Archiv für den Monat: Dezember 2017

14/2017 Fieberwahn oder „echt jetzt?“

Paola wachte in dieser Nacht mehrmals auf, weil Fynn sehr unruhig schlief. Immer wieder drehte er sich oder schlug mit den Armen um sich und traf dabei Paola. Wenn Paola ihn berührte und wieder so hinlegte, dass er nicht auf der Wunde lag, hatte sie den Eindruck, dass Fynn wach wurde und versuchte zu sprechen. Sie deutete das als gutes Zeichen, dass das Fieber etwas gesunken sei. Kurz überlegte sie, Lele zu wecken die am Feuer schlief, ließ es dann aber bleiben.

Paola stand auf, um etwas sich etwas Tee vom Kessel über der Feuerstelle zu holen. Vielleicht könnten sie in ein oder zwei Tagen aufbrechen, wenn das Fieber weiter sank. Zurück bei Fynn setzte sie sich und sah im ins Gesicht. Fynn schlief und sie sah ihm einfach dabei zu. Nachdem sie den Tee ausgetrunken hatte, legte sie sich ganz nah zu ihm und küsste ihn.

„Maden“, flüsterte er schwach. Paola freute sich über das erste Wort von ihm seit Tagen, schob es aber auf das Fieber, dass nichts besseres als Maden dabei herauskam. Deswegen reagierte sie auch nicht.

„Maden“, sagte er wieder.

„Maden?“

„Fressen….. Fleisch……. totes..Fleisch.“

„Maden…. Wunde….“ Dann nahm er ihre Hand und legte sie auf seinen Verband.

Sie versuchte ihn ganz aufzuwecken. Scheinbar wollte er ihr etwas sagen. Doch das Fieber hatte wieder die Oberhand gewonnen und Fynn schlief tief und fest.

Paola weckte Lele.

„Maden auf die Wunde“, murmelte sie noch etwas verschlafen.

„Das ist die einzige vernünftige Erklärung, wenn wir seine Worte überhaupt ernst nehmen.“

„Könnte sein.“

„Nicht dein Ernst.“

„Doch“, erwiderte Lele. „Mein Ex-Freund war Arzt und im Krankenhaus haben sie sich öfter darüber unterhalten, dass bestimmte Maden zur Wundheilung eingesetzt werden können.“

„Was für Maden?“ Paola war jetzt ganz wach.

„Keine Ahnung, irgendwelche Fliegen würden wohl ihre Eier auf toten Tieren ablegen und die Maden fressen dann das tote Fleisch.“

„Das ist die Lösung“, reif Paola. „Wieso hast du mir das nicht früher erzählt.“

„Spinnst du?´Du kannst doch nicht einfach irgendwelche Viecher in die Wunde legen. Das könnte sein sicherer Tot sein.“

„Aber es könnte funktionieren. Los, erzähl mir alles was du gehört hast!“

Lele erzählte und Paola hörte zu.

„So machen wir es“, sagte Paola schließlich.

„Du könntest ihn töten!“, schrie Lele sie an.

„Wenn wir nichts tun, stirbt er auch!“ Auch Paola wurde jetzt laut.

„Das Risiko ist zu groß! Da mach ich nicht mit. Wo willst du überhaupt Maden herbekommen?“

„Wir umgeben von Wald. Hier gibt es jede Menge toter Tiere. Wir suchen eines, schneiden es auf und sehen was passiert.“

„Und locken dadurch auch noch wilde Tiere an. Tolle Idee!“

„Hast du eine bessere?“

„Topa kommt bestimmt bald zurück.“

„Darauf will ich nicht warten. Du kannst mir helfen oder es bleiben lassen.“

Als Lele am morgen erwachte, waren Paola und der Schlitten verschwunden.

„Diese blöde Kuh“, schimpfte sie laut. „Sie wird ihn noch umbringen.“ Sie versorgte Fynn´s wunde, gab ihm etwas Tee zu trinken und steckte ihm etwas eingeweichtes Brot in den Mund. Den ganzen Tag kämpfte sie mit sich selbst. Paola zu helfen war riskant, ihr nicht zu helfen auch. Egal was sie machen würde, Fynn würde sterben und sie, Lele, würde Schuld daran sein.

