Archiv für den Monat: Dezember 2014

Frühstart

Mitten in der Nacht weckte Maj-Lis ihre Mann.

¨Eirik, ich glaube, es geht los. Das Baby kommt.¨

¨ Aber du bist doch eigentlich noch gar nicht so weit¨, stammelte Eirik verschlafen.

¨Ja, aber die Reise und der Unfall haben vielleicht…… Ach verdammt, was spielt das jetzt noch für eine Rolle. Komm her und hilf mir.¨

Eirik fragte sich, ob dies nur ein Traum war. Maj-Lis packte ihn am Arm packte und schrie ihn an, ihr endlich zu helfen. Ganz sicher war das kein Traum. Er durfte sie jetzt nicht enttäuschen. Nicht schon wieder. Ihre Stimme lies keinen Zweifel daran, wer jetzt hier das sagen hatte. Maj-Lis wusste, was zu tun war. Hoffentlich.

Also suchte er Tücher und noch mehr decken und erweckte das Feuer wieder zum Leben um Schnee zu schmelzen für warmes Wasser.

Die Wehen wurden jetzt immer heftiger und kamen in immer kürzeren Abständen. Maj-Lis versuchte trotzdem, sich an alles zu erinnern, was sie über Geburten wusste. Beim zweiten mal sollte es angeblich leichter sein. Hoffentlich stimmte das auch. Eirik machte seine Sache wirklich prima. Dann sind seine Schuldgefühle ja wenigstens für was nütze, dachte Maj-Lis bei sich. Den letzten und wichtigste Teil würde sie aber alleine schaffen müssen.

Eirik wurde ganz schlecht, als er das blutverschmierte, nackte und winzig kleine Baby endlich in ihre Arme legen konnte. Er war froh, als sie ihn bat, ihr frische Tücher und etwas warmes Wasser zu bringen. Die gebrauchten Tücher entsorgte er im Feuer. Er lies sich absichtlich lange damit Zeit.

¨Du kannst jetzt wieder zu uns kommen¨, hörte er ihre Stimme.

Maj-Lis musste total erschöpft sein, aber ihr Gesichtsausdruck versprühte nur Glück und Stolz.

¨Wir haben eine Tochter¨, sagte Maj-Lis mit schwacher Stimme.

Eirik konnte nichts sagen. Er hatte noch nie eine Geburt hautnah mit erlebt. Die Eindrücke hatte ihn überwältigt und verunsichert zugleich.

Eine ganze Weile saßen sie einfach nur da, betrachten ihre Tochter und waren einfach nur glücklich.

Aber sie saßen mitten im Winter mit einem neugeborenem Kind im Wald. Ohne Schlitten und nur mit einem Rentier. Sie mussten irgendwie den nächsten Bauernhof erreichen. Maj-Lis war von der Geburt zu geschwächt und das gehen würde ihr große Schmerzen bereiten. Auch würde sie nicht auf dem Rentier reiten können.

So beschlossen sie, dass Eirik sofort aufbrechen sollte, um Hilfe zu holen. Er würde Topa mitnehmen, weil Maj-Lis sich nicht um beide Kinder gleichzeitig kümmern konnte. Topa hatte während der Geburt geschlafen. Sobald es wach war, würde er mit Freude im Schnee rumtoben und mit den Trümmern des Schlitten Burgen oder sonst was bauen. Er war so schon kaum zu bremsen, und Maj-Lis würde jetzt erst recht nicht auf ihn aufpassen können. Maj-Lis würde mit ihrer Tochter und dem Rentier hier warten, bis Eirik zurück war. Sie hatte es hier warm und trocken, sie war gut vor dem Sturm beschützt und die Trümmer des Schlitten konnte sie für das Lagerfeuer verwenden. Die Lösung gefiel ihnen beiden nicht, aber es war die einzig sinnvolle Alternativ. Sie wollten nicht darauf vertrauen, dass zufällig jemand vorbei käme und sie finden würde.

Also packte Eirik alles notwendige für den Fußmarsch in eine Tasche. Dann wickelte er Topa in ein Fell, verabschiedete sich von Maj-Lis und machte sich noch vor Tagesanbruch auf, um Hilfe zu holen.

Er hatte große Schwierigkeiten, in dem tiefen Schnee, mit Topa auf dem Arm und bei fast völliger Dunkelheit nicht zu stolpern, geschweige denn den Weg sicher zu finden. So kam er langsamer voran, als er es wollte. Wenn er erst aus dem Wald raus war, würde er auch noch gegen den Sturm kämpfen müssen. Keine sehr hoffnungsvollen Aussichten, aber er würde ohne Pause marschieren und seine Familie heil aus dieser Situation retten. Dann erst konnte er Maj-Lis um Verzeihung bitten; er selbst würde sich nie verzeihen.

Rettung in Sicht

Eirik riss sich die Handschuhe runter. Dann sprang er mit wenigen Sätzen zu dem Wrack. Er spürte weder die Kälte noch die Splitter die sich von den gebrochenen Holzstücken in seine Finger bohrten.

Doch so viele Trümmer er auch wegräumte, er fand weder seine Frau noch seinen Sohn. Er blickte auf und sah sich um. Nirgends eine Spur der beiden. Schließlich fiel sein Blick auf den grausam zugerichteten Kadaver des Rentiers. Das Blut stammte also nicht zwangsweise von Maj-Lis und Topa.

In ihm keimte die Hoffnung, dass die beiden irgendwie überlebt hatten. Er blickte den Hang hinauf und sah in der Spur die der Schlitten im Schnee hinterlassen hatte einen Stiefel liegen. Mühsam kletterte er aus den Trümmern und stieg hinauf. Der Stiefel gehört Maj-Lis. Wieder blickte er sich um. Dann rief er ihren Namen. Keine Antwort. Wieder rief er nach ihr, diesmal aber lauter. Er lauschte, bis das Echo seiner Stimme verhalt war. Als er immer noch keine Antwort bekam, schrie er nicht mehr, er brüllte abwechselnd ihren und Topas Namen. Vergebens.

Plötzlich hörte er das zweite Ren. Angestrengt versucht er herauszufinden, aus welcher Richtung die Rufe kamen. Er stieg noch in kleines Stück den Hang hinauf. Schließlich fand er die Spur des Rens. Die Spur führte in den Wald. Er blickte ihr nach und entdeckte Maj-Lis und Topa. Beide lagen bewusstlos im Schnee. Er eilte zu ihnen, nahm Topa auf den Arm und drehte Maj-Lis vorsichtig von der Seite auf den Rücken. Topa atmete noch. Und auch Maj-Lis war noch am Leben. Er konnte ihren warmen Atem in der kalten Luft sehen. Er zog seinen Mantel aus, legte ihn auf den Boden und zog Maj-Lis so sanft wie möglich darauf.

