Archiv der Kategorie: Adventskalender 2013

So einfach?

Topa stellte seinen Schlitten ab und versorgte die Rentiere, die ihn immer noch keines Blickes würdigten. Dann ging er in die Hütte zu Tante Unn, um Bescheid zu sagen, dass er zu Hause ist. Tante Unn war mit Backen beschäftigt und fragte nicht weiter nach, wo er gewesen war. Topa war´s recht, so konnte er sich noch eine Weile hinlegen. Die letzte Nacht und der Alkohol steckten ihm noch in den Knochen.

Als Topa wieder aufwachte, war es draußen schon dunkel geworden. Er hatte den ganzen Tag geschlafen, und jetzt war er hungrig.

Topa stand auf, zog sich seine Arbeitshose an. Vielleicht hatte Tante Unn noch etwas von Abendessen übrig. Aber er hatte Glück. Als er die Hütte betrat saß die Familie gerade beim Essen. Topa setzte sich mit an den Tisch. Nach dem Essen brachte Tante Unn die Kinder ins Bett und Topa ging in die Küche, um ein paar Äpfel mit Butter und Puderzucker in einer Pfanne zu braten. Er wollte sich damit bei den Rentieren entschuldigen. Tante Unn kam dazu und Topa erzählte ihr von gestern Abend. Besonders die Stelle mit dem Frühstück und das gemeinsame Backen mit Paola gefiel Tante Unn sehr. Topa schüttete die gebratenen Äpfel in eine Schüssel und verabschiedete sich mit den Worten: „Ich hab bei meinen Rentieren noch was gut zu machen.

 

Bei Lele verlief das Abendessen nicht so harmonisch. Ihre Mutter war nicht zu bremsen. Auch nicht von Oma Lerke. Ständig hatte sie etwas an Lele oder Topa oder an beiden gleichzeitig auszusetzen. Den Argumenten ihrer Tochter schenkte sie keinerlei Beachtung. Wie ein Gewitter, so zog in Lele der Zorn und die Wut auf. Nach dem Ihre Mutter zum gefühlten 50. mal predigte, sie solle ja keinen Nikolaus und schon gar nicht diesen Topa als Schwiegersohn nach Hause bringen, konnte Lele sich nicht mehr beherrschen. Mit Tränen in den Augen sprang sie auf und schrie Ihre Mutter trotzig an: „Und ich werde ihn doch heiraten, ob´s dir passt oder nicht!“

Dann rannte sie in den Flur, schnappte sich ihre Jacke und stürmte ins Freie. Sie musste einfach raus. Draußen lief sie einfach planlos durch das Weihnachtsdorf. Nach einer Weile hatte sie sich wieder so weit im Griff, dass sie sich umschaute, wo sie eigentlich war. Sie war fast bis ans andere Ende des Dorfes gelaufen und war kurz vor der großen Wiese angekommen, auf der sie mit Topa Schlitten gefahren war. Lele war etwas außer Atem, so schnell war sie gelaufen. Sie zog Ihre Handschuhe aus, nahm etwas frischen Schnee in die Hand und kühlte sich anschließend das Gesicht. Da war wieder dieser Schmerz, den sie immer spürte, wenn ihre Mutter alles ablehnte und schlecht machte, was Lele wichtig war. Das Ihre Mutter jetzt auch noch Topa angriff, das war einfach zu viel. Topa konnte ja wohl gar nichts dafür, und außerdem lief da gar nichts zwischen Ihnen. Sie mochte ihn irgendwie, aber sie war keinesfalls schon wieder bereit für eine neue Beziehung. Und Topa war nur ein Freund. Nur ein Freund. Das war genau das, was sie jetzt brauchte. Einen Freund, mit dem sie reden konnte und der sie verstehen würde. Topa wohnte nicht weit von hier. „Gut, dass ich zufällig in seine Richtung gelaufen bin“, sagte Lele zu sich selbst. Sie zog ihre Handschuhe wieder an und machte sich auf den Weg.

 

Topa hatte einige der Äpfel an die Rentiere verteilt, als kleine Wiedergutmachung. Über Nacht hatte es geschneit und der Schlitten war noch voller Schnee. Topa machte sich daran, den Schlitten vom Schnee zu befreien. Dabei ging ihm ein Gedanke nicht aus dem Kopf. War er wirklich verliebt in Lele? Die Antwort war einfach und nüchtern: Ja. Er war verliebt. In Lele. So einfach war das. Er hatte es nur die ganze Zeit nicht zugeben wollen. Sich selbst gegenüber nicht, und anderen gegenüber erst recht nicht. Was, wenn Lele ihn gar nicht mochte und nicht die gleichen Gefühle hatte? Dann würde er wie ein Trottel vor dem ganzen Dorf dastehen und die Leute würde sich über ihn lustig machen. Aber wenn er Lele nicht die Wahrheit sagte, dann wäre er ein noch viel größerer Trottel.

Er war schon fast fertig, als sich das große Tor öffnete und er hörte, wie jemand den Stall betrat. Topa blickte hoch. Da stand Lele. Erst wollte er seinen Augen nicht trauen, aber als sie ihn mit einem freundlichen „Hallo“ begrüßte, war er sich sicher, dass er nicht träumte.

Topa sprang vom Schlitten und ging ein paar Schritte auf sie zu. „Hallo“, sagte er. „Ich mach grad den Schlitten sauber.“ ‚Du Idiot, das sieht sie doch selber‘ dachte er im nächsten Moment.

Das kommt davon, wenn man den Schlitten die ganze Nacht vor dem Wirtshaus stehen lässt“, sagte Lele mit einer gewissen Schadenfreude in der Stimme. Ihre etwas freche und forsche Art gefiel Topa.

Dann weißt du es also schon? Das ging ja mal wieder rasend schnell durchs Dorf.“

Ja“, antwortete Lele. „Und es gibt auch schon die ersten Gerüchte dazu.“ Sie gab ihm eine Kurzfassung von dem, was ihre Mutter ihr erzählt hatte.

Und was denkst du?“ fragte Topa. Er war selbst überrascht von dieser Frage.

Ich denke, dass da wieder mal der übliche Dorfklatsch rum erzählt wird. Die Leute zerreißen sich über alles mögliche das Maul.“

Einiges ist war, anderes nicht“, sagte Topa. Dann erzählte er ihr, wie der Abend wirklich verlaufen war.

Ich bin froh, dass du kein Frauenheld bist“, sagte Lele und lächelte ihn an.

Bin ich auch nicht. Nur die Rentiere sind beleidigt, weil ich sie die ganze Nacht hab draußen stehen lassen.“

Wieso, fragte sich Lele selbest, war es ihm so wichtig, nicht als Frauenheld dazustehen?

Deswegen die gebratenen Äpfel?“, fragte Lele. „Oder hast du heute noch Besuch erwartet?“

Paola wollte noch vorbei kommen“, antwortete Topa frech. „Aber wenn du schon mal da bist, geb ich dir gerne ein paar Äpfel ab.“ Diesmal war es Lele, die an der forschen und etwas frechen Art Gefallen fand. Sie ging auf das Spiel ein.

Hat Paola auch Tee dazu bestellt?“ Jetzt war die Reihe an Topa, das Spiel fort zu setzen.

Den wollt ich grad machen, als du gekommen bist. Wenn du willst, kannst du mir dabei helfen. Ich geb dir auch gern was davon ab.“

Beide mussten gleichzeitig das Lachen anfangen. Und beide spürten ein fast blindes Verständnis, als ob sie sich schon ewig kannten.

Sie gingen in Topas kleine Wohnung, um Tee zu machen. Unten war die Küche, die Ess- und die Wohnstube, oben war die Schlafstube und das Bad. Als sie die Wohnstube betraten, traute Lele ihren Augen kaum. Die Wände waren fast durchgehend mit Regalen voll. Die Regale selbst brachen fast unter der Last der Bücher zusammen. Überall standen oder lagen Bücher. An den freien Stellen stapelten sich die Bücher einfach vom Boden die Wand hinauf.

Hast du die alle gelesen?“, fragte Lele erstaunt.

Ja, fast alle. Einige sogar mehrmals.“

Ich hatte ja keine Ahnung. Damals im Bücherkreis hab ich erst gedacht, du gehst wie die anderen Jungs nur wegen der Mädchen dahin. Aber dann hab ich gemerkt, dass du dich wirklich für Bücher und Geschichten interessierst. Aber das hier hatte ich nicht erwartet.“

Topa machte Feuer im Kamin und sie setzten sich auf das einzige Möbelstück, das frei von Büchern war – das Sofa.

Das gleiche Gefühl hatte ich auch von euch Mädchen. Ich hatte auch den Eindruck, dass du mehr von Büchern verstehst als die anderen.“ Topa wurde etwas nervös, vom Bücherkreis bis zu dem berühmten Brief war es nicht mehr weit.

Ich muss dir etwas gestehen“, fuhr Lele fort. „Ich war vor ein paar Tagen hier, um dir die Decke wieder zu bringen. Dabei hab ich im Stall ein Buch auf dem Boden gefunden. Ich hab´s aufgehoben und mitgenommen. Ich hätte dich fragen sollen, aber du warst nicht da. Ich hab´s fast in einem Stück durchgelesen, weil es so spannend und fesselnd war.“

Topa konnte sich nicht vorstellen, wie ein Buch von ihm in den Stall kommen sollte.