Am Nachmittag kam Paola zurück. Auf der Ladefläche lag ein toter Hase.

13/2017 So klingt also Hoffnungslosigkeit

Lele und Paola schafften es mit vereinten Kräften, dass das Fieber nicht weiter anstieg. Trotzdem wurde Fynn immer schwächer. Er war kaum noch bei Bewusstsein und sein Atem wurde immer flacher.

„Wir haben kaum noch Kräuter“, sagte Paola eines Abends zu Lele.

„Kannst du nicht welche sammeln? Ich bleibe solange hier und pass auf Fynn auf.“

Obwohl Paola wenig Hoffnung hatte, machte sie sich am nächsten Morgen auf, um Kräuter zu sammeln. Sie versuchte, sich an das zu erinnern was sie über das Heilen von Wunden gelesen oder von Oma Lerke erfahren hatte. Doch viel war das nicht. Zwar konnte sie kleinere Wunden mit Salben und Tinkturen behandeln, doch eine so schwere und bösartige Wunde wie bei Fynn kannte sie einfach nicht. Lele kannte wenigstens die Behandlungsmethoden, doch auch sie konnte nicht sagen, woraus genau die jeweilige Medizin hergestellt wurde.

Sie fand etwas Holunder und Johanniskraut gegen das das Fieber. Sie hielt Ausschau nach Huflattich, Schafgarbe und Taubnesseln, um die Wunde zu versorgen. Doch außer Kamille und Rinde einer Ulme fand Sie nichts, was sie sonst noch einsetzen konnte. Trotzdem sammelte Sie alle Kräuter und Blüten die sie kannte. Sie wollte gegenüber Lele zumindest den Anschein wahren, dass es noch Hoffnung gab. Zudem steckte Sie alles essbare in ihre Taschen. Denn auch ihre Vorräte gingen langsam zu Ende und wenn Topa nicht bald zurück käme, würden sie Fynn nur schwer mit dem ernähren können, was Wald und Wiesen hergaben.

Lele machte sich in der Zwischenzeit daran, die Verbände und Tücher zu reinigen. So gut es ging, wusch sie die Salben und den Eiter ab und kochte anschließend alles in heißem Wasser. Zwischendurch versuchte sie Fynn immer wieder Wasser und Tee einzuflößen und steckte ihm kleine Mengen aufgeweichtes Brot in den Mund. Zudem hatten sie kaum noch saubere Kleidung. Also wusch sie noch einige Kleidungsstücke von sich und Paola. Doch ohne Seife konnte sie nur den groben Schmutz abwaschen, der Geruch nach Schweiß und Rauch blieb aber. So konnte sie wenigstens einen kleinen Beitrag leisten. Am meisten machte ihr neben Fynn Paola zu schaffen. Lele hatte längst bemerkt, dass ihre Freundin lange nicht so zuversichtlich war, wie sie vorgab.

Als die Sonne schon fast hinter den Bäumen auf der anderen Seite der Lichtung versunken war, kehrte Paola zurück.

„Wie geht es Fynn?“

„Genauso wie heute früh. Ich habe den Verband gewechselt und die Wunde gereinigt. Doch das tote Fleisch muss weg. Es frisst sich immer weiter in das gesunde Gewebe. Wir können den Prozess nur verlangsamen und etwas mehr Zeit gewinnen“, antwortete Lele.

„Ich gehe morgen noch einmal sammeln. Dann sollten wir genug haben um die nächsten Tage zu überstehe. Wenn Topa nicht bis morgen Abend zurück ist, geht eine von uns beiden los und holt Hilfe.“

Ihr Ton lies keine Widerrede zu. Der Gedanke alleine los zu ziehen machte ihr weniger Angst, als alleine mit Fynn hier zu bleiben und mit zu erleben, wie er starb. Sie musste Paola überzeugen, dass es besser sein würde, wenn sie bei Fynn blieb. Sie hatte noch eine Nacht und einen Tag Zeit, sich ihre Argumente zu überlegen.