Dann packte er die Zügel des Rens und zog es neben Maj-Lis. Auf sein Kommando legte sich das Ren neben MMM und spendete ihr so etwas Wärme. Das gab ihm genug Zeit um mit Topa auf dem Arm zurück zum Schlitten zu laufen. Dort baute er aus Fellen, Decken und Kissen ein Lager. Er legte Topa darauf und deckte ihn zu. Er schnappte sich noch eine Decke und kehrte zu Maj-Lis zurück. Die Decke legte er über das Ren, wickelte Maj-Lis fest in seinen Mantel und setzte sie auf die Decke. Mit einer Hand nahm er das Ren am Zügel, mit der anderen Hand hielt er Maj-Lis fest.

Der Weg zurück verlief ohne Probleme. Er hob seine Frau vom Ren und setzte sie so auf das Lager, dass sie mit dem Rücken an einem Baum saß. Während er nach etwas zu Essen und Trinken suchte, schlug Maj-Lis die Augen auf. Er hörte, wie sie seinen Namen flüsterte. Sofort war er wieder bei ihr.

¨Maj-Lis, du lebst. Es tut mir so leid, das war alles meine Schuld.¨

¨Wo ist Topa?¨

¨Neben dir. Er lebt und ist nicht verletzt. Wie geht es dem Baby?¨

¨ Ich glaube, es geht ihm gut. Was ist passiert? Wir wurden plötzlich hin und her geschleudert. Plötzlich flogen wir durch die Luft und dann kann ich mich an nichts mehr erinnern.¨

Eirik schlug betroffen die Augen nieder.

¨ Es ist meine Schuld¨, begann er. Dann erzählte er ihr, was passiert war.

Maj-Lis legte eine Hand auf seinen Arm. ¨Du darfst dir nicht die Schuld geben. Der Sturm hat die Bremsen vereist. Wir sind nur ein wenig durchgeschüttelt und vielleicht hab ich ein paar blaue Flecken¨

Die gutgemeinten Worte seiner Frau spendeten ihm keinen Trost. Zu groß waren seine Schuldgefühle und sie Sorge um Frau und Kind.

Eirik baute aus den Trümmern des Schlitten, aus Decken und Fellen ein provisorisches Lager für die Nacht und entzündete ein kleines Lagerfeuer. Dann versorgte er das Ren und sammelte die wichtigsten ihrer Habseligkeiten zusammen. Während dessen legt er sich einen Plan zurecht, wie er seine Familie sich zum nächsten Bauernhof bringen könnte. Für ihn allein wären es zwei Tagesmärsche. Maj-Lis würde in ihrem Zustand und nach dem Unfall wohl nicht mit ihm mithalten können. Zudem hatten sie noch Topa und das Gepäck zu tragen.

Er setzte sich zu Maj-Lis auf das Lager und sie aßen zu Abend.

¨Die Vorräte reichen für drei Tage¨, sagte Eirik. ¨Zum nächsten Bauernhof sind es zu Fuß  gut 3 Tage, wenn nicht 4¨.

¨ Ich weiß nicht, ob ich es soweit schaffe¨, antwortete sie.

¨Wenn ich alleine gehe, brauche ich zwei Tage. Dann kann ich mit einem Ersatzschlitten in einem weiteren Tag wieder bei euch sein.¨ Eirik sprach aus, was beide dachten. Die Folgen dieser Entscheidung waren ihnen bewusst; auch deswegen sprachen sie nicht darüber.

¨Lass uns schlafen,¨ sagte Maj-Lis ¨Morgen früh sehen wir weiter und entscheiden, was wir machen.¨

Im Wald

Sie hatten den Waldrand erreicht. Eirik war vom Weg abgekommen und sie standen nun vor einer dichte Baumreihe. Vom Weg in den Wald war nichts zu sehen. Er rätselte ob er wohl nach rechts oder nach links vom Weg abgekommen war. In der Hoffnung bald wieder auf den richtigen Weg zu stoßen, entschied er sich, dem Waldrand nach rechts zu folgen.

Er war noch nicht lange unterwegs, als er die kleine Lücke zwischen den Bäumen erspähte. Erleichtert, den richtigen Weg wieder gefunden zu haben, bog er nach links ab und war dankbar für den Schutz, den ihnen ab jetzt der Wald bieten würde. Bis zu der kleinen Lichtung kurz nach der Mitte des Waldes wollte er heute noch fahren. Dort würden Sie den Schlitten über Nacht sicher unter die Bäume stellen können und würden auch Futter für die Rentiere finden.

Die Bäume boten Ihnen zwar Schutz vor dem Wind, der Weg aber war tief verschneit. Und so kamen sie wesentlich langsamer voran. Zudem war es im Wald fast völlig dunkel. Die Rentiere waren genauso müde wie er. Die Lichtung würden sie heute nicht mehr erreichen. Jeden Moment müssten sie an den kleinen Hügel kommen. Oben auf dem Hügel gab es keine Bäume und sie würden noch mal für kurze Zeit dem Sturm ausgesetzt sein. Er wollte den Hügel noch überqueren und dann einen sicheren Platz für die Nacht suchen.

Die Rentiere hatten Mühe, den Schlitten durch den tiefen Schnee den Hügel hinauf zu ziehen. Der Weg vom Hügel hinab war sicher auch voller Schnee und die Abfahrt im dunkeln würde gefährlich werden. Aber Umdrehen oder hier stehen bleiben konnten sie auch nicht.

Wie befürchtet, hatten die Rentiere bergab trotz ihrer breiten Hufe Schwierigkeiten, in dem tiefen Schnee genügend Halt zu finden. Das Gewicht des Schlittens schob die erschöpften Tiere den Berg hinunter. Die Bremsen des Schlittens waren vereist und funktionierten nicht richtig. Plötzlich versperrte ein abgeknickter Ast den Weg und Eirik brachte den Schlitten gerade noch rechtzeitig zum Halten.

¨Sind wir schon da?¨ fragte Maj-Lis aus dem Verschlag.

