5/2020 Die erste Beute

Die nächsten Tage verbrachte Fynn damit, seine Gedanken zu sortieren. Er musste sich über einige Dinge an Bord der Marten klar werden. Er war überzeugt, dass Tahge mehr wusste als er ihm erzählte. Je früher er an weitere Informationen kam, um so besser.

„Ich habe fünfzehn Schüsseln gezählt“; sagte er nebenbei. Die beiden Männer standen in der Kombüse, Fynn half dem Smut klar Schiff zu machen.

„Dann musst du genauer hinschauen“, antwortete der Koch.

„Ich meine bei den Matrosen. Die Offiziere und Unteroffiziere nicht mit eingerechnet.“

„Du musst genauer hinschauen“, wiederholte Tahge.

„Ay.“

Nach einer kleinen Pause sagte Fynn: „Ein erster Offizier braucht immer die Rückendeckung seines Kapitäns.“

„Ay“, bestätigte Tahge. „Der Respekt der Mannschaft kann eine noch größere Rückendeckung sein.“

Die beiden unterhielten sich noch eine Weile über scheinbar belanglose Dinge. Wie viele Mann Besatzung man für welchen Schiffstyp benötige, ob es südlichen Gewässern gefährlicher war als in nördlichen, wie viele Schiffe man benötige um eine Stadt mit so und so vielen Bewohnern anzugreifen, wie man auf See manövrieren musste um ein größeres Schiff entern zu können und wie viel Rum ein Matrose am Tag trinken sollte, ohne einen Hafen samt Kneipe zu vermissen.

Zurück auf seinem Schlafplatz ordnete Fynn die neuen Informationen.

Die Marten war eine Fleute. An sich ein ideales Schiff; schnell, wendig, gut bewaffnet, genügend Tonage auch für größere Beute und mit rund 2 Dutzend Männern zu segeln. Mit einer Fleute konnte man sich schnell in eine Position zum entern manövrieren ohne möglichem Kanonenfeuer zu lange ausgesetzt zu sein. Von den 2 Dutzend Männern müsste nur eine handvoll an Bord bleiben, der Rest – bis an die Zähne bewaffnete, erfahrene Kämpfer die nichts zu verlieren hatten – würde auch die größten Handelsschiffe im Handstreich einnehmen. An Bord der Marten dienten gut 3 Dutzend Männer, also eine ordentliche kleine Armee. Doch nicht alle waren zum Meutern bereit, zwar mehr als die von Fynn gezählten 15, jedoch keiner der Offiziere, dafür aber einige Unteroffiziere. Wie viele genau wusste auch Tahge nicht. Pal behielt seinen Posten nur, weil der Kapitän hinter ihm stand. Bevorzugt ging die Marten in nördlicher Richtung auf Beutefang.

Damit konnte er seine nächsten Schritte planen, auch wenn es noch einige unbekannte Faktoren gab.

Kaum war Fynn eingeschlafen, wurde er mit einem heftigen Fußtritt geweckt.

„Steht auf ihr Maden, und keinen Mucks´!“, befahl einer der Offiziere. Er sprach so laut, dass jeder es hören konnte, doch leiser als gewöhnlich.

„An Deck angetreten, oder ich mache euch Beine!“

Die Männer erhoben sich und torkelten an Deck. Dort wartete bereits Pal mit dem Rest der Offiziere. Der Kapitän stand an der Reling, sein Fernglas fest auf einen Punkt am Horizont gerichtet. Fynn blickte sich um. Es fehlte nur der Waffenmeister. Selbst Tahge und seine Helfer waren angetreten. Das Deck wurde nur vom Mondlicht erhellt. Das lies nichts gutes vermuten. Und Fynn sollte recht behalten.

„Schiff voraus“, begann Pal. „Leichte Beute, so wie es aussieht. Trotzdem gehen wir kein Risiko ein. Fünf Mann bleiben an Deck, der Rest ab zur Waffenkammer. Du!“, Pal zeigte auf Capser. „Du bleibst an Bord. Und du“ -Pal zeigte auf einen der Unteroffiziere – „bewachst ihn.“

Dann zeigte er auf Fynn.

„Du enterst als erster, mal sehen ob du so gut bist wie du denkst. Wenn du kneifst oder sonst eine dumme Idee hast, stirbt der Kleine da.“

Damit waren die Rollen verteilt.

Fynn hatte den gefährlichste Aufgabe bekommen; Casper war Pal´s Pfand, sollte er mit Fynn nicht zufrieden sein.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.