Nach dem sie zu Abend gegessen hatten, legten sie sich links und rechts von Fynn zum schlafen. So wollten sie verhindern, dass er sich während sie schliefen auf seine Wunde legen würde.

„Können wir das tote Gewebe wirklich nicht einfach raus schneiden“, fragte Paola mit zitternder Stimme.

„Wir haben nicht das richtige Besteck dafür. Wir würden die Wunde nur unnötig vergrößern und mehr Schaden anrichten als Nutzen. Wir müssten die Wunde dann nähen, wozu wir auch kein Material haben. Wir haben auch nichts, um seine Schmerzen während dessen zu lindern. Ich fürchte, das wird er nicht überleben.“

„Aber irgendetwas müssen wir doch tun.“

Paola legte ihren Kopf so nahe wie möglich an Fynn.

„Ich bin Krankenschwester und keine Ärztin“, sagte Lele gereizt.

„Entschuldige, so war das nicht gemeint.“

Die anschließende Ruhe wurde nur durch die Geräusche ihre Atems unterbrochen. So also hört sich Hoffnungslosigkeit an, dachte Paola.

12/2017 Gestatten: Opa Kester

Topa löste den Knebel und die Fesseln des alten Mannes. Der versuchte etwas zu sagen, doch seine Lippen bewegten sich lautlos. Topa wollte dem Alten helfen, sich auf zu setzten. Doch der zog ihn zu sich heran, bis sein Ohr fast die Lippen des Alten berührten.

„Whüe“, wisperte der Alte.

Topa schüttelte den Kopf zum Zeichen, dass er ihn nicht verstanden hatte.

„Iüde“, versuchte es der Alte erneut.

„Leute?“, fragte Topa. Vielleicht fragte der Alte nach den Männern von gestern.

„Iühde“, flüsterte der Alte, dann ließ er Topa los.

Wieder schüttelte Topa den Kopf und blickte dem Alten in die Augen.

„Iühde? Ist das dein Name?“, fragte Topa.

Jetzt schüttelte der Alte den Kopf. Topa beschloss, den Alten auszufragen.

„Wohnst du alleine hier?“

Kopfschütteln.

„Wohnst du mit jemandem Namens Iühde hier?“

Nicken und Kopfschütteln.

„Es tut mir leid“, sagte Topa, „aber es ist außer uns niemand hier. Gesten Abend traf ich hier drei Männer. Ich hielt sie für den Wirt und seine Gäste. Aber es waren wohl Diebe, denn sie sind in der Nacht abgehauen und haben meinen Schlitten gestohlen.“

Der Alte drehte den Kopf zur Seite, doch Topa konnte seine Tränen sehen.

„Kannst du aufstehen?“, fragte Topa.

Umständlich richtete sich der Alte auf. Dann robbte er zum Rand der Ladefläche. Topa sah, wie schwach er war und half ihm. Er klettere als erste vom Schlitten und reichte dem alten Mann seine Hand. Langsam versuchte der, von der Ladefläche zu rutschen, doch seine Beine konnten ihn nicht tragen. Topa nahm den Alten und trug ihn in die Wirtsstube. Dort setzte er ihn an einen Tisch. Mit einem Becher Wasser setzte er sich dem Alten gegenüber. Der Trank in kleinen Schlucken langsam den Becher leer.

„Danke“, sagte er leise. Das sprechen viel ihm noch immer schwer.

„Mein Name ist Kester.“

„Wer ist Iühde“, wollt Topa wissen.

„Jytte, meine Enkelin“, antwortete Kester. „Sie war mit ihrer Tochter und mir hier, um nach dem rechten zu sehen.“

Topa holte noch einen Becher Wasser. Kester erzählte ihm, dass dies sein Hof sei, er aber seit vielen Sommern mit seiner Enkelin im nächsten Dorf, zwei Tagesreisen von hier entfernt lebte. Ab und zu kommen sie hier vorbei um nach dem rechten zu sehen. Kester war gerade dabei, die Fensterläden zu öffnen, als die drei Männer plötzlich in der Wirtsstube standen. Sie mussten sich in einer der Stuben versteckt haben. Jytte und ihre Tochter Nilla warteten draußen mit dem Schlitten auf ihn.