¨Gleich, Liebes. Ein Ast versperrt uns den Weg. Dann müssen wir nur noch von diesem Hügel runter und haben es für heute geschafft.¨

Eirik stieg vom Fahrersitz, nahm Säge und Axt aus der kleinen Werkzeugkiste an der Seite des Schlittens und macht sich daran, den Ast aus dem Weg zu räumen. Der hing jedoch so hoch an dem Baum, dass er ein Stück hochklettern musste. Mit seinen dicken Handschuhen fand er nur schwer Halt beim Klettern. Seine Muskeln waren steif vor Kälte und er hatte den ganzen Tag die Zügel halten müssen. Beim zweiten Versuch schaffte er es endlich, den Ast nah am Baumstamm abzusägen. Beim hinunter klettern rutschte er ab und verstauchte sich den Fuß als er am Boden aufkam. Er unterdrückte den Schmerzensschrei, er wollte Maj-Lis nicht beunruhigen.

Mit dem verstauchten Fuß konnte er jedoch den Ast nicht aus dem Weg ziehen. Statt den Ast mühsam in kleine Stücke zu schneiden, spannte er eines der Rentiere aus. Mit einem Seil befestigte er den Ast am Geschirr des Rentiers und zog ihn gerade soweit aus dem Weg, dass er mit dem Schlitten daran vorbei käme. In dem Moment, als er das Seil wieder vom Ast löste, hörte er das andere Rentier laut brüllen. Erschrocken drehte er sich um. Das Ren konnte alleine das Gewicht auf dem abschüssigen Gelände nicht halten und wurde vor dem Schlitten den Berg hinunter geschoben. Von Panik getrieben rannte er hinter dem Schlitten her, ohne zu wissen, was er machen sollte falls er den Schlitten einholen würde. Der Schlitten war zu schnell und mit jedem Schritt wurde sein Rückstand größer statt kleiner. Er erkannte, dass sein verzweifelter Versuch sinnlos war. Er stolperte und viel in den Schnee. Als er wieder auf den Beinen war, musste er fassungslos mit Ansehe, wie der Schlitten mit voller Wucht gegen einen Baum krachte. Dass das Rentier dabei zwischen dem Schlitten und dem Baum zerquetscht wurde, nahm er nicht war. Er schrie laut Maj-Lis Namen und rannte zu dem, was einmal sein Schlitten gewesen war.

Seine Familie war in dem Schlitten. Er stolperte mehrmals, und als er schließlich an der Unfallstelle ankam, wurde ihm schlecht. Überall war Blut, der Schlitten war nur noch ein Haufen geborstenes Holz. Seine Familie war noch in dem Schlitten. Durch seinen Fehler war der Unfall erst passiert. Er hatte seine Frau und seine beiden Kinder getötet.

Die Heimreise

Der Schneesturm hatte sie völlig unvorbereitet erwischt. Es war zwar Winter, aber jetzt sollte es eigentlich keine Stürme mehr geben. Die Rentiere waren noch jung und unerfahren, deswegen musste Eirik sich darauf konzentriere, nicht vom Weg abzukommen. Für die lange Reise von seinem Weihnachtsdorf in das Weihnachtsdorf seiner Frau würden sie 4 oder 5 Tage brauchen. Die erste Nacht hatten sie in einer Herberge übernachtet. Maj-Lis war wieder schwanger. Aber diese und die nächste Nacht würden sie im Schlitten übernachten müssen. Er hatte dafür extra einen kleinen Verschlag auf den Schlitten gebaut. Trotzdem war er in Sorge um seine Familie. Ihr kleiner Sohn hatte schon mal diese Reise mit Ihnen gemacht und sehr gut überstanden. Damals war Maj-Lis aber nicht schwanger und hatte sich ausschließlich um den Kleinen kümmern können. Wenn er sich nicht verfahren hatte, sollten sie bald de Waldrand erreichen und waren so wenigstens vor dem Wind geschützt. Ohne jede Orientierung war es gar nicht so leicht, mit dem Schlitten geradeaus zu fahren.

Hinten im Schlitten saß Maj-Lis und versuchte den kleinen Topa zu beruhigen. Der Sturm schüttelte den Schlitten immer wieder heftig durch. Jedes mal, wenn sie wieder von einem Windstoß erfasst wurden, begann Topa zu weinen.

¨Mach dir keine Sorgen¨, flüsterte sie ihrem Sohn zu. ¨Papa und die Rentieren werden uns sicher bis in den Wald bringen. In ein paar Tagen sind wir dann im Weihnachtsdorf bei Oma und Opa. Deine Tante Unn und ihr Verlobter Pelle werden auch da sein. Ich freue mich, Pelle endlich kennen zu lernen. Unn hatt mir nur in ihren Briefen davon erzählt.¨ Sie hoffte, ihre Stimme würde den kleinen beruhigen, auch wenn er noch nicht verstehen konnte, was sie ihm erzählte. Zumindest bei den Worten Oma und Opa hatte er kurz aufgehört zu weinen. Maj-Lis vermisste ihr Familie. Seit sie zu Eirik in sein Weihnachtsdorf gezogen war, sah sie ihre Eltern und ihre Schwester Unn nur noch zu Weihnachten und im Sommer. Dann kamen sie in ihr Weihnachtsdorf und besuchten sie und Eirik.

Sie dachte zurück an die Zeit im Weihnchstdorf, an die Bewohner, ihre Familie und Freunde. Papa war Santa Claus, der Chef vom Postamt und allen Nikoläusen. Eine der vielen Aufgaben, die die Position ihres Vaters als Santa Claus mit sich brachte war es, den Kurieren, die von einem Weihnahchstdorf zum anderen reisten, Unterkunft, Verpflegung und eine Werkstatt für Reparaturen an den Schlitten zur Verfügung zu stellen. Eines Tages war dann dieser junge Kurier aus einem Weihnachtsdorf weit im Norden mit seinem Schlitten aufgetaucht. Er war groß und stark, hatte lange blonde Haare und strahlend blaue Augen. Sie beobachtete ihn heimlich, wie er seine Rentieren versorgte und den Schlitten reparierte. Zumindest glaubte sie, ihn heimlich zu beobachten.

Plötzlich drehte er sich um, blickte in ihr Richtung und sagte: ¨Wenn du mich schon beobachtest, könntest du mir auch helfen, den Schlitten auszuladen und die Waren zu sortieren.¨

Sie blieb wie angewurzelt stehen und hielt die Luft an.

¨Nun komm schon raus, ich beiße auch nicht,¨ lachte er, bog um die Ecke des Stalls und stand plötzlich vor ihr.