Was war das für ein Buch?“, fragte er vorsichtig.

Lele gab ihm eine kurze Zusammenfassung. Dann schwieg Topa eine Weile.

Es tut mir leid“, entschuldigte sich Lele erneut. „Ich weiß auch nicht, warum ich das Buch eingesteckt habe.“

Topa schwieg weiter. Aber es war kein unangenehmes Schweigen zwischen ihnen.

Das Buch hab ich selbst geschrieben.“

Lele blickte ihn erstaunt an. „Das ist von dir? Ich hatte ja keine Ahnung, dass du Bücher schreibst. Ich bin beeindruckt.“

Jetzt war Topa nicht mehr nervös. Er hatte das Gefühl, dass er Lele vertrauen konnte.

Ich hab noch mehr geschrieben. Schon damals im Bücherkreis habe ich kleine Geschichten und Gedichte selbst geschrieben. Ich wusste nur nicht, wie die anderen darauf reagieren. Deswegen hab ich nichts gesagt.“

Ich find deine Figuren in dem Buch sehr lebendig. Besonders die Tochter des Grafen war mir sehr sympathisch.“

Topa überlegte eine Weile. Dann sagte er mit etwas zittriger Stimme: „Sie ist wie du.“

Lele sah ihn nur fragend an. „Ich hab dabei an dich gedacht, als ich die Figur erfunden habe. Du wart das Vorbild dazu.“

Es kam nicht oft vor, das Lele wirklich sprachlos war. Aber jetzt war sie es.

Wieder schwiegen beide eine Weile. Dann erzählte Topa, wie er die Tochter des Grafen erfunden hatte. Wie sie lange nur in seiner Fantasie existierte, bis er sich schließlich dazu entschieden hatte, sie so werden zu lassen, wie er Lele sah.

Aber so bin ich doch gar nicht“, erwiderte Lele.

In meinen Augen schon,“ sagte Topa.

Aber wieso hast du denn nie etwas gesagt“, fragte Lele weiter.

Ich hab mich nicht getraut“, gab Topa kleinlaut zu. „Ich hab dir im Bücherkreis mal einen Brief geschrieben.“ Topa hatte alle seine Hemmungen und Bedenken abgelegt. Das war die Gelegenheit, auf die er seit dem Bücherkreis gewartet hatte. Er war sich sicher, dass Lele ihn nicht auslachen würde.

Wirklich? Ich kann mich an keinen Brief von dir erinnern.“

Topa erzählte von dem Brief, wie er ihn in ihre Tasche stecken wollte und wie dann plötzlich ein anderes Mädchen den Brief vorgelesen hatte. Alle waren damals der Meinung, der Brief wäre für das andere Mädchen.

Aber er war für dich“, schloss Topa.

Lele versuchte sich zu erinnern. „Das war am letzten Tag im Bücherkreis“, sagte sie schließlich. „Du bist dann plötzlich raus gerannt. Jetzt weiß ich auch warum.“

Ich frag mich seitdem, wie dieses andere Mädchen an den Brief gekommen ist.“ Topa war froh, das es endlich raus war.

Wir Mädchen haben uns damals einen Spaß gemacht, unsere Schultaschen zu vertauschen. Anders kann ich mir das nicht erklären. Es tut mir leid.“

Ich bin froh, dass wir das klären konnten. Diese Frage beschäftigt mich schon lange“, sagte Topa erleichtert.

In Leles Kopf herrschte ein wildes Durcheinander. Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Vielleicht war Topa doch mehr als ein Freund? Sie musste allein sein, um sich über ihre Gefühle im Klaren zu werden. Aber sie wollte auch noch bei Topa bleiben. Diese Vertrautheit zwischen ihnen tat ihr gut und da waren noch andere Gefühle, die sie schon lange nicht mehr gespürt hatte. Was hatte das zu bedeuten, dass sie ausgerechnet jetzt und hier solche Gefühle hatte?

In dem Buch liegt ein Zettel“, sagte Topa. „Das ist der Entwurf zu dem Brief von damals.“

Den Zettel hab ich gefunden. Aber ich hatte noch keine Zeit, ihn zu lesen.“

Sie redeten noch eine ganze Weile über den Bücherkreis und darüber, wie ihr Leben seit dem verlaufen war. Als sie im Jetzt angekommen waren, schwiegen sie wieder eine Weile. Keiner wollte über da sprechen, was zwischen ihnen war. Beide hatten das Gefühl, dass der andere noch etwas Zeit brauchte, um

drüber zu reden.

Ich muss jetzt gehen“, sagte Lele.

Ich bring dich noch nach Hause.“ So konnten sie noch etwas Zeit miteinander verbringen.

Auf dem Weg zu Oma Lerkes Hütte hakte sich Lele bei Topa unter. Sie redeten nicht viel, jeder genoß die Nähe des anderen. Als sie kurz vor der Hütte waren, sagte Topa: „Es hat gut getan, endlich mit dir darüber zu reden.“

Lele gab ihm einen Kuß auf die Wange und sagte: „Ich finde es auch sehr schön, mit dir zureden. Und mir gefällt, wie du mich siehst.“

Wie ich dich sehe, oder wie ich dich ansehe“, fragte Topa.

Beides“, flüsterte Lele und schmiegte sich an ihn. Topa legte seine Arme um sie und hielt sie einfach fest.

Sehen wir uns morgen wieder?“

Ja“, sagte Lele. „Komm doch morgen einfach vorbei.“

Ok, dann bis morgen“.

Bis morgen.“

Sie verabschiedeten sich noch drei oder vier mal; keiner wollte die Umarmung lösen.

Damit du gut schläfst“, sagte Lele, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen Kuss. Dann löste sie sich von ihm und ging ins Haus. Topa stand noch eine Weile vor der Hütte. Er konnte ihren Körper noch spüren und ihr Haar riechen. Der Kuss schmeckte noch lange auf seinen Lippen. Dann ging auch er nach Hause.

 

Am nächsten Tag hielt Topa mit dem Schlitten vor Leles Hütte. Eigentlich hätte er gar nicht an die Tür klopfen müssen, sein Herz schlug so sehr, dass er sich nur hätte gegen die Tür lehnen müssen. Aber es war Oma Lerke, die die Tür öffnete.

Hallo Topa. Ich bin Oma Lerke. Komm doch rein, Lele ist gleich fertig.“

Oma Lerke führte ihn in die Wohnstube. „Möchtest du einen Tee, solange du wartest“, fragte sie ihn?

Nur, wenn es keine Umstände macht“, antwortete Topa höflich.

Er trank mit Oma Lerke eine Tasse Tee und sie unterhielten sich über die viele Arbeit zu Weihnachten.

Lele betrat die Wohnstube und ging auf Topa zu. Sie legte ihren Hand auf seinen Arm und sagt: „Hallo Topa. Wie ich sehe, habe ich heute Konkurrenz um deine Gesellschaft“.

Topa konnte sie nur ansehen, sie war so schön, dass er nichts sagen konnte.

Oma Lerke zog sich dezent zurück und lies die beiden alleine.

Hat´s dir die Sprache verschlagen“, fragte Lele. Topa verstand den liebevollen Hinweis.

Ich bin noch nicht fertig, deine Schönheit zu bewundern“, sagte er. „Ich habe nicht genug Augen dafür im Kopf.“

So ein Kompliment hatte sie noch nie bekommen. Und es hatten in der Tat genügend Männer probiert, ihr einmalige Komplimente zu machen. „Danke“, sagte Lele und strahlte ihn an. „Wollen wir uns setzen?“

Ich hab Tee, Lebkuchen und ein paar gebratene Äpfel draußen im Schlitten. Ich dachte wir machen vielleicht einen romantischen Ausflug mit dem Schlitten.“

Lele gefiel die Idee. Sie zogen ihre Jacken an, stiegen auf den Schlitten und fuhren los.Sie saßen wieder beide unter einem Fell, Lele hielt sich an Topas Arm fest und legte ihren Kopf auf seine Schulter.

Den Brief hatte sie gestern Abend noch mehrere male gelesen. Und jedes mal war sie ergriffen von dem was sie da las. Topa war verliebt in sie. Und er fand Worte um seine Liebe auszudrücken, wie sie sie noch nicht gehört oder gelesen hatte. Sie danach noch lange wach im Bett gelegen und hatte über Topa nachgedacht und versucht, ihre Gefühle zu verstehen.

Irgendwie fühlte es sich auch für Lele an wie Liebe. Aber nicht die Liebe, die sie bis jetzt kannte. Da war kein großer Knall und sie war verliebt; keine Liebe auf den ersten Blick. Es fühlte sich anders an. Wie ein Kamin einen Raum langsam mit Wärme füllt, so wuchs auch eine Wärme in Lele. Und es fühlte sich kräftiger an, tiefer und stärker. Da war auch Zuversicht, Geborgenheit und Verständnis, die sie bei Topa finden würde. Alles was sie sich immer gewünscht hatte war da, nur anders als sie es erwartet hatte. Diese Art Liebe war anders. Sie spürte, dass es eine Weile dauern würden, bis diese Liebe ihren ganzen Zauber entfalten würde. Dafür würde dieser Zauber eine Macht und eine Fülle haben, von der sie ihr Leben lang zehren konnte. Aber noch war es ein sehr zartes Pflänzchen.