„Ich habe keinen Schlitten gesehen, als ich hier angekommen bin.“

Kester began zu strahlen.

„Meine Jytte! Sie ist eine kluge Frau. Sie hat die Gefahr erkannt und ist mit dem Schlitten los, um Hilfe zu holen“, prahlte Kester.

Auch Topa fühlte sich schlagartig besser. Er würde zumindest von hier wegkommen. Und es gab einen Schlitten und Kester würde ihm aus Dankbarkeit sicher helfen.

„Wie lange ist das her“, wollte Topa wissen.

„Einen Tag und eine Nacht lag ich auf der Ladefläche, bis du aufgetaucht bist.“

„Ich mach uns ein Feuer, die Wärme wird dir gut tun. Dann suchen wir nach Jytte“.

„Danke“, sagte Kester.

Topa öffnete die Tür und wollte gerade ins Freie treten, als ihn etwas hartes an der Stirn traf. Er stolperte rückwärts in die Wirtsstube und schlug mit dem Kopf so hart am Boden auf, dass er bewusstlos wurde.

11/2017 Alles futsch bis auf einen alten Mann

Topa lehnt an dem Tor zu einem der beiden Schuppen und kämpfte gegen den Schwindel an. Die Männer die er gestern Abend angetroffen hatte, waren nicht der Wirt und seine Gäste. Es waren gemeine Diebe. Und er hatte vor Müdigkeit und Hunger nicht bemerkt, dass das Haus schon seit einiger Zeit unbewohnt war und die Männer so wie er nur zufällig hier vorbeigekommen sind. Sie hatten es sich einfach für den Abend gemütlich gemacht, und er war darauf reingefallen. Jetzt saß er hier fest, ohne die Chance von hier weg zukommen. Ohne seine Rentiere würde er erstens den Weg zurück nicht finden und zweitens würde er für den Weg anstatt vier Tagen wohl einen ganzen Mond lang brauchen. Und selbst wenn er den Weg zurück finden würde, wäre Fynn längst tot. Lele und Paola wären alleine und ohne Schutz.

Er überlegte, was er tun sollte. Zurück oder irgendwie das nächste Dorf finden. Und dann? Von dort aus die Suche nach Lele und Paola starten oder weiter in das Weihnachtsdorf und hoffen, dass die beiden Frauen sich alleine durchschlagen würden?

Doch zunächst musste er etwas zu Essen auftreiben. Er ging zurück in die Wirtsstube und schaute in die Krüge. In einem war noch Wasser und er trank es in einem Zug aus. Auf einem der Teller fand er noch eine angebissene Scheibe Brot. Besser als nichts dachte er, doch sein Magen rief nach mehr Essen. In seinem Rucksack hatte er noch einen Apfel. Nach dem auch der verspeist war, macht er sich auf die Suche nach der Speisekammer. Er schaute in alle Räume. Nichts. Alles leer und verlassen. Da er keine Speisekammer fand, suchte er nach einer Falltür im Boden und fand sie schließlich unter einem schmutzigen Teppich hinter dem Tresen. Durch das wenige Licht das durch die Öffnung im Boden hineinfiel konnte er nur einen Teil des Raumes sehen. Doch was er sah machte ihm wenig Hoffnung, dass hier irgendetwas essbares zu finden sei. Trotzdem wollte er sich eine Fackel oder Kerze suchen und den ganzen Raum absuchen. Im Ofen war keine Glut mehr und nirgends war Holz zu finden.