Er reichte ihr die Hand und sagte: ¨ Ich heiße Eirik. Und wie heißt du?¨

¨M Maj-Lis ¨, stotterte sie.

¨Hallo Maj-Lis, freut mich, dich kennen zu lernen. Ich könnte wirklich etwas Hilfe gebrauchen.¨

¨ Ich wollte dich nicht erschrecken, deswegen hab ich mich hier versteckt¨, log sie. ¨ Meine Mama hat mich gebeten, dir etwas zu trinken zu bringen.¨

¨Das ist sehr nett von dir und deiner Mama¨, antwortete er und lächelte immer noch.

Damit war das Eis gebrochen. Sie half ihm beim sortieren der Waren. Verstohlen blickte sie jedoch immer wieder zu ihm hinüber.

So hatten sie sich kennengelernt. Von da an brachte sie ihn täglich nicht nur etwas zu trinken sondern auch das Essen. Und eh sie es merkte, verbrachte sie den ganzen Tag mit Eirik.

Sie musste innerlich lachen, wie schüchtern sie damals war. Heute waren sie verheiratet und erwarteten ihr zweites Kind.

Ein romantischer Abend

¨Wieso tut es dir leid? Schließlich ist sie meine Mutter¨, fragte Lele erstaunt.

¨Deswegen tut es mir ja leid. Ich sehe wie sehr ihre Art dir weh tut. Und deswegen tut es mir leid.¨

¨ Ich weiß einfach nicht, wie ich ihren Ansprüchen gerecht werden kann. Scheinbar kann ich auch gar nichts richtig machen. Mir kommt es so vor, als ob sie alles ablehnt was ihr nicht in den Kram passt. Dafür ist ihr jeder noch so scheinbare Grund recht. Ich sag nur Paola. Nicht genug, dass die Leute sich das Maul zerreißen.¨

¨Dann glaubst du also auch nicht an diese Gerüchte?¨

¨Nein, natürlich nicht. Du warst der einzige, den Paola damals etwas besser kannte. Und als sie sich entschlossen hatte hier zu bleiben, war es nur logisch, dass sie den Kontakt zu dir sucht. Und in der Backstube hat sie eine Aufgabe, die ihr Spaß macht. Sie könnte wirklich deiner Tante Unn Konkurrenz machen. Und wir können im Dorf ihre Hilf gut gebrauchen.¨

¨ Ich bin wirklich froh, dass du das so siehst.¨

Lele hatte sich wieder beruhigt.

¨Meinst du, wir können den Abend noch retten?¨, fragte sie zärtlich und stellte sich auf die Zehenspitzen.

¨Klar¨, antwortete Topa und gab ihr einen Kuss. ¨Lass uns hier verschwinden.¨

¨ Aber ich fahr. Schließlich hast du es mir ja gelernt.¨ Das sie dabei ihre Mutter nachäffte zeigt Topa, dass sie wieder ganz Lele war und der Zwischenfall vergessen war. Zumindest für heute.

Lele stellte den Schlitten so ab, dass sie hinter der großen Wiese die Lichter des Weihnachtsdorfes sehen konnten. Topa schenkte für jeden einen Becher Tee ein und sie kuschelten sich zusammen in ein Rentierfell. Beide genossen es, den Körper des anderen zu spüren. Eine ganze Weile saßen sie so da und tranken Tee.

¨Das war ein sehr schöner Sommer¨, sagte Lele.

¨Nicht nur der Sommer. Die ganze Zeit mit dir war die schönste in meinem Leben.¨

Sie drehte sich halb zu ihm um und blickte ihm in die Augen.

¨Wirklich? Für mich auch. Du bist ein toller Mann Topa. Ich liebe dich.¨

¨ Und ich liebe dich¨, sagte Topa nach einem langen Kuss.

¨ Ich hab ein Geschenk für dich.¨ Lele zog ein kleines Päckchen aus Ihrer Manteltasche und reichte es dem verdutzen Topa. Da der eine Weile brauchte um zu reagieren, sagte Lele: ¨Jetzt schau nicht so. Wenn man jemanden liebt, dann überrascht man ihn auch mit kleinen Geschenken. Das ist auch eine der 5 Sprachen der Liebe. Na los, mach es auf.¨

Topa gehorchte wortlos und zog eine bunte Mütze aus dem Papier. Er drehte die Mütze in der Hand und betrachtete sie von allen Seiten.

¨Die is zum aufsetzen, nicht zum anschauen¨, sagte Lele mit betont ernster Stimme.

¨ Oh, zum aufsetzen. Wie praktisch¨, gab Topa im gleichen Ton.

Mit der einem Hand nahm Lele ihm die Mütze aus der Hand. Mit der anderen Hand zog sie ihm seine Mütze vom Kopf.

¨So, jetzt setz schon auf¨.

Die neue Mütze passte perfekt. ¨Hey, die passt ja. Ist warm und fühlt sich sehr gut an. Wie seh ich aus?¨, fragte Topa.

¨Wie ein undankbarer Nikolaus. Aber mit einer sehr schicken Mütze¨.

¨Die is echt toll. Danke. Die Überraschung ist dir wirklich gelungen¨, strahlte Topa. Seine Freude war ihm anzusehen und Lele war erleichtert und auch in bisschen Stolz.

¨ Ich wusste gar nicht, das du strickst.¨

¨ Ich hab auch erst wieder damit angefangen. Oma Lerke hat es mir gelernt als ich noch ein Kind war. Vendela und ihr kleiner Hofladen haben mich auf die Idee gebracht, es mit stricken zu probieren. Und es macht mir Freude, es beruhigt mich und macht mich irgendwie zufrieden. Es ist für mich wie das Schreiben für dich.¨

¨ Das freut mich sehr für dich. Schön, dass du etwas für dich gefunden hast.¨ Topa öffnete das kleine Fach unter dem Sitz.

¨ Ich hab auch etwas für dich¨, sagte er und reichte Lele ebenfalls ein kleines Päckchen.

¨Für mich?¨, fragte Lele erstaunt. Sie zog an der kleinen Schleife um das dünne Bändchen zu lösen. Aus dem Papier wickelte sie ein kleines Büchlein mit kunstvoll verziertem Einband aus Leder. Sie schlug es auf und las die Widmung auf der ersten Seite.