Weißt du“, sagte sie, „es hat mir sehr gefallen, wie sehr der Arbeiterjunge in der Geschichte um die Tochter des Grafen gekämpft hat. Ich glaube, so etwas wünscht sich jede Frau.“

Ich weiß nicht“, sagte Topa.

Was weißt du nicht?“

Wie man um eine Frau kämpft“, antwortete Topa. „Ich finde das Wort hier irgendwie falsch.“

Was würdest du denn machen?“

Topa überlegte eine Weile. Dann sagte er: „Ich würde für eine Frau kämpfen; für meine Frau.“

Und für was würdest du kämpfen“, wollte Lele wissen?

Ich würde dafür kämpfen, das sie ein angenehmes, erfülltes und sinnerfülltes Leben hat.“

Lele wunderte sich nicht über diese Antwort. Sie mochte die Antwort sogar irgendwie, auch wenn sie sie nicht ganz verstand.

Du würdest nicht dafür kämpfen, dass sie glücklich ist?“

Für mich besteht Glück aus diesen drei Bestandteilen“, erklärte ihr Topa.

Das musst du mir bitte genauer erklären.“

Ich hab noch niemanden gefunden, der mit erklären konnte, was genau ‚Das Glück‘ ist. Aber ich habe bei den Menschen viele gesehen, die daran gescheitert sind. Ich glaube, dass Glück sich aus diesen drei Teilen zusammen setzt. Damit mein Leben angenehm ist, muss ich es genießen können. Dafür brauche ich nicht viel. Meine Familie, gutes Essen, wenige, aber gute, Freunde – am besten alles gleichzeitig – und ein bisschen Kunst und Kultur. Ein erfülltes Leben heißt, dass ich mich für andere oder die Umwelt engagiere und so meine persönlichen Sehnsüchte erfülle. Und sinnerfüllt habe ich mir so erklärt, dass ich bestimmte Dinge erreiche, die für mich erstrebenswert Dinge sind Das hört sich kompliziert an. Wenn ich aber Dinge tue, wie ich tun will, die mir Spaß machen und meinem Leben einen Sinn geben, dann ist mein Leben sinnerfüllt Und ich kann selbst bestimmen, was mir wichtig ist, und was nicht. Die Menschen können das alles auch, aber sie haben keine Zeit dafür. Sie lassen ihr Leben von der Zeit bestimmen, packen es mit allen möglichen Dingen voll, die sie nicht glücklich machen und hetzten von einer Sache zur anderen. Wenn sie sich mehr Zeit nehmen würden für Dinge, die ihnen wirklich wichtig sind, dann könnten sie diese Dinge auch genießen und wären zumindest zufrieden. Wenn ich nicht zufrieden bin, dann kann ich auch nicht glücklich werden“

Lele glaubte zu verstehen, was Topa meinte. Zumindest klang das wesentlich besser, als ‚Das Glück‘ finden.

Mittlerweile waren sie wieder auf dem kleinen Hügel angekommen, auf dem sie schon bei ihrer ersten Schlittenfahrt waren. Wieder glitzerte der frische Schnee im Mondlicht. Erst jetzt viel Lele auf, wie romantisch die Szene war. Sie dachte eine Weile über das nach, was Topa über Glück gesagt hatte. Sie wusste nicht, ob es die perfekte Antwort auf ihre Frage nach dem Glück war. Aber es war die beste Antwort, die sie je gehört hatte.

Und wie denkst du über Liebe?“, wollte Lele wissen.

Ich denke, dass Liebe etwas ist, das wachsen muss. Und wie alles wertvolle muss man sie ein Leben lang pflegen. Dazu gibt es so etwas wie eine Sprache der Liebe. Wenn zwei Menschen die selbe Liebessprache sprechen oder die Sprache des anderen verstehen, dann wird die Liebe eine Macht und eine Fülle haben, von der man ein Leben lang zehren kann.“

Das waren genau die Worte, mit denen Lele den Zauber beschrieben hatte. Auch wenn es fast etwas beängstigend war, wie sehr sie beide übereinstimmten, war es doch das schönste und ergreifendste, was Lele je gehört hatte. Sie spürte, dass ihr gemeinsames Pflänzchen wieder ein kleines Stück gewachsen war.

Ohne, dass sie die nächste Frage gestellt hatte sagte Topa: „Das alles fühle ich, wenn ich an dich denke. Ich möchte das Glück und die Liebe mit dir ein Leben lang teilen.“ Dabei hatte er ihren Kopf in seine Hände genommen und ihr tief und zärtlich in die Augen geschaut.

Sie beugte sich zu ihm herüber und küsste ihn wieder. Diesmal war es ein langer und liebevoller Kuss.

Sie saßen noch eine ganze Weile schweigend im Schlitten. Wenn sie mit einander redeten, dann nur in ihrer gemeinsamen Liebessprache – dem Küssen. Und Topa konnte diese Sprache verdammt gut.

Irgendwann fragte Lele: „Bin ich für dich wirklich so schön, wie die du die Tochter des Grafen in dem Buch beschreibst?“

Ja“, sagte Topa. „So schön, dass es weh tut.“

Wieder war das Pflänzchen ein kleines Stück kräftiger geworden.

Die Zukunft, darin war sich Lele jetzt ganz sicher, würde für sie beide gemeinsam viel Gutes bringen; vielleicht sogar Glück. Aber Glück alleine, war jetzt nicht mehr so wichtig. Sie hatten beide etwas viel wertvolleres gefunden.

Und so saßen sie die ganze Nacht unterm Sternenhimmel, gemeinsam in ein Rentierfell gekuschelt und redeten meistens in ihrer Liebessprache. Sie mussten sich ihre Liebe nicht mit „normalen“ Worten gestehen. Beide wussten, dass sie für einander bestimmt waren. Und beide wussten, dass der Zauber zwischen ihnen sehr mächtig und außergewöhnlich werden würde.

 

Aber davon erzähl ich Euch ein anderes mal.

 

p.s.: Und hinten auf dem Schlitten saß, unsichtbar durch seine Tarnkappe, Tomte Tumetott und war zufrieden mit seinem Werk. Es tat ihm zwar etwas leid, dass er Topa auf die Hand schlagen musste, damit er den Tee fallen lies. Und er musste Topa gestehen, dass er es war, der das Buch aus seiner Wohnung in den Stall gelegt hatte. Das er Lele gegen das Bein getreten hatte, tat ihm fast am meisten leid. Aber manchmal geht auch die Liebe seltsame Wege und braucht einen kleinen Schubs in die richtige Richtung.

p.p.s.: Hier geht’s zu den Weihnachtsgrüßen www.philsgeschichtenblog.de/gruesse-aus-dem-weihnachtsdorf/

Alles nur ein Mißverständnis?

Lele wachte auf, als Oma Lerke an die Tür zu ihrer Stube klopfte und den Kopf durch die halb geöffnete Tür steckte.

Ich wollt nur mal schauen, ob mit dir alles in Ordnung ist.“

Ich hab nur noch etwas geschlafen“, antwortete Lele.

Hast du Hunger? Du hast kein Frühstück gemacht. Ich hab uns eine Suppe gekocht und frisches Brot gebacken.“

Danke, das ist toll. Ich komm gleich.“ Lele stand auf, zog sich schnell eine Hose und einen Pulli und ging in die Küche zu Oma Lerke. Sie liebte Oma Lerkes Suppen. Heute gab es Kürbissuppe mit gerösteten Kürbiskernen, einem kleinen Klecks Kürbiskernöl. Dazu frisches Brot. ‚Einfach herrlich‘, dachte Lele und setzte sich an den gedeckten Tisch. Während sie ihre Suppe löffelten, redeten sie über den neueste Klatsch aus dem Dorf.

Nach dem Essen fragte Oma Lerke: „Was liest du da für ein Buch?“

Ich weiß nicht genau“, antwortete Lele und erzählte, wie sie das Buch gefunden hatte. Dann gab sie Oma Lerke eine kurze Zusammenfassung, was bis jetzt in der Geschichte passiert war.

Wer war denn der junge Mann, der dich mit dem Schlitten heim gebracht hat“, wollte Oma Lerke wissen.

‚Aha‘, dachte Lele. ‚Daher weht der Wind.‘

Ach, das war nur Topa. Der, bei dem ich das Buch im Stall gefunden habe. Er hat mir geholfen, die stühle wieder ins Gymnasium zu fahren. Ich hab gar nicht mitbekommen, dass du noch wach warst, als Topa mich nach Hause gefahren hat.“

War ich auch nicht. Deine Mutter war heute früh da als du geschlafen hast.“

Lele lies dem Kopf hängen. Wenn ihre Mutter es wusste, dann vermutlich auch das ganze Dorf. Es machte ihr nichts aus, dass die Leute wussten, dass Topa sie heim gefahren hatte. Aber es würden wieder jede Menge Gerüchte entstehen. Lele hasste solche Gerüchte. Gab es denn nicht genug andere Dinge, über die man reden konnte? Jeder dichtete dann noch etwas hinzu, und schon wurden die haarsträubendsten Lügen herum erzählt.

Was ist denn mit dir und diesem Topa“, fragte Oma Lerke nach einer Weile.