Vielleicht war in einem der Schuppen noch eine Axt zu finden. Der erste Schuppen war bis auf ein paar Ballen altes Stroh leer. Doch im zweiten Schuppen hatte er Glück. An den Wänden hingen allerlei Werkzeuge, die ein Bauer eben brauchte, um seinen Hof und die Felder zu bewirtschaften. So verrostet wie die Werkzeuge waren, war der Hof seit mindestens 5 Sommern und Wintern verlassen. In der Mitte stand ein alter Schlitten, der seine besten Tage schon lange hinter sich hatte. Ein paar flüchtige Blicke reichten Topa um zu wissen, dass sich eine Reparatur nicht lohnen würde. Er nahm eine Säge und eine Axt von der Wand und wollte den Schuppen gerade wieder verlassen, als er ein Geräusch hörte. Er blieb stehen und lauschte.

Da war es wieder. Erst dachte er an eine Katze oder einen Hund, doch an diesem menschenleeren Ort würden wohl auch keine Haustiere mehr leben. Wieder hörte er das Geräusch. Es klang, als ob etwas über Holz geschleift wurde. Er schüttelte den Kopf, wer oder was sollte hier über Holz schleifen.

Er fand ein paar alte Äste und machte sich daran, sie zu Brennholz und zu einer Art Fackel zu zerkleinern. Doch das Geräusch wollte ihm nicht aus dem Kopf. Er hatte es eindeutig gehört. Er war zwar hier alleine und seine Situation war nicht rosig, aber er hörte noch keine Gespenster.

Topa ging zurück in den Schuppen und lauschte. Das Geräusch war immer noch da. Es schien, von dem halb zerfallenem Schlitten zu kommen. Vorsichtig näherte er sich und warf einen Blick auf die Ladefläche.

Dort lag ein alter Mann. Geknebelt und die Arme auf den Rücken gefesselt, aber am Leben. Der Alte schabte mit seinen Füßen über das Holz der Ladefläche.

10/2017 Schlimmer geht immer

Als Topa am nächsten morgen erwachte, war die Wirtsstube verlassen. Ihm war kalt und die Luft roch nach abgestandenem Bier und kaltem Rauch. Er stand auf und wickelte sich die Decke um die Schultern. Müde schleppte er sich mit steifen Gliedern zum Ofen, um das Feuer wieder zu entfachen. Doch die Glut war längst erloschen.

Seltsam, dachte Topa bei sich. Normalerweise sorgt der Wirt dafür, dass das Feuer nie ausging und immer Glut im Ofen war. Er sah sich um. Auf dem Tresen und an dem Tisch an dem die Männer gesessen hatten standen noch Teller mit Essensresten und Bierkrüge. Auch der Tisch an dem er gegessen hatte war nicht abgeräumt.

Topa ging zu der Tür die zu den Stuben der Wirtsfamilie führte, öffnete sie einen Spalt und lauschte. Im Haus war es merkwürdig still. Bei seiner Ankunft hatte er nur den Wirt angetroffen. Das von dessen Familie oder dem Gesinde niemand zusehen war, war so spät am Abend nicht verwunderlich. Lebte der Wirt etwa alleine? Doch wie sollte er einen so großen Hof mit Wirtsstube alleine bewirtschaften?

Er ging zu der Tür die zu der einzigen Gästestube führte. Nachdem er auch hier nichts hören konnte, öffnete er langsam die Tür und blickte durch einen Spalt hinein. Die Stube war leer. Kein Tisch, keine Stühle, nicht mal ein Nachtlager aus Stroh. Und erst recht nicht die beiden Männer die er darin vermutet hatte.

Langsam dämmerte ihm, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Er beschloss, die Stuben der Wirtsfamilie zu durchsuchen. Doch auch die waren absolut leer. Keine Möbel, keine Spur von Menschen oder Leben. Er rannte durch die Wirtsstube ins Freie. Auch hier nichts zu sehen. Sein Schlitten? Wo war sein Schlitten? Er hatte ihn gestern vor dem Eingang stehen lassen. Doch jetzt war er verschwunden.

In Panik rannte er zur Rückseite des Hofes. Dort waren zwei kleinere Schuppen. Er öffnete die erste – leer. Ebenso die zweite. Etwas kaltes hatte seine Eingeweide fest im Griff, als ihm klar wurde, was hier geschehen war.

