Archiv für den Tag: 13. Dezember 2014

Rettung in Sicht

Eirik riss sich die Handschuhe runter. Dann sprang er mit wenigen Sätzen zu dem Wrack. Er spürte weder die Kälte noch die Splitter die sich von den gebrochenen Holzstücken in seine Finger bohrten.

Doch so viele Trümmer er auch wegräumte, er fand weder seine Frau noch seinen Sohn. Er blickte auf und sah sich um. Nirgends eine Spur der beiden. Schließlich fiel sein Blick auf den grausam zugerichteten Kadaver des Rentiers. Das Blut stammte also nicht zwangsweise von Maj-Lis und Topa.

In ihm keimte die Hoffnung, dass die beiden irgendwie überlebt hatten. Er blickte den Hang hinauf und sah in der Spur die der Schlitten im Schnee hinterlassen hatte einen Stiefel liegen. Mühsam kletterte er aus den Trümmern und stieg hinauf. Der Stiefel gehört Maj-Lis. Wieder blickte er sich um. Dann rief er ihren Namen. Keine Antwort. Wieder rief er nach ihr, diesmal aber lauter. Er lauschte, bis das Echo seiner Stimme verhalt war. Als er immer noch keine Antwort bekam, schrie er nicht mehr, er brüllte abwechselnd ihren und Topas Namen. Vergebens.

Plötzlich hörte er das zweite Ren. Angestrengt versucht er herauszufinden, aus welcher Richtung die Rufe kamen. Er stieg noch in kleines Stück den Hang hinauf. Schließlich fand er die Spur des Rens. Die Spur führte in den Wald. Er blickte ihr nach und entdeckte Maj-Lis und Topa. Beide lagen bewusstlos im Schnee. Er eilte zu ihnen, nahm Topa auf den Arm und drehte Maj-Lis vorsichtig von der Seite auf den Rücken. Topa atmete noch. Und auch Maj-Lis war noch am Leben. Er konnte ihren warmen Atem in der kalten Luft sehen. Er zog seinen Mantel aus, legte ihn auf den Boden und zog Maj-Lis so sanft wie möglich darauf.

Dann packte er die Zügel des Rens und zog es neben Maj-Lis. Auf sein Kommando legte sich das Ren neben MMM und spendete ihr so etwas Wärme. Das gab ihm genug Zeit um mit Topa auf dem Arm zurück zum Schlitten zu laufen. Dort baute er aus Fellen, Decken und Kissen ein Lager. Er legte Topa darauf und deckte ihn zu. Er schnappte sich noch eine Decke und kehrte zu Maj-Lis zurück. Die Decke legte er über das Ren, wickelte Maj-Lis fest in seinen Mantel und setzte sie auf die Decke. Mit einer Hand nahm er das Ren am Zügel, mit der anderen Hand hielt er Maj-Lis fest.

Der Weg zurück verlief ohne Probleme. Er hob seine Frau vom Ren und setzte sie so auf das Lager, dass sie mit dem Rücken an einem Baum saß. Während er nach etwas zu Essen und Trinken suchte, schlug Maj-Lis die Augen auf. Er hörte, wie sie seinen Namen flüsterte. Sofort war er wieder bei ihr.

¨Maj-Lis, du lebst. Es tut mir so leid, das war alles meine Schuld.¨

¨Wo ist Topa?¨

¨Neben dir. Er lebt und ist nicht verletzt. Wie geht es dem Baby?¨

¨ Ich glaube, es geht ihm gut. Was ist passiert? Wir wurden plötzlich hin und her geschleudert. Plötzlich flogen wir durch die Luft und dann kann ich mich an nichts mehr erinnern.¨

Eirik schlug betroffen die Augen nieder.

¨ Es ist meine Schuld¨, begann er. Dann erzählte er ihr, was passiert war.

Maj-Lis legte eine Hand auf seinen Arm. ¨Du darfst dir nicht die Schuld geben. Der Sturm hat die Bremsen vereist. Wir sind nur ein wenig durchgeschüttelt und vielleicht hab ich ein paar blaue Flecken¨

Die gutgemeinten Worte seiner Frau spendeten ihm keinen Trost. Zu groß waren seine Schuldgefühle und sie Sorge um Frau und Kind.

Eirik baute aus den Trümmern des Schlitten, aus Decken und Fellen ein provisorisches Lager für die Nacht und entzündete ein kleines Lagerfeuer. Dann versorgte er das Ren und sammelte die wichtigsten ihrer Habseligkeiten zusammen. Während dessen legt er sich einen Plan zurecht, wie er seine Familie sich zum nächsten Bauernhof bringen könnte. Für ihn allein wären es zwei Tagesmärsche. Maj-Lis würde in ihrem Zustand und nach dem Unfall wohl nicht mit ihm mithalten können. Zudem hatten sie noch Topa und das Gepäck zu tragen.

Er setzte sich zu Maj-Lis auf das Lager und sie aßen zu Abend.

¨Die Vorräte reichen für drei Tage¨, sagte Eirik. ¨Zum nächsten Bauernhof sind es zu Fuß  gut 3 Tage, wenn nicht 4¨.

¨ Ich weiß nicht, ob ich es soweit schaffe¨, antwortete sie.

¨Wenn ich alleine gehe, brauche ich zwei Tage. Dann kann ich mit einem Ersatzschlitten in einem weiteren Tag wieder bei euch sein.¨ Eirik sprach aus, was beide dachten. Die Folgen dieser Entscheidung waren ihnen bewusst; auch deswegen sprachen sie nicht darüber.

¨Lass uns schlafen,¨ sagte Maj-Lis ¨Morgen früh sehen wir weiter und entscheiden, was wir machen.¨