Nichts“, antwortete Lele. Dann schwiegen beide eine Weile. Lele starrte in ihren Tee und Oma Lerke wartete geduldig, bis ihre Enkelin bereit war ihr zu erzählen, was sie wirklich beschäftigte. Schon als Lele noch ein kleines Mädchen war, hatten sie oft im Garten unter einem Baum gesessen und mit einander geredet. Erst waren es die Gedanken und Gefühle eines kleinen Mädchens, dann die eines Teenagers in der Pubertät und heute die einer jungen Frau, die ihren Platz in der Welt suchte. Oma Lerke hatte immer gespürt, wenn Lele etwas beschäftigt, sie sich aber selbst noch nicht im Klaren darüber war. So war es jetzt auch.

Nach einer Weile löste Lele den Blick von ihrer Teetasse und sah ihre Oma an. „Ich weiß nicht genau. Er ist anders als die anderen Männer. Schon im Bücherkreis war er anders, hatte viel mehr Verständnis für die Figuren in den Geschichten. Er war ein bisschen ein Einzelgänger, und die anderen verstanden seine Ansichten oft nicht. Es fragte aber auch keiner nach, und so wurde Topa langsam zum Außenseiter und die anderen machten sich oft lustig über ihn. Ich weiß nicht viel über ihn. Wir haben uns gut verstanden und er hat mich mit dem Schlitten fahren lassen. Das war ein Spaß.“

Oma Lerke wusste, dass sie heute nicht mehr von Lele erfahren würde. Sie lies es dabei und wechselte das Thema.

Ich hab deine Mutter für heute Abend zu Essen eingeladen. Ich würde mich freuen, wenn du mir zuliebe auch dabei bist.“

Sie wird wieder ständig an mir rum nörgeln“, antwortete Lele in der Hoffnung, Oma Lerke würde ihre Meinung noch ändern. Lele liebte ihre Mutter trotz allem was passiert war. Ihre Ansichten waren einfach zu verschieden. Aber sie war ihre Mutter.

Dann hör einfach nicht hin und tu deiner alten Oma diesen Gefallen.“

Lele stand auf, ging um den Tisch und nahm Oma Lerke in den Arm. „Na gut Oma; aber ich tu das nur für dich.“

Danke mein Liebes, das freut mich sehr. Ich mach dir auch einen Schokoladenpudding zum Nachtisch. Mit Nüssen und Sahne.“

Überredet“, grinste Lele ihre Oma an. „Dann leg ich mich jetzt wieder ins Bett und les das Buch zu Ende.“

Lele nahm das Buch vom Kaminsims und ging wieder in ihre Stube. Und wieder war sie sofort von der Geschichte gefesselt. Die beiden Hauptfiguren hatten jede Menge Abenteuer und Schicksalsschläge zu bestehen.

Draußen wurde es langsam dunkel. Lele zündete eine Kerze an, um weiter lesen zu können. Sie musste einfach wissen, wie die Geschichte aus ging.

Die Geschichte war spannend und lebendig geschrieben. Lele wünschte sich auch einen Partner, der so für sie kämpfen würde, wie der Held in der Geschichte. Doch das würde wohl nie passieren; schließlich war sie ja nicht die Tochter eines Grafen. Und so hübsch wie die Frau in dem Buch war sie auch nicht.

Die beiden Hauptfiguren setzten sich gegen alle Widrigkeiten durch und am Schluss gewann ihre Liebe und die beiden wurden ein glückliches Paar.

Als Lele das Buch zur Seite legte, viel ihr wieder der Zettel ein. Sie wollte ihn gerade lesen, als ihre Mutter herein stürmte. Natürlich ohne zu klopfen.

Ach Kindchen; Liebes bist zu krank? Das kommt davon, wenn man sich die ganze Nacht mit diesem Nikolaus und seinem Schlitten rum treibt. Was hast du dir nur dabei gedacht? Dieser Topa ist nichts für dich.“

So weit waren die Gerüchte also schon rum gekommen. Lele lies die Schultern hängen, das würde ein schwerer Abend werden. Aber sie hatte es ihrer Oma versprochen, also versuchte sie so diplomatisch wie möglich zu antworten.

Hallo Mama“, begrüßte Lele ihre Mutter. „Nein, ich bin nicht krank. Ich habe nur gelesen.“ Auf den Teil mit Topa wollte sie nicht eingehen. Ihre Mutter sah das anders.

Aber dieser Topa. Kindchen, das ist doch kein Mann für dich. Ein Nikolaus in unserer Familie, das hat mir gerade noch gefehlt.“

Lele brauchte noch etwas Zeit, um ihre Gedanken zu sortieren und sich zu sammeln. Dann war es am besten, ihre Mutter einfach weiter reden zu lassen.

Wieso? Was ist denn so schlimm an einem Nikolaus?“fragte Lele so unwissend wie möglich.

Kindchen, ich bitte dich. Eine Frau in meiner Position, und dann ein Nikolaus als Schwiegersohn? Das geht doch nicht. Und was der für einen Lebenswandel hat. Treibt sich im Wirtshaus rum. Nicht mal mehr seinen Schlitten konnte er nach hause fahren, so betrunken war er. Und mit einer dieser Italienerinen hat er sich auf dem Boden gewälzt. Kindchen, ich bitte dich. Vor allen Leuten auf dem Boden. Und ich weiß genau, wie das geendet hat. Man hat ihm aus ihrer Hütte kommen sehen am nächsten morgen. Also sowas macht man doch nicht. Und dann auch noch mit einer Ausländerin, da muss man doch vorsichtig sein. Nein, nein Kindchen, der ist nichts für dich, vertrau auf deine Mutter.“

Lele hatte sich mittlerweile wieder angezogen. Was erzählte ihre Mutter da über Topa?

Ach Mama, das is doch bestimmt wieder nur der übliche Klatsch aus dem Dorf. Dafür gibt es bestimmt eine ganz einfach Erklärung.“

Kindchen, tu mir das nicht an. Jetzt verteidigst du auch noch so einen? Am Ende bist du noch verliebt ein so einen Hallodri. Ein Frauenheld ist das, der ist nichts für dich. Kindchen, bitte tu mir das nicht an. Eine Frau in meiner Person. Kindchen du musst auch an meinen Ruf denken.“

Lele spürte, wie sie langsam anfing, die Beherrschung zu verlieren. Nicht nur, dass ihre Mutter sie wieder angriff, jetzt ging es auch noch gegen Topa. Aus irgendeinem Grund wollte sie Topa verteidigen. ‚Dabei kenn ich ihn doch gar nicht. Wir waren nur einmal Schlitten fahren‘, dachte Lele. Sie beschloss, das Gespräch zu beenden. Sie musste sich erst noch über einiges Gedanken machen und Klarheit verschaffen.

Lass uns gehen. Oma wartet bestimmt schon mit dem Essen“. Lele lies ihre Mutter einfach stehen und ging in die Küche.

Frühstück bei Paola

Topa erschrak. Was machte Paola hier? Und in wessen Bett lag er eigentlich? Er hoffte nur, dass es nicht Paolas Bett war.

Guten Morgen“, grüßte Paola freundlich. „Hast du gut geschlafen?“

Äh…., ich äh…., also ….. ja, ich denke schon.“

Du denkst schon? Na kein Wunder, so betrunken wie ihr beiden gestern wart.“ Paola lachte und setzte sich zu ihm auf die Bettkante.

Topa rutschte so weit an die Wand wie er konnte und zog sich die Decke so weit unter ging, dass seine Füße auf der anderen Seite heraus schauten.

Nur keine Angst, ich tu dir schon nichts.“ Wieder lachte Paola. „Du bist ja richtig schüchtern. Also das hätt ich nicht von dir gedacht.“

Topa starrte sie nur mit müden Augen an. In seinem Kopf hämmerten zwei Fragen. Wie war er hierher gekommen? Und was war gestern passiert? Scheinbar ahnte Paola, was in seinem Kopf vorging.

Toni hat dich gestern völlig betrunken hier rein geschleppt. Das hier ist seine Stube. Ihr beiden habt so einen Krach gemacht, dass ich aufgewacht bin. Und nicht nur ich, die anderen sind auch fast alle aufgewacht. Wir Italiener wohnen alle in dieser Hütte. Dann hast du ständig etwas von einer schönen Frau gefaselt; die schönste Frau, die es auf der ganzen Welt gibt. Und dann hast du mich ständig Lele genannt und mir unzählige male erklärt, dass du mich liebst und das es keine faszinierendere Frau gibt als mich. Wer ist denn diese Lele?“

Topa wurde rot vor Scham und zog die Decke über den Kopf. Was hatte er da nur angestellt. Paola musste ihn ja für einen kompletten Idioten halten. Er konnte nur hoffen, dass die anderen Italiener ihn nicht verstanden hatten, sein Auftritt war auch so schon peinlich genug.

Paola griff nach der Decke und zog sie soweit zurück, dass wenigstens sein Kopf wieder zu sehen war.

Es tut mir so leid“, murmelte Topa. „Entschuldige bitte, ich hab das nicht so gemeint.“

Was gibt’s denn da zu entschuldigen? Bei mir musst du dich nicht entschuldigen. Du solltest dieser Lele sagen, was du mir gestern gesagt hast. Ich würd sie ja echt gerne kennen lernen diese Lele“

Du bist nicht böse auf mich?“

Nein“, antwortete Paola. „Warum sollte ich sauer sein? Ich fand euren Auftritt gestern sehr lustig.“

Topa versuchte seine Gedanken zu ordnen. Nach dem, was Toni ihm erzählt hatte, war er davon ausgegangen, dass Paola ihn mochte. Und er redet dann so ein Zeug daher. Er musste sie fragen, auch wenn es ihm richtig peinlich war.