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Fynn stand wieder auf der Brücke vor Ogre. Doch diesmal hatte er keine Waffen bei sich. Und seine Feinde waren nicht seine Feinde. Da standen Topa, Paola, Boje und Vendela, Lele und Oma Lerke. Und auch sie hatten keine Waffen. Sie standen mit dem Rücken zu ihm und blickten hinunter in den Fluss.

Fynn wollte zum Brückengeländer gehen und nachsehen, was da in dem Fluss war. Doch er konnte sich nicht bewegen. Seine Beine bewegten sich nicht. Er wollte Paolas Namen rufen, doch aus seinem Mund kam kein Laut.

Jetzt sah er, dass sie Blumen in den Fluss warfen. Er sah, dass seine Freunde miteinander sprachen, konnte aber nicht hören, was sie sagten.

Einer nach dem anderen drehte sich um und ging an ihm vorbei in die Stadt. Sie weinten. Doch keiner sah ihn. Sie gingen direkt auf ihn zu und sahen ihn nicht. Sie mussten ihn doch sehen. Er versuchte, auf sich aufmerksam zu machen. Irgendetwas lähmte ihn. Als letztes stand nur noch Paola an der Brüstung. Sie drehte sich langsam um und Fynn erschrak. War das wirklich Paola? Ihr Gesicht war eingefallen, ihre Augen saßen tief in den Augenhöhlen. Ihr sonst glänzend schwarzes Haar war unordentlich und schmutzig. Paola war sah alt aus. Langsam schlurfte sie an ihm vorbei. Er konnte einen letzten Blick in ihr Gesicht werfen. Ihre Augen waren rot vom Weinen, doch ihr liefen keine Tränen mehr über die Wangen.

Er blickte über das Geländer auf den Fluss und sah ein Floß stromabwärts treiben. Auf dem Floß lag er selbst.

Da wusste er, dass er tot war.

9/2017 Wo bleiben die denn

Nicht nur auf Livdröm sondern im ganzen Weihnachtsdorf machte man sich langsam Sorgen um die Abenteurer. Wenn alles normal laufen würde, hätten sie schon vor einigen Tagen zurück sein müssen. Als die Brieftaube die Nachricht über die erfolgreiche Befreiung von Paola ins Dorf gebracht hatte, waren die Bauern noch mit der Aussaat beschäftigt. Jetzt hatten bereits die Planungen für die Ernte begonnen.

Doch die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr hatte auch handfeste Gründe. Boje war es nicht gelungen, alle seine Felder zu bestellen. Der Weinberg war teilweise verwildert, weil ihm einfach die Zeit für die Pflege fehlte. Zwar kamen ab und an Onkel Pelle und Tante Unn vorbei und halfen wo sie konnten, doch sie konnten den Ausfall der 4 Helfer nicht wett machen. Oma Lerke kam fast jeden Tag vorbei um Vendela im Haushalt zu helfen oder auf die Zwillinge aufzupassen. Trotzdem blieb Vendela zu wenig Zeit, um den kleinen Hofladen regelmäßig zu öffnen. Zu oft mussten die Dorfbewohner ohne Einkäufe ins Dorf zurückkehren. So fehlte schon jetzt ein Teil der Einnahmen und die Ernte würde in diesem Jahr auch geringer ausfallen, so dass im nächsten Jahr wieder weniger Geld und Waren zum Tausch zur Verfügung stehen würden. Hoffentlich würde es noch reichen, um Livdröm zu halten und bewirtschaften zu können.

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Topa war schon zwei Tage unterwegs, ohne ein Dorf oder einen Einsiedlerhof zu finden, bei dem er um Hilfe hätte fragen können. Er hatte sich dazu entschieden, die Suche in die Richtung fortzusetzen, in der sie sowieso reisen mussten. Langsam wurde nicht nur er müde, auch die Rentiere konnten nicht mehr so schnell wie am Anfang.