¨Für Lele. In Liebe Topa¨

¨ Es ist die Geschichte einer jungen Weinrebe, die sich auf die Suche nach dem Weingeist macht. Boje und Paola haben mir geholfen und mir alles über Rebsorten und Weinbau erklärt. Den Einband habe ich in der Werkstatt vom Postamt für dich machen lassen. Ich hoffe es gefällt dir.¨

¨Topa es ist wunderschön. Danke.¨

Den Rest des Abends unterhielten sich die beiden in ihrer Sprache der Liebe; genauso wie letztes Weihnachten.

P.s.: Die Geschichte der jungen Weinrebe gibt es wirklich. Geschrieben haben sie zwei Weinführer aus Franken. Sie haben auch einen Koch gefunden, der ein passendes Menü dazu zusammengestellt hat. Natürlich gibt es zu jedem Gang den passenden Wein. Herausgekommen ist ein fantastischer Abend unter dem Motto ¨ Ein weinkulinarisches Märchen¨. Ich durfte einen solchen Abend erleben und bin immer noch begeistert. Schaut doch einfach mal unter www.weinmaerchen.de Ihr werdet es nicht bereuen.

Das macht man nicht

Lele und Topa saßen im großen Saal der Musikschule, hielten sich an der Hand und lauschten der Musik. Hier waren sie sich letztes Weihachten beim Konzert des Wichtelchors zum ersten mal wieder begegnet. Hier hat alle angefangen. Deswegen waren sie beide heute hier. Im Anschluss wollten sie wie beim ersten mal mit dem Schlitten zu ihrem Platz auf dem Hügel oberhalb der große Wiese fahren. Lele war schon den ganzen Tag voller Vorfreude auf diesen romantischen Abend mit Topa. Topa war nervös, weil er Lele heute die Überraschung geben wollte. Paola war für ihn eingesprungen und half Tante Unn am Plätzchenstand. So langsam nervten ihn die Gerüchte über Paola. Wie konnten die Leute nur so dumm sein und glauben, sie würde sich zwischen ihn und Lele drängeln? Dann würde sie ja wohl kaum heute am Plätzchenstand helfen, damit er und Lele Zeit für einander hatten. Das Paola aus irgendeinem Grund seine und Tante Unn´s Nähe suchte, war nicht zu übersehen. Topa kannte den Grund dafür nicht. Er fand es auch nicht aufdringlich oder lästig. Im Gegenteil, alle mochten Paola sehr und sie war schon fast ein Mitglied der Familie geworden. Tante Unn hatte ihm um Geduld gebeten, irgendwann würde Paola von sich aus die Gründe für ihr Verhalten preisgeben. Wenn nur diese dummen Gerüchte nicht wären. Es interessierte ihn, wie Lele darüber dachte. Sicher hatte auch sie die Gerüchte schon gehört. Wahrscheinlich hatte ihre Mutter dafür gesorgt. Das schlechte Verhältnis von Lele zu ihrer Mutter machte ihm sorgen, weil er sah wie sehr Lele darunter litt. Aber heute war nicht der Tag dafür. Heute sollte nur ihre Liebe zählen und sie wollten heute Abend der Welt entfliehen.

Als das Konzert zu Ende war, blieben beide noch einen Augenblick sitzen und warteten, bis die meisten Gäste den Saal verlassen hatten. Sie wollten sich noch von Tante Unn verabschieden und Paola noch mal Danke sagen. Sie schlenderten Hand in Hand auf den Plätzchenstand zu, als das passierte was sie beide gerne vermieden hätten. Lele´s Mutter kam schnurstracks auf sie zu.

¨Kindchen, Liebes, da bist du ja. Willst du, dass deine Mutter sich sorgen muss? Ich dachte schon dir ist etwas zugestoßen. Vielleicht ein Unfall mit dem Schlitten oder so. Ich war wirklich in Sorge. So was macht man mit seiner Mutter nicht.¨

¨Wieso machst du dir Sorgen?¨, fragte Lele.

¨Kindchen, jetzt tu doch bitte nicht so. Das macht man mit seiner Mutter nicht. Du hast dich seit Tagen nicht bei mir gemeldet. Auch heute Abend nicht. Da macht eine Mutter sich eben Sorgen. Eine Frau in meiner Position hat dafür nun wirklich keine Zeit.¨

¨Wofür keine Zeit?,¨ war alles was Lele hervorbrachte.

¨Sich Sorgen zu machen. Nicht genug, dass ich von Oma erfahren muss, dass du heute hier bist. Du hast nicht mal Hallo gesagt. Da fragt man sich schon, ob passiert ist.¨

¨Mama bitte, jetzt mach hier keine Szene¨, verteidigte sich Lele. ¨ Ich bin erwachsen und kann auf mich selbst aufpassen. Und solang Topa bei mir ist, musst du dir auch keine Sorgen machen.¨

¨Kindchen, bitte. Er hat dir doch erst das Schlittenfahren beigebracht. Da muss sich eine Mutter doch sorgen machen. Und diese Paola hat er auch mitgebracht. Ach, Kindchen, das du mir keine Schande machst. Eine Frau in meiner Position. Denk doch auch an deine arme Mutter.¨

¨Was hat das denn jetzt mit Paola zu tun? Und Topa steht neben mir. Du brauchst also nicht so zu tun, als ob er nicht da wäre.¨ In Lele´s Stimme lang nun eben soviel Wut wie Enttäuschung.

¨Kindchen, bitte jetzt nicht. Ich hab noch so viel zu tun heute. Ich muss noch wichtige Leute begrüßen. Ach da ist ja die Frau Unn. Sie hat bestimmt wieder Plätzchen für mich aufgehoben. Eine sehr nette Person diese Frau Unn. Fleißig und hilfsbereit. Und sie versteht die Sorgen einer Mutter.¨

Denn letzten Satz hatte Sie schon im Gehen gesprochen. Sie lies die beiden so plötzlich stehen wie sie aufgetaucht war.

Topa spürte, wie Lele neben ihm ein paar mal schlucken musste. Der Auftritt der Rektorin hatte ihr die Tränen in die Augen getrieben. Er legte sanft seine Hände auf Ihre Schultern und schob sie sanft auf kürzestem Weg zum Nebenausgang. Lele wehrte sich nicht. Draußen angekommen fiel sie ihm in die Arme und vergrub ihr Gesicht an seiner Brust. Sie brauchte eine ganze Weile, bis sie sich wieder gefangen hatte. Schließlich hob sie den Kopf und blickte ihn mit verheulten Augen an.

¨ Entschuldige bitte. Es tut mir so leid.¨

¨Mir tut es leid,¨ flüsterte ihr Topa ins Ohr.