Dann bist du nicht in mich verliebt?“, fragte er.

Paolas Lachen erstarrte. Topa war sich sicher, einen Fehler gemacht zu haben. Am liebsten hätte er sich in Luft aufgelöst.

Wie kommst du denn darauf?“ empörte sich Paola.

Toni hat sowas angedeutet, weil wir uns auf Anhieb so gut verstanden haben.“

Stronzo!“, schimpfte Paola. „Dieser Dummkopf. Nur weil ich mit einem anderen Kerl unterhalte, glaubt er gleich, ich würde mich verlieben.“ Topa hielt es für klüger, den Mund zu halten.

Entschuldige bitte“, sagte Paola dann in einem wesentlich freundlicheren Ton zu ihm. „Natürlich liebe ich dich nicht. Ich habe meinen Verlobten bei uns im Weihnachtsdorf; wir wollen heiraten wenn ich zurück komme.“

Topa fiel ein Stein vom Herzen. „Und ich hab gedacht, du bist beleidigt, weil ich dich in meinem Zustand für Lele gehalten habe“.

Die Anspannung war bei beiden verflogen und sie fingen an zu lachen. Es war Paola, die als erste aussprach, was beide dachten.

Gut, dass wir das geklärt haben. Du bist ein toller Typ Topa. Ich mag dich und ich würde gerne eine deiner Geschichten lesen. Aber mein Herz ist schon vergeben; und deines ja auch.“

Da kann ich dir nur zustimmen. Ich sollte langsam gehen, meine Rentiere stehen auch noch vor dem Wirtshaus.“

Ich hab Frühstück für euch gemacht. Kennst du italienisches Frühstück? Toni ist auch schon wach. Zieh dich an, ich warte in der Küche auf dich.“

Toni saß noch einen Moment im Bett und war froh, dass sich seine Befürchtungen nicht bewahrheitet haben. Manchmal ärgerte er sich über seine negativen Gedanken, konnte aber nichts dagegen tun. Und wie dieses mal stellte sich auch sonst meistens heraus, dass diese Gedanken schlichtweg falsch und dumm waren. Dann stand er auf, zog sich an und ging in die Küche.

Das Frühstück war eine Wucht. Paola hatte sogar Brot gebacken. Dazu gab es Marmelade, Schinken, Tomaten und allerlei Köstlichkeiten, die er bis jetzt nur in Tante Unns Backbüchern gesehen hatte.

Er bedankte sich bei Toni für die Unterkunft und bei Paola für das Frühstück. Zum Abschied umarmte er Paola und sagte: „Du musst unbedingt mal in die Backstube kommen. Tante Unn und ich wollen alles über eure Koch- und Backkunst erfahren.“

Das würde ich sehr gerne, vielleicht kannst du mir im Gegenzug etwas über eure Küche beibringen.“

Das mach ich gerne,“ antwortete Topa.

Dann machte er sich auf den Weg zum Wirtshaus. Tatsächlich stand sein Schlitten noch davor. Die Rentiere würdigten ihn keines Blickes. Normal freuten sie sich, wenn sie ihn sahen.

Ihr habt ja recht“, sagte er zu seinen Rentieren. „Es war kein feiner Zug von mir, euch die ganze Nacht hier draußen stehen zu lassen.“

Dann machte er sich auf den Heimweg. Tante Unn würde sich sicher schon fragen, wo er steckte.

Lele liest

Lele war so in die Geschichte vertieft, dass sie nicht merkte wie spät es schon geworden war. Das Buch handelte von einem Land der Menschen vor vielen Weihnachten. Das Land heißt England und war damals eines der reichsten und bedeutendsten Länder. In vielen fremden Ländern hatte England Kolonien mit neuen Siedlungen und Städten gegründet. Aber es gab auch viel Elend und Ungerechtigkeit. Die meisten Menschen lebten in großer Armut und konnten sich kaum von dem ernähren, was sie mit harter Arbeit verdienten.

Die Geschichte handelte von einem dieser armen Jungen. Als kleiner junge hatte er beim spielen auf einer Waldlichtung ein Mädchen kennengelernt. Die beiden trafen sich heimlich, um mit einander zu spielen. Als der Junge dann älter wurde, musste er in einer der Minen des Grafen arbeiten. Als eines Tages, der Junge war mittlerweile fast erwachsen, bei einem Unglück in der Mine mehrere Arbeiter starben, besuchte der Graf die Mine. Der Graf kam in Begleitung seiner Tochter- Die Tochter war das kleine Mädchen, dass der Junge aus dem Wald kannte. Sie gab ihm heimlich ein Zeichen, und von da an trafen sich die beiden wieder auf der Lichtung im Wald. Schließlich verliebten sich die beiden unsterblich. Aber ihre Liebe durfte nicht sein. Sie war die Tochter eines Grafen und er nur ein Arbeiterkind.

Eines Tages wurden die beiden im Wald überfallen und die Tochter des Grafen wurde entführt. Der Graf war so wütend, dass er den jungen Mann aufhängen wollte. Den der Graf gab ihm die Schuld am verschwinden seiner Tochter. Doch der konnte fliehen und machte sich auf die Suche nach seiner Liebe.

Lele war von der Geschichte und den Figuren darin so ergriffen, dass sie nicht merkte, wie sehr die Tochter der Grafen ihr glich. Nur sehr wenige Bücher hatten sie so tief berührt wie dieses. Die Landschaft, die Häuser und die enge der Mine waren so deutlich beschrieben, dass Lele sofort ein Bild davon vor Augen hatte. Die Figuren waren so lebendig und wirkten so echt, das Lele mit ihnen fühlen konnte. Sie spürte die Liebe zwischen den Beiden, aber auch die Ungerechtigkeit die dem jungen Mann widerfuhr. Und sie konnte den Schmerz der beiden Verliebten spüren, als die Tochter entführt wurde. Das Alles war so real, dass Lele die Tränen kamen als sie die Szene mit der Entführung las.

Das Feuer im Kamin war längst aus gegangen, als Lele das Buch aus der Hand fiel. Lele war eingeschlafen und träumte von der Geschichte, die sie so sehr fesselte.

Oma Lerke fand ihre Enkeltochter schlafend in einem der Sessel, ein Buch und die Decke lagen am Boden. Als Oma Lerke sie wieder zudecken wollte, wachte Lele auf.

Und da behauptest du immer, ich würde im Sessel schlafen“, scherzte Oma Lerke. „Wie lange hast du denn gelesen?“

Ich weiß nicht“, antwortete Lele. „Ich hoffe nur, es nimmt ein gutes Ende.“ Ihr Rücken und ihr Hals waren ganz steif und schmerzten. „Ich werd mich wohl noch etwas hinlegen“, fuhr Lele fort. Sie stand auf und bückte sich, um das Buch aufzuheben. Aus dem hinteren Teil des Buches schaute ein Zettel heraus. Doch Lele war viel zu müde, um dem Zettel auch nur die geringste Beachtung zu schenken. Sie steckte den Zettel als Lesezeichen an die Stelle, von der sie glaubte, sie als letztes gelesen zu haben. Dann legte sie das Buch auf den Kaminsims, gab Oma Lerke einen Kuss und ging in ihre Stube. Kurz darauf war sie auch schon wieder eingeschlafen.

Als Topa wieder aufwachte, lag er in seinem Bett. Durch das Fenster viel Licht und blendete seine Augen. Sein Kopf tat schrecklich weh und der Geschmack in seinem Mund war widerlich. Er brauchte eine ganze Weile um sich zu erinnern, was gestern passiert war. Das Letzte an das er sich erinnern konnte war, dass er mit dieser Frau aus Italien – ihr Name war wohl Paola – auf dem Boden im Wirtshaus gelegen hatte.

Topa erblickte seine Kleider. Sie hingen ziemlich wild über einem Stuhl auf der anderen Seite der Stube. Daneben hing ein Morgenmantel, den er nicht kannte. Er hatte gar keinen Morgenmantel. Er sah sich in der Stube um. Das war gar nicht seine Stube.

Plötzlich ging die Tür auf und Paola kam im Nachthemd herein.

Ein langer Abend

Ich will Paola nicht fangen“, antwortete Topa.

Toni sah in erstaunt an. „No?!“

Nein,“ antwortete Topa. Toni sah ihn prüfend an.

Was is de los mit dir? Paola ise bella donna mit bella figura und du biste blind wie eine Nacht dunkel.“

Ja sie ist schön,“ gab Topa zu. „Aber ich will sie nicht fangen.“

No? Ah, ci sono. Du haste schon Paola zu hause?“

Nein“, sagte Topa

No?“ fragte Toni und sah Topa verwundert an. „Ah, jezde ih verstehe, alle klar. Du haste Liebe Kummer zu eine andere Paola?“ Topa sagte nichts.

Toni stand auf und legte den Arm um Topa´s Schultern. „Eh, mein Freund, du kannste mir vertraue. Ih bin große Kompetenz in amore.“ Er führte Toni zu einem Tisch am anderen Ende der Wirtsstube.

Komme, setzte und erzähle“, forderte er Topa auf.

Der Alkohol hatte Topa redselig gemacht. Und Toni war in ein paar Tagen wieder in Italien. Somit war sein Geheimnis bei ihm sicher.

Er setzte sich zu Toni an den Tisch und begann zu erzählen.