Am Abend des vierten Tages kam er endlich an einen einsam gelegenen Hof mit Wirtsstube. Der Wirt lies ihn ein. In der Schankstube saßen zwei Reisende und tranken Bier. Topa nickte ihnen zu und beachtete sie nicht weiter. Er schlang das Essen hinunter dass der Wirt ihm gebracht hatte und trank zwei Krüge Bier dazu. Dann erkundigte er sich nach dem Weg in das nächste Dorf, in dem er einen Arzt würde finden können. Der Wirt schien sich nicht recht gut auszukennen. Umständlich erklärte er den Weg, korrigierte sich ein paar mal und war sich am Ende gar nicht mehr sicher, ob in dem Dorf überhaupt ein Arzt lebte. Die warme Mahlzeit und das Bier hatten seine Müdigkeit weiter gesteigert, und so fiel ihm auch das seltsame Verhalten des Wirts nicht auf. Er bedankte sich und legte sich in einer Ecke der Schankstube auf den Boden. Wenn er morgen noch vor Sonnenaufgang losfahren würde, könnte er es bis zum Abend schaffen und endlich einen Arzt auftreiben. Mit der Zuversicht, dass bald alles gut werden würde, schlief er ein.

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Mit all ihrem Wissen hatten Paola und Lele es geschafft, dass das Fieber nicht weiter stieg. Doch auch so war Fynn sehr schwach. Die meiste Zeit schlief er tief und fest, fast als sei er ohnmächtig. In den kurzen Momenten in denen er wach war, war er immer noch so benommen, dass er weder reden noch essen oder trinken konnte. Sie versuchten bei jeder Gelegenheit, ihm Tee, Suppe oder einfach nur Wasser einzuflößen. Doch die winzigen Schlucke waren viel zu wenig und Fynn wurde noch schwächer. Wenn Topa nicht bald zurück sein würde, könnte es zu spät sein.Er war jetzt schon vier Tage unterwegs und Lele machte sich auch langsam Sorgen um Topa. Er musste einfach rechtzeitig kommen.

8/2017 Einfache Psychologie

Fynn und Paola saßen noch eine Weile am Feuer.

„Was ist mit ihr los?“, fragte Fynn

„Keine Ahnung“, murmelte Paola. „Sie scheint an allem und jedem zu zweifeln. In ihrem Kopf scheint ein einziges Durcheinander an Fragen zu sein, die sich so stark ineinander verknoten, dass keine Antwort die passende Frage mehr finden kann. Das schlimmste aber ist, dass sie sich für alles die Schuld gibt und glaubt, dass auch alle anderen ihr die Schuld geben. Ihre Argumentation ist nicht minder wirr.“

„Und das gibt ihr das Gefühl, ausgestoßen zu werden.“

„Woher weißt du das?“ wollte Paola wissen.

„Weil sie sich in Wirklichkeit einfach nur schämt.“

„Wofür?“

„Für ihre Mutter.“

„Wenn meine Mutter mich so behandelt hätte, hätte ich mich sicher nicht geschämt.“

„Doch, ich glaube schon“, feixte Fynn.

„Ich glaube du hast genug Wein getrunken.“

„Im ernst, sie schämt sich einfach.“

„Nun“, gab Paola sich gespielt zickig, „wenn schon der Wein aus dir spricht, kann ich´s mir bei ja auch anhören und dabei mittrinken.“

„Zugegeben, Lele´s Mutter ist eine schwierige Person. Aber sie ist vor allem Lele´s Mutter. Kinder – egal ob kleine oder große – lieben Ihre Eltern und sind stolz auf sie. Auch, wenn die sich noch so unmöglich aufführen. Die Angst, das jemand den man selbst liebt, sich so unmöglich benimmt, dass man sich für ihn schämen muss ist ein mächtiges Gefühl.“

„Das erklärt noch immer nicht die Schuldgefühle.“

„Sie hat es ihrer Mutter nie recht machen können, hat nie die Anerkennung bekommen, die sich braucht und wollte. Stattdessen hat sie lernen müssen, dass alles immer ihre Schuld war. Durch ihre Schuld ist das Leben ihrer Mutter verkorkst. Also fühlt sie sich auch für die Folgen verantwortlich. Das sie sich schämt, verstärkt die Schuldgefühle die ihr eingetrichtert wurde nur noch.“