Tante Unn hat Hilfe

Tante Unn saß an ihrem Schreibtisch in der Backstube und freute sich über die kleine Pause. Seit letztem Weihnachten hatte sie unerwartet und überraschend Hilfe bekommen. Unerwartet, weil sie von dieser Seite nicht mit Hilfe gerechnet hatte; überraschend, weil die Person ihr nicht nur ein Geheimnis offenbart hatte, sondern weil die Person das Geheimnis selbst war. Kurz bevor die Austauschstudenten letztes Weihnachten wieder abreisen sollten, stand auf einmal eine junge und attraktive Frau in ihrem Büro. Die Frau wollte im Weihnachtsdorf bleiben und fragte, ob sie bei ihr in der Backstube arbeiten könnte. Tante Unn unterhielt sich eine Weile mit ihr. Die junge Frau war ihr aus irgendeinem Grund aus Anhieb sympathisch. Und sie verstand etwas vom Backen. Und so kam es, dass Tante Unn der jungen Frau spontan zusagte. Und seit diesem Tag arbeitete Paola in der Backstube.

Von Anfang an war Paola eine große Hilfe. Sie verstand wirklich etwas vom Backen und brachte frischen Schwung und Abwechslung in die Backstube. Und weil sie stets freundlich, hilfsbereit und wissbegierig war, wurde sie auch schnell von allen in der Backstube akzeptiert. Zudem brachte Paola neue Rezepte aus Italien mit. Zusammen mit Tante Unn und einigen Frauen aus dem Dorf probierten sie viele Neues, mischten Zutaten aus dem Weihnachtsdorf mit Rezepten aus Italien und umgekehrt. So entstanden bisher unbekannte Köstlichkeiten und in der Backstube herrschte eine Vorfreude auf Weihnachten, wenn sie das Weihnachtsdorf mit den neuen Naschereien überraschen konnten.

Aber Paola tat noch viel mehr. Sie half Tante Unn auch im Haushalt. Sie kochte, kaufte ein, putzte und kümmerte sich um die Kinder wenn Tante Unn noch zu tun hatte. Da auch in der Backstube die Arbeit zunahm, mussten sie auch im Sommer mehr Vorräte für den Winter anlegen. Als Chefin der Backstube war es Aufgabe von Tante Unn, sich um alles zu kümmern. So war sie wirklich froh über Paola´s Hilfe. Die beiden Frauen waren mittlerweile sehr gute Freundinnen. Für Tante Unn war Paola wie eine Schwester. Hin und wieder hatte Tante Unn ein schlechtes Gewissen deswegen. Schließlich war ihre Schwester bei einem Unfall vor vielen Weihnachten gestorben. Deswegen war ja auch Topa bei ihr und Pelle aufgewachsen. Sie vermisste ihre Schwester sehr und schämte sich etwas, weil sie Paola mittlerweile genauso mochte. Paola verstand sich auch sehr gut mit Topa. So oft es ging, verbrachte Paola Zeit mit Topa, half ihm im Stall oder machte in seiner Wohnung Ordnung. Im Dorf gab es schon Gerüchte, Paola würde nur deswegen in der Backstube arbeiten, um über Tante Unn Kontakt zu Topa zu bekommen. Tante Unn hörte normal nie auf Gerüchte und auch Lele lies sich davon nicht beeindrucken. Lele und Topa gehörten einfach zusammen, das spürte sie. Daran würde auch Paola nichts ändern. Aber wenn an den Gerüchten etwas dran sein sollte, dann könnte das schon für einigen Ärger und Enttäuschung sorgen. So beschloss Tante Unn, Paola zur Rede zu stellen. Die beiden Frauen waren eines Abends alleine in der Backstube.

¨Paola¨, begann Tante Unn, ¨ ich bin wirklich sehr froh und dankbar, dass du bei uns bist. Du warst mir immer eine große Hilfe und ich hab dich wirklich gern. Du bist für mich wie die Schwester die ich seit langem nicht mehr habe.¨ Paola schwieg.

¨ Ich habe dich auch gerne in meine Familie aufgenommen. Die Kinder mögen dich wirklich sehr. Und mit Topa verstehst du dich auch gut. Ich glaube, er mag dich auch sehr.¨ Wieder entstand eine kleine Pause.

¨ Aber Topa ist nun mal mit Lele zusammen. Es gibt Gerüchte im Dorf, dass du in Topa verliebt bist. Ich gebe nichts auf den Klatsch im Dorf. Aber ich möchte nicht, dass die Gefühle von dir oder jemand anderem aus meiner Familie verletzt werden. Ich hoffe, du verstehst das.¨

Paola schwieg immer noch. Gerade als Tante Unn die erneute Pause und das Schweigen so unangenehm wurden, dass sie schon etwas sagen wollte, bat Paola Tante Unn, sich zu ihr zu setzen. Zunächst viel es Paola schwer, die richtigen Worte zu finden. Aber schließlich erzählte sie Tante Unn ihre Geschichte, ohne etwas aus zu lassen. Tante Unn viel es zunächst schwer, das was sie da hörte zu begreifen und zu glauben.

Seit dem teilen die beiden Frauen ein Geheimnis. Sie wussten beide, dass es eines Tages ans Licht kommen muss.

Rentiere unter sich

¨Wie kommst du denn darauf?¨

¨Naja, schau dir doch mal Topa an. Er ist so ein guter Kerl, er kümmert sich liebevoll um andere. Schau nur uns an. Er versorgt uns gut, hält den Stall sauber und trocken und wir bekommen das beste Futter im ganzen Dorf.¨

Die beiden alten Rentiere schauten sich verwundert an.

¨Das stimmt schon¨, sagte Kent. ¨Aber was ist daran ungerecht? Schließlich arbeiten wir auch das Jahr. Im Winter ziehen wir die Schlitten, im Sommer helfen wir bei der Ernte. Und seit diesem Sommer helfen wir auch noch auf dem Bauernhof seiner neuen Freunde.¨

¨Also die Arbeit auf dem Bauernhof war doch echt super. Besonders die Tage im Weinberg waren toll. Mit unseren Hufen und besonders mit unseren Afterklauen sind wir doch wie geschaffen für diese Arbeit. Die anderen im Dorf waren richtig neidisch, das wir so einen tollen Job haben. Und als Belohnung bekommen wir das Heu von den saftigen Wiesen. Das sind so vielen leckere Kräuter und Wildpflanzen drin wie in keinem anderen Heu im ganzen Dorf.¨

Wieder warfen sich die beiden Alten fragende Blicke zu.