Jedes mal, wenn er eine Pause machte, unterbrach ihn Toni mit irgendeiner Weisheit. Jedoch vergaß Toni nie, seine Kompetenz in alle möglichen Fragen rund um Liebe und Frauen zu erwähnen.

Bald redete nur noch Toni und Topa versuchte, zu zuhören. Topa merkte, wie er langsam müde wurde. Es war schon spät und er hatte eindeutig zu viel getrunken. Zudem hatte er den Eindruck, dass Toni immer leiser wurde. Auch das Licht schien immer dunkler zu werden.

Schließlich war Topa eingeschlafen. Toni störte das wenig, er hatte es nicht mal gemerkt. Die beiden gaben ein lustiges Bild ab. Der eine schlief im Wirtshaus am Tisch, ohne zu merken, dass der andere noch immer mit ihm redete. Der andere redete und erzählte, ohne zu merken das sein Gegenüber schon schlief.

Lele öffnete leise die Tür zur Hütte; sie wollte ihre Oma nicht wecken. Sie warf einen Blick in die Wohnstube und sah ihre Oma schlafend in ihrem Sessel. Das Feuer im Kamin war schon fast runter gebrannt.

Lele ging in die Küche und machte sich noch eine Tasse Tee. Dann ging sie zurück in die Wohnstube, legte etwas Holz ins Feuer. Oma schlief noch immer, Lele konnte sie leise atmen hören. Lele setzte sich in den anderen Sessel und fing an, in dem Buch zu lesen, dass sie in Topas Stall gefunden hatte. Nach ein paar Seite, stand Lele auf, um sich eine Decke zu holen und noch einen Tee zu machen. Als sie in die Wohnstube zurück kam, war Oma Lerke wach.

Du brauchst nicht extra leise zu sein. Ich war noch wach.“ Lele lächelte ihre Oma liebevoll an. Den Satz hörte Lele immer von ihr, wenn Oma Lerke wach wurde. Und immer behauptete die alte Dame, sie habe ja gar nicht geschlafen. Lele hatte es längst aufgegeben, ihr zu widersprechen. Mittlerweile war es ein festes Ritual zwischen den beiden. Lele liebte ihre Oma viel zu sehr, und so lies sie sie in dem Glauben, nicht geschlafen zu haben.

Ich wollte dich nur nicht erschrecken“, log Lele wie immer. Oma Lerkes Augen begannen zu strahlen. „Das ist lieb von dir. Ich glaube, ich geh jetzt aber ins Bett.“ Lele half Oma Lerke aus ihrem Sessel, umarmte sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Gute Nacht Oma.“

Gute Nacht Liebes“, antwortete sie und ging in ihre Stube.

Lele setzte sich wieder in ihren Sessel vor dem Kamin, legte ihre Füße auf einen Schemel und wickelte sich eine Decke um die Beine.

Nach nur wenigen Zeilen, war sie ganz in die Geschichte eingetaucht.

Liebe auf Italienisch

Als Lele vor dem Wirtshaus stand, hörte sie von drinnen ein lautes Scheppern, als sei ein Stuhl umgefallen. Danach begann ein lautes Lachen und sie hörte einige Stimmen in einer Sprache, die sie nicht verstand. Sie spähte durchs Fenster. Drinnen standen die Gäste in einem Kreis um zwei Gestalten, die in einer nicht sehr sittlichen Position auf dem Boden lagen. Eine davon war eindeutig eine Frau. Und die andere Person? Sie konnte sie nicht eindeutig erkennen zwischen all den Gästen die um die beiden am Boden herum standen. Sie drehte den Kopf hin und her. Wer war das nur? ‚Ach, was geht mich das an‘, schimpfte sie sich selber.

Das war ihr eindeutig zu viel Trubel für heute. Sie beschloss, nach Hause zu gehen, sich noch etwas vor den Kamin zu setzen und in dem Buch zu lesen, das sie in dem Stall gefunden hatte. Vielleicht war Oma Lerke noch wach, dann konnten sie sich noch etwas unterhalten. Sie drehte sich um und ging nach Hause.

Paola und Topa schafften es irgendwie, wieder auf die Beine zu kommen. Paola gab Topa einen Kuss. „Danke, dass du mich aufgefangen hast.“

Plötzlich klopfte Toni ihm auf die Schulter. „Mama mia, du biste vielleicht eine scharfe Hund; du lässte nix verbrenne, oder wie sagte man bei euch? Die Paola iste mehr scharf wie ein Peperoni.“

Topa verstand gar nix. In seinem Kopf drehte sich alles; er hatte eindeutig zuviel Punsch getrunken und der Sturz hatte ihm die Luft aus der Lunge gepresst. Er hatte Schwierigkeiten, sich zu orientieren. Nach einer Weile konnte er die Tür erkennen und stolperte darauf zu. Toni packte ihm am Arm und brachte ihn hinaus.

Die kalte Luft sorgte schnell dafür, dass er wieder einigermaßen klar wurde im Kopf. „Was hast du da gerade erzählt?“, fragte er Toni.

Na du und die Paola, du versteh?“ Topa schüttelte den Kopf. „Allora“, fuhr Toni fort. „Die Paola iste ein schöne Frau und du biste genau ihre Typ, capisci ?

Langsam dämmerte Topa, auf was Toni anspielt. „Ach quatsch, wir haben uns nur gut unterhalten. Über Bücher.“

Toni setzte eine empörte Mine auf und klopfte sich auf die Brust. „No no, ih bin Italiener. Ih kenn mi aus mit amore. Du kanste mir vertraue, ih bin große Kompetenz in amore.“ Topa hatte keine Lust, sich auf diese Diskussion einzulassen. Er legte eine Hand auf Toni´s Schulter und schob ihn Richtung Tür. „Ich glaube wir sollten langsam heim gehen.“ „Si, du nimmste Paola mit?“ Topa lachte, diese Italiener sind ein komisches Volk.

Sie betraten wieder das Wirtshaus. Sofort kamen einige Nikoläuse auf ihn zu. „Man Topa, du bist ja ein richtiger Draufgänger. Wir dachten immer, du wärst so schüchtern. Und dann schnappst du dir diese heiße Italienerin. Das musst du uns mal erzählen, wie du das gemacht hast. Hier, trink noch einen mit uns.“

Jetzt mal langsam,“ erwiderte Topa. „Wir haben uns nur über Bücher unterhalten.“

Des war die beste Nummer; total super“, lallte einer der Stammgäste. „Prost du Frauenheld!“

Topa nahm das Glas und sagte: „Na gut, einen noch. Aber dann is Schluss“. Topa stand eine Weile mit an der Theke. Die Stammgäste vertieften sich wieder in Ihre Gespräche – sofern man bei dem einen oder anderen noch von „sprechen“ reden konnten. Als Topa zum dritten Mal den letzten Punsch getrunken hatte, merkte er, dass ihn keiner mehr beachtete und machte sich auf, um sich von Toni und den anderen zu verabschieden.

Toni sah in mit großen Augen an. „Madre di Dio, du biste noh da? Paola iste schon lange weg. Avanti, wenn du dih beeile, kannste noch fange Paola!“

Das Buch

Als Lele auf die kleine Hütte zuging, die Topa als Stall und Wohnung benutzte, war sie ein wenig nervös. Doch es brannte kein Licht. Sie klopfte an die Tür und horchte. Sie klopfte noch mal. Wieder keine Reaktion. Sie ging einmal um die Hütte, um zu sehen, ob es noch einen Eingang gab. Das große Tor auf der Rückseite stand offen. Lele blickte hinein, sah den Schlitten mit dem sie gestern unterwegs waren und zwei Rentiere. Also musste Topa doch zu hause sein. Lele wusste nicht, dass Topa noch den kleinen Schlitten und zwei weitere Rentiere hatte.

Sie ging erneut zur Türe an der Vorderseite und klopfte. Komisch, dachte Lele. Sie wollte wenigstens die Decke da lassen und ging zurück zu dem großen Tor. Lele betrat den Stall und sah sich um. Ihr gefiel der Stall, sie mochte den Geruch von Heu und Stroh. Und sie mochte die Rentiere. Auf einem Fensterbrett lagen ein paar Äpfel. Lele legte die Decke auf den Kutschbock, holte die Äpfel und fütterte die Rentiere. Sie hätte auch gerne so schöne und edle Tiere gehabt. Nach einer Weile verabschiedete sie sich von den Rentieren und machte sich auf den Weg ins Wirtshaus. Jetzt hatte sie richtig Lust auf einen Weihnachtspunsch. Als sie schon fast zum Tor hinaus war, fühlte sie einen leichten Schlag gegen ihre Beine und wäre fast gestolpert. Sie blieb stehen und sah sich um. Da war nichts, wogegen sie gestoßen sein konnte. Nur ihr rechter Schuh war offen. Lele bückte sich, um ihren Schuh zu binden. Da sah sie etwas im Stroh neben ihrem Fuß liegen. Es war ein Buch mit einem Umschlag aus Rentierleder. Sie konnte unmöglich gegen ein Buch gestoßen sein.

Lele hob das Buch auf und blätterte die ersten Seiten durch. Sie überflog hier und da einzelne Absätze. Sie hatte schon lange kein Buch mehr gelesen. Genau genommen seit Ihre Beziehung mit dem Arzt begonnen hatte. Während der Beziehung hatte sie genug damit zu tun, auf unzähligen Festen, Empfängen und offiziellen Anlässen „Frau Doktor“ zu spielen. Und danach hatte sie nie die innere Ruhe gefunden, ein Buch zu lesen. Sie steckte das Buch ein und machte sich auf in Richtung Wirtshaus.

