Archiv für den Tag: 15. Dezember 2014

Abends im Postamt

Santa Claus saß im Postamt hinter seinem Schreibtisch. Gestern hatte die Kommission ihre erste Sitzung. Und da es auch die einzige Sitzung vor der großen Versammlung war, war es um so ärgerlicher, dass sie sich nicht hatten einigen können. Genauso wie bei den Dorfbewohnern gab es auch in der Kommission unterschiedliche Auffassungen, wie die Probleme im Dorf gelöst werden sollten.

Ein Klopfen an der Tür riss ihn aus seinen Gedanken. Es war Kine, die ihm das Abendessen brachte.

¨Schon so spät¨, murmelte er schuldbewusst zur Begrüßung.

¨Ja¨, antwortete Kine. ¨ Aber du hast ja eine verständnisvolle und fürsorgliche Frau.¨

Es kam nicht oft vor, dass sie ihm Abends das Essen ins Postamt brachte. Kine stellte den Korb mit dem Essen auf den Schreibtisch, nahm einen Stuhl aus der Ecke und setzte sich Santa Claus gegenüber.

¨Gestern Abend war es spät und heute morgen warst du schon vor dem Frühstück wieder auf dem Weg ins Postamt. Hat die Sitzung den wenigstens etwas gebracht?¨, wollte Kine wissen.

¨Leider nein¨, antwortete Santa und gab ihr eine kurze Zusammenfassung von gestern Abend.

¨Morgen ist die große Versammlung. Da sind noch mehr Leute da und es wird noch mehr unterschiedliche Meinungen geben. Wie wollt ihr da eine Lösung finden?¨, frage Kine weiter.

Er blickte sie ratlos an und machte sich über den Eintopf her. Auch Kine nahm sich eine Portion.

Sie lies ihn eine Weile mit seinen Gedanken allein, dann bat sie ihn, laut zu denken.

¨ Zum einen denke ich¨, begann Santa Claus, ¨dass wir nicht zu viel von dem aufgeben dürfen, was unser Leben ausmacht. Im Gegensatz zu den Menschen haben wir keine Zeit. Klar, es gibt Tage und Jahreszeiten. Aber wir teilen weder das Jahr in Monate ein, noch die Woche in Tage oder den Tag in Stunden. Wenn ich etwas von jemandem brauche, gehe ich einfach zu ihm. Wir Dorfbewohner wissen auch ohne Stunden und Minuten, ob derjenige gerade auf der Arbeit oder zuhause ist. Wir brauchen auch keine feste Zeit, wann wir von der Arbeit nach Hause gehen. Das Essen ist fertig, wenn wir die Tür aufmachen. Für die Menschen wäre das Magie. Aber bei uns im Weihnachtsdorf funktioniert das Leben schon immer so. Wir brauchen keine festen Termine und eine Zeiteinteilung wie die Menschen. Einige sind der Meinung, wir sollten feste Termine bei uns haben. Andere meinen, dass würde uns ähnlich wie den Menschen nur Hektik und Druck bringen.¨

¨ Und wie ist deine Meinung dazu?¨, fragte Kine als Santa Claus eine kleine Pause machte.

¨ Ich denke, das würde unseren Rythmus und unsere Lebensweise grundlegend verändern. Und das Problem, dass wir durch das Verhalten der Menschen haben, würde sich dadurch auch nicht lösen lassen. Die Arbeit würde nicht weniger, wir würden nur auf eine andere Art und Weise versuchen, damit fertig zu werden. Das würde aber nur funktionieren, wenn wir Tag und Nacht arbeiten. Dann bleibt wieder keine Zeit für Familie, Freunde und die Dorfgemeinschaft. Wir würden dann nur leben um zu arbeiten. Dann hätten wir zwar alle Geschenke rechtzeitig bei den Menschen. Aber wir müssten dann auch unsere Landwirtschaft und die Produktion unserer Waren und Produkte ändern. Wenn die Bewohner keine Zeit mehr haben, ihren Garten zu bewirtschaften und sich zum Teil selbst zu versorgen, brauchen wir zusätzlich Rohstoffe, Waren und Arbeitskräfte dafür. Die Felder z.B. Könnten dann nicht mehr nach der Drei-Felder-Regel bewirtschaftet werden. Die Böden könnten sich nicht mehr erholen und wir wären irgendwann vielleicht gezwungen, mehr zu düngen.¨

Kine lies ihrem Mann etwas Zeit, bevor sie ihm die nächste Frage stellte.

¨ Und was beschäftigt dich in diesem Zusammenhang noch?¨

¨ Ich habe Bedenken, dass durch diese Hektik und den Druck der dadurch entsteht, unsere Zufriedenheit verloren geht. Zumindest bei einigen. Die Menschen würden unsere Leben als glücklich beschreiben. In Wirklichkeit ist es aber die Zufriedenheit jedes einzelnen mit seinem Leben, die unser Leben trägt. Jeder hat genug zu Essen, eine Hütte mit Garten. Jeder hat eine feste Aufgabe und weiß, wo sein Platz in der Gemeinschaft ist. Die Wichtel Zum Beispiel sind für alles zuständig, wofür man Fleiß, Kraft, Ausdauer und viel Organisationstalent braucht. Wenn die kleinen Wesen arbeiten können, dann sind sie glücklich und zufrieden. Mehr als ihren Lebensunterhalt verdienen und anderen helfen wollen sie nicht und sind mit wenig zufrieden. Zwei Dinge vertragen sie gar nicht: keine Arbeit und Einsamkeit. Wichtel arbeiten und leben immer in Gruppen und halten fest zusammen.“