¨Ja, das stimmt ja alles, aber was daran ist denn nun ungerecht?¨, wollte Kent wissen.

¨Na das wir uns nicht richtig bei Topa bedanken können, das wir so ein gutes Leben haben.¨

¨Wieso sollen wir uns dafür bedanken? Das ist doch ganz normal. Wir arbeiten und dafür versorgt uns Topa mit Futter und ein Stall ist ja wohl das Mindeste.¨

¨Andere haben gar keinen Stall. Wir Rentiere brauchen auch eigentlich keinen Stall. Mit unserem dicken Unterfell sind wir bestens gegen Wind und Kälte geschützt. Und wir leben zu viert in einem Stall, haben also auch genug Gesellschaft. Topa lässt uns auch immer zu zweit einen Schlitten ziehen. Er mutet uns nie zu viel Arbeit zu oder lässt uns zu schwere Lasten schleppen. Viele in eurem Alter dürfen gar nicht mehr arbeiten. Und wir jungen können bei der Arbeit viel von euch alten lernen. Also wenn das nicht super ist, dann weiß ich auch nicht. Und deswegen find ich es einfach ungerecht, dass wir uns nicht bei ihm bedanken können. Alles was wir tun können ist, nicht zu jammern und rum zu bocken sondern einfach unsere Arbeit zu machen. Dann geht es Topa und uns gut. Und Topa hat mehr Zeit für Lele. Hoffentlich klappts mit den beiden. Wir Mädchen mögen Lele sehr. Sie ist immer freundlich, steckt uns auch mal die eine oder andere Leckerei zu. Und sie geht oft in den Wald und sammelt Moos, Flechten und Pilze für uns. Habt ihr schon mal gesehen, wie glücklich die beiden zusammen sind? Ich bin einfach dankbar, hier mit meiner Schwester leben zu dürfen und mit Topa und Lele zwei so liebevolle Freunde zu haben.¨

Baja erhob sich und trabte zurück an ihren Platz. Ein anerkennender Blick von Belia sagte ihr, dass sie Klus und Kent ordentlich was zu denken gegeben hatte. Das die beiden nun schweigend ihr Heu kauten war eine weitere Bestätigung für Baja.

Topa stand vom Schreibtisch auf und ging in den Stall, um seinen Rentieren noch etwas von dem Moos zu geben, das Lele für sie gesammelt hatte.

Als die Rentiere Topas Schritte auf der Treppe hörten, blickten Belia und Baja ihn freudestrahlend an, Kent und Klus taten so, als seien sie mit Fressen beschäftigt. Topa legte jedem eine handvoll Moos in den Trog und begann ihr Fell auf Ungeziefer zu untersuchen.

¨Psst, ¨ zischte Kennt.

¨Was?¨, flüsterte Klus.

¨Du könntest ruhig ein wenig dankbar dreinblicken¨.

Klus war perplex. ¨Wie so ich? Mach du doch.¨

¨Ich? Ich weiß doch gar nicht, was für ein Gesicht man da macht¨.

Und warum fragst du dann mich? Woher soll ich das denn wissen?¨

¨Aber wir können uns doch nicht vor den beiden Mädels blamieren. Also, jetzt mach schon.¨

¨Ok, aber nur wenn du mitmachst¨. Kent nickte, und bemühte sich, möglichst dankbar auszusehen.

¨Was is den mit euch beiden?¨, fragte Topa besorgt. ¨Habt ihr Blähungen?¨

Eine Überraschung für Lele

Topa ließ den Stift fallen und streckte sich. Er war den ganzen Abend am Schreibtisch gesessen und hatte an der Überraschung für Lele gearbeitet. Seit Tagen war er damit beschäftigt, hier und da noch kleine oder größere Verbesserungen vorzunehmen. Manches an seinem Werk gefiel ihm wirklich gut. Mit anderen Teilen war er überhaupt nicht zufrieden und veränderte sie immer wieder, bis er zufrieden war. Er wollte, das sein Werk perfekt wurde. Schließlich wollte er es Lele genau an dem Tag schenken, an dem sie sich letztes Weihnachten zum ersten mal geküsst hatten.

Seit diesem Kuss hatte sich sein Leben komplett geändert. Obwohl er immer noch als Nikolaus arbeitete, immer noch in der kleinen Wohnung über seinem Stall wohnte und auch sonst alles genauso war, war doch alles anders. Nur durch Lele. Sie hatte nicht nur ihn verzaubert, sondern sein ganzes Leben verändert. Noch glücklicher als er jetzt war, würde er wohl nie mehr werden. Zumindest konnte er sich das nicht vorstellen. Glück im Überfluss hatte er in sein Tagebuch geschrieben. Aber wer weiß schon, welche Überraschungen das Leben für ihn noch bringen würde.

Mit dieser Überraschung wollte er sich einfach bei Lele bedanken und ihr sagen, wie sehr er sie liebte. Deswegen musst es perfekt sein.

*

Unten im Stall lagen Klus und Kent im Stroh und warteten auf ihr Abendessen. Die beiden alten Rentiere waren mürrisch und machten ihrem Ärger Luft.

Seit diese Lele aufgetaucht ist, sind wir Alten auf dem Abstellgleis“, maulte Klus.

Ja“, pflichtete ihm Kent bei. „Am Anfang fand ich sie ja ganz sympathisch. Und Schlittenfahren kann die, mein lieber Mann. Aber das wir nun auf dem Abstellgleis enden, das haben wir nicht verdient.“

In einer anderen Ecke des Stalls lagen Baja und Belia im Stroh und verputzten einen Haufen frisches Heu.

Oh man, jetzt hör dir die beiden Miesepeter an“, sagte Baja. Die beiden jungen Rentiere kannten dieses Gespräch zwischen Klus und Kent schon auswendig. Jedes mal, wenn die beiden Alten mal nicht pünktlich ihr „Gnadenbrot“, wie sie es nannten, bekamen, fühlten sie sich ins Abseits gedrängt. Und die „Schuld“ dafür gaben sie Lele. Dabei mochten die beiden Lele genauso sehr wie Belia und Baja.

Als nächstes kommt wieder die Geschichte mit dem Wirtshaus“, stimmte Belia ihrer Schwester bei. Die beiden hatten sich einen Spaß daraus gemacht, zu raten, wer von den beiden von dieser Nacht erzählen würde. „Ich tippe auf Klus“, sagte Belia. Baja nickte als Zeichen, dass sie mit einer kleinen Wette einverstanden war.

