkt der Geschichte kam, umso nervöser wurde Paola.

Also haben die beiden Reisenden dich gerettet?“, wollte Topa wissen.

Ja“, antwortete Paola. „Als sie in der Herberge angekommen waren, erzählten sie den Wirtsleuten ihre Geschichte. Doch leider war in den letzten Tagen wegen des Schneesturms niemand in der Herberge angekommen. Und auch wir saßen damals noch ein paar Tage fest. Als der Sturm dann endlich vorbei war, machten sich der Wirt und mein Vater auf und suchten nach der Unfallstelle. Doch da meine Eltern weder die Gegend kannten, noch genau wussten in welche Richtung sie in dem Sturm gelaufen waren, blieb die Suche ohne Erfolg. Die Wirtsleute hatten selbst zwei kleine Kinder und konnten sich nicht um mich kümmern. Also beschlossen meine Eltern, mich mit auf die Reise zunehmen. Aber auch in den nächsten Herbergen wusste niemand etwas über einen Mann, der seine Familie im Wald zurücklassen musste um Hilfe zu holen. Und so kam es, das meine Eltern mich mit in ihr Weihnachtsdorf in Italien nahmen. Sie zogen mich auf wie ihre eigene Tochter. Und für mich sind sie meine Eltern.“

Und hast du seit dem du hier bist schon nach deinem Vater suchen können?“

Ich war in diesem Sommer auf jedem Bauernhof und in jeder Herberge die nicht weiter als 5 oder 6 Tagesreisen von hier lag“, fuhr Paola fort.

Und auf einem Bauernhof erzählte mir die Bäuerin von einem Mann, der eines Tages mitten in einem Schneesturm mit letzter Kraft an ihre Türe klopfte. Der Mann hatte einen kleinen Jungen bei sich. Die Familie des Bauern kümmerte sich um den Jungen und pflegten den bewusstlosen Mann. Er war noch am Leben, hatte aber schwere Erfrierungen an den Füßen, einen verstauchten Fuß. Er musste mehrere Tage durch den Sturm gelaufen sein. Nach zwei Tagen kam der Mann wieder zu sich und erzählte seine Geschichte. Er hatte mit seinem Schlitten einen Unfall im Wald, seine Frau war schwanger und kurz nach dem Unfall brachte sie eine Tochter zur Welt. Der Mann nahm seinen Sohn und machte sich auf, um Hilfe zu holen. Er irrte mehrere Tage durch den Sturm, bis er schließlich hier an die Tür klopfte.“

Paola trank langsam ihren Tee aus, um etwas Zeit zu gewinnen. Topa fiel es zunehmend schwer, geduldig zu warten, bis Paola endlich zum Schluss der Geschichte kam.

Der Sturm tobte noch einige Tage und so war es dem Bauern unmöglich, sich auf die Suche nach der Frau und dem Baby zu machen. Nach der Beschreibung des Mannes musste die Unfallstelle 4 oder 5 Tagesreisen entfernt sein. Der Mann sprach aber immer von 3 Tagen, die er in dem Sturm verbracht hatte. Schließlich gelang es dem Bauern, die Unfallstelle im Wald zu finden. Dort fand er aber nicht die Frau und das Baby sondern nur eine Nachricht.

Als er dem Mann die Nachricht vorlas, schloss dieser die Augen und begann zu weinen. Am nächsten Morgen war der Mann tot. Die Bäuerin erzählte mir, er sei an gebrochenem Herzen gestorben, nachdem er vom Tod seiner Frau erfahren hatte.“

Dann hast du also tatsächlich deine leiblichen Eltern gefunden“, unterbrach Topa. „Aber was ist aus dem Jungen geworden? Schließlich ist er dein Bruder.“

Nun“, sagte Paola und blickte Topa in die Augen. „Einige Tage, nach dem der Mann gestorben war, kam ein anderer Kurier vorbei. Der kannte den Mann und seine Frau. Und so brachten sie den Jungen zu der Familie der Frau. Der Mann hieß Eirik und seine Frau Maj-Lis.“

Genau wie meine Eltern“, platze es aus Topa heraus. Langsam aber unaufhaltsam keimte in ihm eine Ahnung.

Ja. Genau wie deine Eltern. Und der Junge hieß Topa.“

Aber….. Dann bist du…..“, stotterte Topa.

Ich bin deine Schwester. Und du bist mein Bruder.“

Bruder und Schwester fielen sich in die Arme und weinten.

Ich hab eine Schwester“, flüsterte Topa immer wieder.