Während dessen saß Topa mit Toni und den anderen Italienern am Tisch. Toni und Topa verstanden sich auf Anhieb. Auch die anderen hatten eine Menge Fragen an Topa. Und Topa war völlig fasziniert, wie gestenreich die Italiener diskutierten. Schnell entstand eine lebhafte Diskussion. Die Bedienung brachte noch eine Runde Punsch und bald hatte Topa alles um sich herum vergessen.

Topa musste sich teilweise sehr konzentrieren, denn nicht alle Italiener konnten seine Sprache gut genug. Eine junge Frau, ihr Name war Paola, half Topa, und übersetzte die Fragen und Antworten.

Woher kannst du unsere Sprache so gut?“, fragte Topa nach einer Weile.

Ich bin Lehrerin. Ich unterrichte Literatur und habe viele Bücher in deiner Sprache gelesen.“

Während der nächsten beiden Runden Punsch, redeten Topa und Paola über Bücher, die sie beide gelesen hatten. Je länger sie mit einander redeten, um so mehr wuchs in Topa die Begeisterung. Er hatte endlich jemanden gefunden, der seine Leidenschaft für Bücher teilte.

Plötzlich platzte Toni dazwischen. „Allora; Topa in Italia wir habe lustige Spiel mit Schlitte.“ Topa war sich nicht ganz sicher, was Toni meinte und sah Paola fragend an. Sie erklärte ihm, dass es sich um ein lustiges Spiel handelt, dass oft bei Feiern gespielt wurde. Für das Spiel benötigt man 9 Personen, denen unterschiedliche Rollen zugewiesen werden: Kutscher, König, Königin, 2 Pferde, 4 Räder. Jede Person sitzt auf einen Stuhl. Alle Stühle werden wie eine Kutsche aufgebaut.

Nun wird eine Geschichte vorgelesen. Jedes Mal, wenn in der Geschichte der Rollenname einer Person genannt wird, muss die betreffende Person aufstehen und einmal um ihren Stuhl laufen: Wenn z.B. „König“ vorgelesen wird, muss die Person, die die Rolle des Königs hat, aufstehen. Verpasst eine Person ihr Stichwort, ist sie ausgeschieden. Wer am Schluss noch auf seinem Stuhl sitzt, hat gewonnen.

Das klingt lustig“, sagte Topa. „Lasst uns spielen.“

Mittlerweile hatte Toni schon die Stühle aufgebaut. Topa war eines der Pferde, Paola war das andere Pferd.

Schon der Probedurchgang erwies sich als schwierig und chaotisch; der Punsch zeigte seine Wirkung. Immer wieder mussten sie das Spiel unterbrechen, weil sie sich vor Lachen kaum auf den Stühlen halten konnten. Den anderen Gästen war das Theater nicht entgangen und bald standen sie im Kreis um die Stühle und sahen den jungen Leuten beim Spiel zu.

Zwei der Räder und der Kutscher waren schon ausgeschieden, als Topa und Paola wieder ihr Stichwort bekamen. Beide sprangen auf und liefen um ihren Stuhl. Topa lief links herum und Paola rechts herum.

In der Mitte liefen sich beide in die Arme und verloren das Gleichgewicht. Topa versuchte, sich an einem der Stühle festzuhalten. Der Stuhl kippte um, schlug laut scheppernd auf dem Boden auf und Paola und Topa verloren endgültig den Halt. Sie landeten neben dem Stuhl auf dem Boden. Paola lag bäuchlings auf Topa. Die anderen begannen laut zu lachen.

Lele war vor dem Wirtshaus angekommen.

 

p.s.: Twins, Alles Gute zum Geburtstag!!!

Im Wirtshaus

Topa lief in seiner kleinen Wohnung auf und ab. Er wusste nicht, was ihn dazu gebracht hatte, Onkel Pelle einfach so stehen zu lassen und davon zu laufen. Wenn er früher als kleiner Junge davon gelaufen war, dann war er wütend auf sich selbst. Meist hatten Tante Unn oder Onkel Pelle ihn bei irgend etwas erwischt, von dem er nicht wollte, dass sie es wussten. Es sollte sein Geheimnis bleiben. Jetzt ging es ihm ähnlich. War er wirklich verliebt in Lele?

Die Wohnung war ihm plötzlich zu eng. Er musste raus. Topa ging in den Stall und spannte zwei Rentiere vor den kleinen Schlitten. Er wusste nicht, wo er hin wollte, und so fuhr er ziellos durch das Weihnachtsdorf.

Lele war froh, das ihre Schicht für heute zu Ende war. Sie war zwar etwas müde, aber der gestrige Abend war so schön für sie gewesen, dass sie den ganzen Tag gute Laune hatte. Es hatte ihr gut getan, mit Topa zu reden. Zwar hatte sie immer noch keine Antwort auf ihre Frage nach dem Glück. Aber sie hatte das Gefühl, in Topa jemanden gefunden zu haben, mit dem sie reden konnte.

Nach dem Abendessen brachte Lele ihrer Oma eine Tasse Tee und half ihr, sich in eine Decke gewickelt vor den Kamin zu setzten. Die frische Luft auf dem Weg nach Hause hatte ihr gut getan. Und die Decke erinnerte sie daran, dass sie noch die Decke von gestern Abend hatte. So beschloss sie, noch einen kleinen Spaziergang zu machen und Topa die Decke zurück zu bringen. Auf dem Rückweg würde sie am Wirtshaus vorbei kommen. Sie freute sich schon auf einen Becher Weihnachtspunsch.

Topa war eine ganze Weile planlos durch das Weihnachtsdorf gefahren. Er hatte keinen Tee dabei und beschloss, noch auf einen Punsch ins Wirtshaus zu fahren.

Er parkte den Schlitten vor dem Wirtshaus, gab den Rentieren einen Apfel und warf ihnen eine Decke über den Rücken.

Das Wirtshaus war gut besucht. An der Theke und am Stammtisch saßen ein paar Nikoläuse, an der übrigen Tischen saßen weitere Nikoläuse, spielten Karten mit ein einigen Wichteln oder unterhielten sich über den neuesten Klatsch. An einem runden Tisch in einer Ecke saßen ein paar junge Leute, die er nicht zuordnen konnte.

Er setzte sich an einen freien Tisch und bestellte einen Punsch. Als die Bedienung den Punsch brachte, war Topa schon in seinen Gedanken versunken. Nach einer Weile bestellte er noch einen Punsch. Mit zwei Punsch konnte er noch fahren. Plötzlich sprach ihn jemand an.

Eh, meine Freunde. Was is de los mit dir? Du schauste aus traurig.“

Topa hob den Kopf und erkannte einen der Gäste, die an dem runden Tisch in der Ecke saßen.

Ih bin Toni, aus Italia“, stellte sich der andere vor.

Topa“, antwortete Topa. Er war neugierig geworden. „Was machst du hier im Weihnachtsdorf?“

Allora, ih bin Austausche Student für Babbo Natale in Italia.“

Topa hatte schon davon gehört, dass seit ein paar Weihnachten ein Austausch mit anderen Weihnachtsdörfern stattfand. Darunter waren aber nicht nur Schüler, sondern auch Wichtel, Nikoläuse, Ärzte, Krankenschwestern und einige andere nutzen die Gelegenheit, Neues zu lernen.

Was bedeutet Babbo Natale?“, fragte Topa.

Das ise Weihnachte Mann. Bei euch ise Nikolaus, si?“

Topa war sofort begeistert. Ein Nikolaus aus Italien, da konnte er bestimmt jede Menge lernen.

Ich bin auch Nikolaus“, sagte Topa.

Ah, Bene. Ih habe ein paar Frage an dih, si?“ freute sich Toni „Allora, komm sitze an unsere Tisch.“

Die beiden standen auf und gingen zu den anderen an den runden Tisch.

Toni erklärte, wer Topa war und stellte die anderen am Tisch vor.

Topa ist verliebt

Topa war froh, als er am nächsten Tag den Schlitten nach der Arbeit im Stall abstellen konnte. Er war müde. Letzte Nacht hat er nicht viel geschlafen.

Nachdem er die Rentiere versorgt hatte, freute er sich auf das Abendessen mit Tante Unn, Onkel Pelle und den Kindern. Kaum hatte er die Hütte betreten, stieg ihm auch schon ein herrlicher Duft in die Nase. Plötzlich war Topa sehr hunrig. Tante Unn hatte ihre berühmten Eintopf gekocht. Mit Kartoffeln, Karotten, Bohnen und noch einigen anderen Gemüsesorten. Das ganze wurde in einer kräftigen Brühe gekocht und mit ein paar Scheiben gebratenem Speck gewürzt. Dazu gab es frisches Brot und für ihn und Onkel Pelle noch ein frisches Weihnachtsbier. Die Brauerei im Weihnachtsdorf braute immer zu Weihnachten ein starkes Bockbier.

Als die Kinder im Bett waren, saß er mit Tante Unn und Onkel Pelle am Tisch.