Genau. aber dann hatt sie sich immer mehr zwischen uns und Topa gedrängt. Als er uns letztes Weihnachten über Nacht vor dem Wirtshaus hat stehen lassen, hab ich mir noch nichts dabei gedacht. Und jetzt liegen wir hier und müssen hungern. In dieser Nacht hat alles angefangen.“

Baja blickte ihre Schwester triumphierend an und freute sich schon auf eine Extraportion Moos. Das war ihr üblicher Einsatz. Die Verliererin musste einen Teil ihres Abendessens, das im Winter normalerweise aus frischem Heu und etwas Moos bestand, abgeben. Irgendwann hatten sie sich mal auf das Moos geeinigt. Sie bezeichneten es als ihren Nachtisch.

Da schuften wir ein ganzes Rentierleben lang, und dann wird man fallen gelassen wie eine heiße Kartoffel“, jammerte nun Klent.

Baja wurde es zu bunt, sie hatte einfach keine Lust, sich wieder den ganzen Abend das Gejammer der beiden anzuhören. Heu gab es immer genug. Sie trabte hinüber und legte sich zwischen die beiden. Da alle Rentiere, wie jeden Herbst, ihre Hörner verloren hatten, konnten sie sich auch nicht damit verhaken. Sie blickte die beiden möglichst traurig an und seufzte herzzerreißend. Das klappte bei männlichen Rentieren immer. Und prompt fiel Klus auf ihren Trick herein.

Aber Baja, was hast du denn?“, fragte er.

Ach,“ seufzte Baja, „die Welt ist ja so ungerecht¨.

¨Das bildest du dir bestimmt nur ein.¨

¨Nein, die Welt ist ungerecht. Das ganze Leben ist ungerecht¨.

Arbeit ist (nur) das halbe Leben

„Macht dir die viele Arbeit auf dem Hof denn gar nichts aus?“, fragte Lele.

„Nicht alles, was du hier siehst, ist Arbeit.“

„Du meinst Augenblicke wie jetzt?“

„Nicht nur“, antwortete Vendela. „Wir wollten schon immer unseren eigenen Hof haben, mit der Natur leben und die Dinge anbauen und ernten, die wir auch selbst verarbeiten können. Dafür müssen wir hart arbeiten. Am Anfang noch mehr als jetzt. Aber wenn wir das nicht machen, stirbt unser Traum und wir würden unser Gleichgewicht verlieren. Wir haben den Hof „Livdröm“ genannt. Das sind alte Wörter für Leben und Traum. Es soll uns immer daran erinnern, was wir für ein Glück haben, unseren Traum auch zu leben“.

 

„Aber wie kannst du bei soviel Arbeit glücklich sein?“

 

„Alles was wir hier machen, ist Teil unseres Traums. Die meiste Arbeit macht uns Freude und gibt uns das Gefühl, zufrieden zu sein und ein erfülltes Leben zu führen. Verstehst du was ich meine?“

 

Lele schwieg eine Zeit. Sie musste an das denken, was Topa ihr über Glück erzählt hatte. Damals hatte er auch von Zufriedenheit und einem erfülltem Leben gesprochen. Zwar hatte er das an einem anderen Beispiel erklärt, aber der Grundgedanke war der selbe.

 

Es war Vendela, die das Gespräch wieder aufnahm.

 

„Du suchst noch, hm?“

 

„Ja,“ gab Lele offen zu. „Schon eine ganze Weile. Wann hast du gewusst, dass du dein Glück gefunden hast?“

 

„Schwer zu sagen. Ein Freund hat mir mal erzählt, das Glück ist eine Reise, bei der du nicht weist, ob du schon am Ziel bist. Vielleicht gibt es auch mehrere Ziele, und wir müssen vom einem zum nächsten reisen. Im Moment habe ich das Gefühl, am Ziel zu sein. Es fühlt sich gut an, ich bin zufrieden, habe Freude an den Dingen die ich tue und kann das alles auch genießen. Wenn du nur suchst und nicht auf das achtest, was du schon hast, wirst du nie ankommen. So hat dieser Freund es mir erklärt. Nach einer Weile habe ich auch verstanden, was er damit meinte…“

 

„Das Gleichgewicht,“ beendete Lele den Satz.

 

Wieder schwiegen die beiden eine Weile lang.

 

„Ich habe gelernt, auch mein Gefühl zu vertrauen. Wenn es sich gut anfühlt, dann ist es auch gut.“

 

„Das mit Topa, das fühlt sich sehr gut an“, erwiderte Lele.

 

„Nun,“ sagte Vendela, „dann wird es auch sehr gut sein.“

 

„Wie habt ihr Euch kennengelernt?“, wollte Lele wissen.

 

„Wir haben uns bei den Menschen kennengelernt.“

 

„Du hast bei den Menschen gelebt“, platze es aus Lele heraus.

 

„Ja. Meine Eltern sind zu den Menschen gegangen als ich noch sehr klein war. Ich bin dort aufgewachsen. Aber immer wenn ich meine Großeltern hier besucht habe, dann habe ich gespürt, dass ich hier zu Hause bin. Eines Tages habe ich dann Boje kennengelernt. Er war Lehrer an einer Schule in einem kleinen Ort und hat mit seinen Schülern ein Theaterstück aufgeführt. Wir haben uns für den nächsten Tag verabredet. Seit dem sind wir ein Paar. Nächsten Sommer wollen wir heiraten.“

 

Lele fiel ihr um den Hals. „Gratuliere. Ich freue mich so für Euch. Das muss ich Topa erzählen.“

 

„Damit wartest du wohl besser bis morgen“, antwortete Vendela und zeigte auf die Werkstatt. „Da brennt kein Licht mehr.“

 

„Oh, schon so spät?“ fragte Lele traurig, weil das Gespräch damit wohl zu Ende war.

 

„Ich würde gerne noch eine Weile hier draußen sitzen“, sagte Vendela.

 

„Sehr gerne“, stimmte Lele ihr zu. „Nur Himbeeren krieg ich keine mehr runter, ich glaub ich platz gleich.“

 

Beide mussten lachen. Dann unterhielten sie sich noch eine ganze Zeit lang. Lele lauschte gespannt, was Vendela von ihrem Leben bei den Menschen erzählte und wie sie mit Boje schließlich hier den Hof übernommen haben.