Archiv für den Tag: 13. Dezember 2017

13/2017 So klingt also Hoffnungslosigkeit

Lele und Paola schafften es mit vereinten Kräften, dass das Fieber nicht weiter anstieg. Trotzdem wurde Fynn immer schwächer. Er war kaum noch bei Bewusstsein und sein Atem wurde immer flacher.

„Wir haben kaum noch Kräuter“, sagte Paola eines Abends zu Lele.

„Kannst du nicht welche sammeln? Ich bleibe solange hier und pass auf Fynn auf.“

Obwohl Paola wenig Hoffnung hatte, machte sie sich am nächsten Morgen auf, um Kräuter zu sammeln. Sie versuchte, sich an das zu erinnern was sie über das Heilen von Wunden gelesen oder von Oma Lerke erfahren hatte. Doch viel war das nicht. Zwar konnte sie kleinere Wunden mit Salben und Tinkturen behandeln, doch eine so schwere und bösartige Wunde wie bei Fynn kannte sie einfach nicht. Lele kannte wenigstens die Behandlungsmethoden, doch auch sie konnte nicht sagen, woraus genau die jeweilige Medizin hergestellt wurde.

Sie fand etwas Holunder und Johanniskraut gegen das das Fieber. Sie hielt Ausschau nach Huflattich, Schafgarbe und Taubnesseln, um die Wunde zu versorgen. Doch außer Kamille und Rinde einer Ulme fand Sie nichts, was sie sonst noch einsetzen konnte. Trotzdem sammelte Sie alle Kräuter und Blüten die sie kannte. Sie wollte gegenüber Lele zumindest den Anschein wahren, dass es noch Hoffnung gab. Zudem steckte Sie alles essbare in ihre Taschen. Denn auch ihre Vorräte gingen langsam zu Ende und wenn Topa nicht bald zurück käme, würden sie Fynn nur schwer mit dem ernähren können, was Wald und Wiesen hergaben.

Lele machte sich in der Zwischenzeit daran, die Verbände und Tücher zu reinigen. So gut es ging, wusch sie die Salben und den Eiter ab und kochte anschließend alles in heißem Wasser. Zwischendurch versuchte sie Fynn immer wieder Wasser und Tee einzuflößen und steckte ihm kleine Mengen aufgeweichtes Brot in den Mund. Zudem hatten sie kaum noch saubere Kleidung. Also wusch sie noch einige Kleidungsstücke von sich und Paola. Doch ohne Seife konnte sie nur den groben Schmutz abwaschen, der Geruch nach Schweiß und Rauch blieb aber. So konnte sie wenigstens einen kleinen Beitrag leisten. Am meisten machte ihr neben Fynn Paola zu schaffen. Lele hatte längst bemerkt, dass ihre Freundin lange nicht so zuversichtlich war, wie sie vorgab.

Als die Sonne schon fast hinter den Bäumen auf der anderen Seite der Lichtung versunken war, kehrte Paola zurück.

„Wie geht es Fynn?“

„Genauso wie heute früh. Ich habe den Verband gewechselt und die Wunde gereinigt. Doch das tote Fleisch muss weg. Es frisst sich immer weiter in das gesunde Gewebe. Wir können den Prozess nur verlangsamen und etwas mehr Zeit gewinnen“, antwortete Lele.

„Ich gehe morgen noch einmal sammeln. Dann sollten wir genug haben um die nächsten Tage zu überstehe. Wenn Topa nicht bis morgen Abend zurück ist, geht eine von uns beiden los und holt Hilfe.“

Ihr Ton lies keine Widerrede zu. Der Gedanke alleine los zu ziehen machte ihr weniger Angst, als alleine mit Fynn hier zu bleiben und mit zu erleben, wie er starb. Sie musste Paola überzeugen, dass es besser sein würde, wenn sie bei Fynn blieb. Sie hatte noch eine Nacht und einen Tag Zeit, sich ihre Argumente zu überlegen.

Nach dem sie zu Abend gegessen hatten, legten sie sich links und rechts von Fynn zum schlafen. So wollten sie verhindern, dass er sich während sie schliefen auf seine Wunde legen würde.

„Können wir das tote Gewebe wirklich nicht einfach raus schneiden“, fragte Paola mit zitternder Stimme.

„Wir haben nicht das richtige Besteck dafür. Wir würden die Wunde nur unnötig vergrößern und mehr Schaden anrichten als Nutzen. Wir müssten die Wunde dann nähen, wozu wir auch kein Material haben. Wir haben auch nichts, um seine Schmerzen während dessen zu lindern. Ich fürchte, das wird er nicht überleben.“

„Aber irgendetwas müssen wir doch tun.“

Paola legte ihren Kopf so nahe wie möglich an Fynn.

„Ich bin Krankenschwester und keine Ärztin“, sagte Lele gereizt.

„Entschuldige, so war das nicht gemeint.“

Die anschließende Ruhe wurde nur durch die Geräusche ihre Atems unterbrochen. So also hört sich Hoffnungslosigkeit an, dachte Paola.