Wie war´s gestern mit Lele?“, fragte Tante Unn. „Du bist erst spät heim gekommen.“

Topa überlegte, ob er von der Schlittenfahrt erzählen sollte. Aus irgend einem Grund war es ihm unangenehm, von der Schlittenfahrt mit Lele zu erzählen.

Und der Schlitten war voller Schnee, was habt ihr denn gemacht?“, fragte Onkel Pelle.

Damit waren seine Überlegungen beendet.

Wir haben noch eine kleine Schlittenfahrt gemacht. Das mit den Stühlen hat gut funktioniert; einige Wichtel haben uns geholfen. Lele macht das echt gut.“

Was? Das mit den Stühlen?“, wollte Tante Unn wissen

Das Schlittenfahren. Sie macht das besser, als so mancher Nikolaus.“

Du hast Lele mit deinem Schlitten fahren lassen?“

Ja, sie hat mich gefragt und dann ist sie den Schlitten gefahren.“ Tante Unn und Onkel Pelle sahen sich erstaunt an. Das passte so gar nicht zu Topa, einfach so jemand anderen mit seinem Schlitten fahren zu lassen. Nicht mal Onkel Pelle wollte er seinen Schlitten leihen.

Topa stand auf und verabschiedete sich. Als er gegangen war, setzten sich Tante Unn und Onkel Pelle in ihre Sessel und dachten nach.

Also irgend was stimmt mit dem Jungen nicht.“ Es war Onkel Pelle, der zuerst aussprach, was beide dachten.

Nur was? Jemand sollte gehen und mit ihm reden“, sagte Tante Unn, nahm sich ein Buch und begann zu lesen. Onkel Pelle stand auf, küsste seine Frau und machte sich auf den Weg in den Stall.

Topa war gerade dabei, die Kufen an seinem Schlitten zu kontrollieren, als er Schritte hinter sich hörte.
„Bist du das, Tomte?, fragte er.

Ich bin´s, Onkel Pelle“, antwortete Onkel Pelle und setzte sich auf einen der Heuballen.

Entschuldige bitte“, sagte Topa. „Ich hab mit Tomte gerechnet. Er war schon lange nicht mehr hier.“

Deine Tante schickt mich um mit dir zu reden.“

Topa stand auf und setzte sich neben ihn.

Wir fragen uns, warum du Lele deinen Schlitten fahren lässt.“

Sie hat mich gefragt.“

Ich hab dich auch schon oft gefragt und immer bist du lieber selbst gefahren anstatt mir den Schlitten zu leihen.“

Das ist ja auch was anderes“, sagte Topa. „Ich saß ja daneben und hätte jederzeit eingreifen können.“

Onkel Pelle schwieg eine Weile und dachte nach. Dann hatte er eine Idee. Er wollte Topa aus der Reserve locken.

Diese Lele hat´s dir ja ganz schön angetan!“

Mir? Wie kommst du denn darauf?“

Onkel Pelle war auf der richtigen Spur. „Sie gefällt dir.“

Wer? Lele?“, fragte Topa möglichst unschuldig und erstaunt. „Naja, sie ist schon ganz hübsch.“

So hübsch, dass du ihr deinen Schlitten gibst?“

Was hat das denn damit zu tun? Sie hat einfach gefragt und ich hab ja gesagt.“ Topa versuchte, Onkel Pelle nicht in die Augen zu schauen.

Onkel Pelle war jetzt ganz sicher, was mit Topa los war.

Sie bringt dich aus dem Gleichgewicht, hm?“ Onkel Pelle lies nicht locker.

Mhm.“ Topa nickte zustimmend.

Und sie gefällt dir?“

Mhm.“

Kribbelts bei dir?“

Mhm“.

Onkel Pelle fing an zu lachen und legte Topa eine Hand auf die Schulter.

Du bist verliebt!“

Topa sprang auf. „Was ich?“

Das ist ok Junge. Irgendwann erwischt´s uns alle.“

Ach, papperlapapp. Ich bin doch nicht verliebt.“ Topa drehte sich um und stürmte in seine Wohnung.

Onkel Pelle machte sich wieder auf den Weg zu seiner Frau.

Hast du mit ihm gesprochen?“, fragte Tante Unn.

Ja“ sagte Onkel Pelle und setzte sich in seinen Sessel. „Er ist verliebt und will es nicht zugeben.“

Lass ihm noch etwas Zeit. Ihr Männer braucht da eben ein bisschen länger.“ Onkel Pelle reagierte auf die liebevollen Sticheleien seiner Frau. Er griff nach ihrem Sessel und zog ihn zu sich heran. Dann hob er sie mit seinen kräftigen Armen aus dem Sessel und setzte sie auf seinen Schoß.

Tante Unn blickte ihren Mann liebevoll an.

Es war eine gute Idee von dir, dass ich mit ihm spreche. Ich wünsche mir, dass der Junge Lele genauso liebt wie ich dich. Denn nur dann, lässt sich ein Mann aus Liebe herumkommandieren.“

Tante Unn setzte eine entrüstete Miene auf. „Ich kommandier dich doch nicht herum, Herr Pelle.“

Aber ich liebe dich, Frau Unn“. Dann fingen beide an zu lachen, schließlich küssten sie sich lange.

Eine absurde Frage?

Aber Lele lachte einfach nur.

Kein Problem,“ sagte sie. „Hast du eine Decke? Wenn ich mich in die Decke und das Fell wickle, kann ich die Jacke ausziehen und mir wird nicht kalt.“

Topa griff wieder unter den Sitz und reichte ihr eine Decke. Lele zog ihre Jacke aus, wickelte sich die Decke um und griff nach dem Rentierfell.

Du bist nicht sauer?“, fragte Topa.

Nein, wegen dem bisschen Tee? Ich hatte heute soviel Spaß wie schon lange nicht mehr. Das lass ich mir nicht vermiesen.“

Topa fiel ein Stein vom Herzen. „Und dir ist sicher nicht kalt?“

Lele rutschte wieder ganz nah neben ihn und deckte sie beide mit dem Fell zu. „So wird es gehen.“

‚Dann hat die Sache ja noch was Gutes‘, dachte Topa bei sich. Es war spät geworden und so machten sie sich auf den Rückweg. „Soll ich dich nach Hause fahren?“, fragte Topa. „Gerne“; antwortete Lele. „Ich zeig dir den Weg.“

Topa blieb vor ihrer Hütte stehen und half Lele vom Schlitten.

Lele umarmte Topa zum Abschied. Vielleicht ein bisschen zulange und vielleicht auch ein wenig zu fest. Sie dachte nicht darüber nach; Lele handelte einfach intuitiv. Schon während der Schlittenfahrt und auch als Topa ihr von den Menschen erzählte, spürte Lele eine Vertrautheit zwischen sich und Topa. Sie wusste nicht warum das so war, aber es tat ihr gut. Lele genoss die Umarmung eine ganze Weile. Dann löste sie ihre Arme und trat eine halben Schritt zurück.

Danke“, sagte sie und gab Topa einen Kuss auf die Wange. Der stand einfach nur da und war völlig überrumpelt.

Wofür war der denn?“, fragte Topa und griff sich an die Wange.

Weil ich heute wirklich viel Spaß hatte. Die letzten Monate waren nicht leicht für mich, und es hat mir sehr gut getan, einfach mal wieder Spaß zu haben, ohne ständig nachdenken zu müssen.“

Topa verstand nur die Hälfte, traute sich aber nicht zu fragen. Lele zog sich die Decke enger um die Schultern. „Schlaf gut, Topa. Und nochmal vielen Dank. Ich bring dir morgen die Decke wieder.“

Gute Nacht“, war alles was Topa herausbrachte.

Lele drehte sich um und ging in Richtung der Tür. Topa schaute ihr nach, bis die Tür hinter ihr zuviel. Er konnte nicht sehen, wie sich Lele mit dem Rücken gegen die Tür lehnte, kaum das diese in Schloss gefallen war.

Topa stand noch eine ganze Weile da. Als ihm die Kälte langsam durch die Kleider kroch, stieg er auf den Schlitten und machte sich auf den Heimweg.

In dieser Nacht lag Topa noch lange wach. Er versuchte zu verstehen, was passiert war. Alles war so schnell gegangen. Und dann diese Kribbeln, das Stechen in der Brust. Dann fühlte er sich einfach nur – ja wie eigentlich? Es war ein bisschen ein Gefühl, als würde er schweben. Normal verlief sein Leben geordnet. Er hätte sich nie getraut, jemand anderen seinen Schlitten lenken zu lassen. Er hatte nicht mal daran gedacht, nein zu sagen. Lele schaffte es immer wieder, sein inneres Gleichgewicht ins Schwanken zubringen und die Ordnung in seinem Leben auf den Kopf zu stellen. Ihren Körper zu spüren, hatte ihn aller Sinne beraubt. Ihm wurde wieder schwindelig, wenn er daran dachte. Plötzlich hatte er wieder ihr Bild vor Augen. Lele stand wieder auf der Treppe vor der Musikschule, mit ihrer weißen Mütze über den roten Haaren. Ihre Augen strahlten dieses einzigartige Blau aus. Plötzlich war das Stechen wieder da. Sogar die Augen taten ihm weh. Das war sicher nur die Müdigkeit. Wie können einem die Augen weh tun, wenn man etwas schönes sah? Die Antwort auf diese Frage war völlig eine neue, völlig absurde Frage.

War es tatsächlich möglich, dass etwas so schön war, das der Anblick schmerzt?