Archiv für den Tag: 2. Dezember 2017

2/2017 Auf der Brücke

Fynn war alleine. Seine Gegner waren zu viert. Solche Situationen hatte er schon oft erlebt. Nur diesmal war es anders. Ihm gegenüber standen keine Räuber oder mit Heugabeln bewaffnete Bauern. Es waren wie er erfahrene und gut ausgebildete Kämpfer. Jeder kannte die Tricks und Bewegungen des anderen. Er würde sie also nicht einfach überrumpeln können, durch schnelle und unerwartete Bewegungen Verwirrung stiften umdann einem nach dem anderen kampfunfähig zu machen. Fynn suchte fieberhaft nach einem Ausweg. Dabei durfte seine Konzentration nicht nachlassen, damit er nicht von einem plötzlichen Angriff überrascht wurde.

Heute war der dritte Tag seit dem Überfall auf Ogre. Die Stadt zu verteidigen war seine Aufgabe . Der Stadtrat hatte alle Warnungen vor einem Überfall ignoriert und ihm untersagt, weitergehende Vorbereitungen für die Verteidigung zu treffen. Seit Tagen hatte es zudem ununterbrochen geregnet. Jeder Bewohner wurde gebraucht, um die karge Ernte in diesem Jahr einzufahren und soviel wie möglich von den Äckern zu retten. Die Ernte würde wegen des Wetters im dritten Sommer in Folge schlecht ausfallen. Lange Hitze und Dürre hatten sich mit heftigen Unwettern abgewechselt. Was auf den Feldern nicht von der Sonne versengt wurde, ertrank in den tagelangen Regenschauern. Der Boden war steinhart und konnte das Wasser nicht aufnehmen. Das Wasser, dass sie so dringend herbeigesehnt hatten war nicht die Rettung der Ernte, stattdessen verfaulte das Getreide auf den Feldern. Viel zu spät hatten die Bauern begonnen, Gräben auszuheben, damit das Wasser abfließen konnte. Die Bauern flussabwärts beschwerten sich beim Stadtrat, dass der Fluss über die Ufer treten würde, wenn das Wasser von den Feldern weiter oben in den Fluss geleitet werden würde. Dann wären nicht nur ihre Felder überschwemmt, sonder auch die Ställe und Höfe mit den letzten armseligen Vorräten die sie noch hatten. Zwar hatten der Stadtrat im vorletzten Sommer als die ersten Überfälle stattfanden angeordnet, alle Vorräte und das Saatgut in der Stadt in Sicherheit zu bringen, doch die Bauern waren schon immer stur und selbständig und ließen sich selten Vorschriften machen. Wenn sie überhaupt den Anordnungen nachkamen, behielten sie den Großteil versteckt auf ihren Höfen.

Auch in den umliegenden Provinzen und Städten war die Ernte schlecht. Ogre lag auf einer Hochebene, umgeben von zwei hohen Bergen, auf deren Gipfel auch im Sommer noch Schnee lag. Das Wasser aus den Bergen sammelte sich am Rande des Plateau zu einem Fluss, der sich nach vielen Sommern und Wintern so tief in den Boden gegraben hatte, dass ein Mann mit ausgestreckten Armen den Rand der Böschung nicht erreichen konnte. Der Fluss war in doppelter Hinsicht die Lebensversicherung der Stadt. Zum einen bildete er einen natürlichen Schutz für die Stadt,zum anderen schützen seine steilen Ufer vor Hochwasser und die angrenzenden Felder konnten bei Bedarf bewässert werden. Auf diese Weise waren die Ernten in Ogre in den letzten Jahren zwar schlecht, aber immer noch besser als im Umland. Doch dieser Erfolg brachte schnell Neid hervor. Die ersten Überfälle und Plünderungen ließen nicht lange auf sich warten. Die Bauern forderten mehr Schutz vom Stadtrat. Dieser gab den Forderungen nach und heuerte vor zwei Sommern Fynn und seine Männer als Schutztruppe an. Fynn hatte sich unverzüglich daran gemacht die Verteidigung der Stadt zu organisieren und durch nächtliche Streifen die Bauern vor Übergriffen zu schützen. Er hatte die Stadtmauern ausbessern und verstärken lassen, Waffen und Kriegsgerät wurden in der Stadt hergestellt und einige Freiwillige waren seiner Truppe beigetreten. Hätte der Stadtrat ihm erlaubt, die Brücken über den Fluss zu Zugbrücken umzubauen oder teilweise abzureißen, wäre die Verteidigung problemlos möglich gewesen. Die Mauern und der Fluss bildeten einen ausgezeichneten Schutz. Der Steinbruch auf der Rückseite der Stadt war unüberwindbar. Doch die Stadt hatte die Kosten für den Bau der Zugbrücken nicht genehmigt und die Bürger wehrten sich gegen den Abriss einiger Brücken. Überhaupt hielten viele Bewohner seine Maßnahmen für übertrieben.

Jetzt stand er hier auf einer der Brücken. Um ihn herum lagen tote Angreifer und einige seiner Männer. Sie hatten tapfer gekämpft, doch die Übermacht war zu groß. Die Stadt war verloren und Fynn auch, wenn es ihm nicht gelingen würde zu fliehen. Doch seine Gegner hatten ihn eingekreist und unter ihm tobte der reißende Fluss.