„Und wie zeigen wir ihr, dass sie nicht schuld ist.“

„Vielleicht in dem wir ihr zu spüren geben, dass wir sie einfach lieben, ohne einen Grund dafür zu brauchen.“

„Klingt schwierig.“

„Ist es auch.“

„Danke, sehr beruhigend.“

„Wir finden einen Weg.“

„Erklärst du mir irgendwann, warum du das alles weißt?“

„Versprochen.“

Als Fynn schon längst eingeschlafen war, dachte Paola noch immer über ihr Gespräch nach. Fynn hatte überzeugend gewirkt, doch ihr wollte nichts vernünftiges einfallen, wie sie ihrer Freundin würde helfen können.

Als sie am nächsten Morgen aufwachte, schlief Fynn immer noch. Das war ungewöhnlich. Sie beugte sich über ihn und gab ihm einen Kuss auf die Wange. Fynn´s Haut war feucht und schmeckte salzig. Erst da merkte sie, dass Fynn am ganzen Körper heiß war und schwitzte. Sie öffnete den Verband. Die Wunde hatte sich entzündet und bereits begonnen zu eitern.

Paola weckte Lele und Topa und erklärte ihnen die Lage. Lele ging sofort zu Fynn, um sich selbst ein Bild zu machen. Topa brachte das Feuer wieder in gang und setzte Wasser auf.

„Wir müssen ihn zu einem Arzt bringen“, sagte Lele. „Die Wunde muss professionell gereinigt werden, bevor sich das tote Gewebe entzündete und entfernt werden muss. Aber ich weiß nicht, ob er die Reise überstehen wird, wenn wir länger als einen Tag brauchen. Sein Körper war eh schon geschwächt, und jetzt noch die Entzündung.“

„Wir sind mitten in der Wildnis. Keine Ahnung, wie lange wir ins nächste Dorf brauchen.“

„Haltet ihn einfach am Leben“, sagte Topa. „Ich finde einen Arzt und bringe ihn hier her.“

Topa sprang auf seinen Schlitten und raste davon. Die beiden Freundinnen waren so damit beschäftigt, die Wunde so gut wie möglich zu reinigen, dass keine auf den Gedanken kam, was passieren würde wenn Topa ohne Arzt zurückkommen würde.

7/2017 Kinder haften für ihre Eltern

Paola fiel es schwer, den Gedanken und Gefühlen von Lele zu folgen.

„Es tut mir leid Lele, wie kannst du dir da so sicher sein?“

„Na was glaubst du denn?“, raunzte Lele sie an. „Die werden sich doch das Maul zerreißen über uns.“

„Über uns?“

„Über dich auch! Und über Fynn, wenn sie herausfinden, dass er über seine Vergangenheit gelogen hat!“

„Jetzt lass uns erst mal nach Hause kommen, dann sehen wir, ob es wirklich so ist, wie du sagst“, versuchte sie Lele zu beruhigen.

„Nach Hause? Was ist das schon für ein zuhause, wo man nur zum Gespött der Leute wird.“

„Also ich kenne ein paar Leute, die sicher nicht so reagieren werden.“

„Ach ja, wen denn?“

„Fynn, mich, Vendela, Boje, Oma Lerke, Topa und jeden, der dich kennt.“

„Wie kannst du mir verzeihen, was ich euch angetan habe!“

„Da gibt es nichts zu verzeihen, verstehst du das denn nicht? Auch Fynn gibt dir nicht die Schuld an…“

„Aber es war meine Mutter, schon vergessen?“ Lele schrie jetzt fast.

„Wir drehen uns hier im Kreis“, sagte Paola resigniert.

„Kinder werden eben nun mal an den Taten ihrer Eltern gemessen. Das war schon immer so bei uns im Dorf.“

Paola startete einen letzten Versuch: „Wie kannst du Schuld an etwas sein, was DU nicht getan hast? Wenn Fynn und ich einmal Kinder haben, werden sie auch nicht schuld sein an dem, was Fynn als Soldat getan hat.“

„Du willst Kinder mit ihm? Er hat auch dich über sein früheres Leben belogen. Und was er wirklich alles getan hat, dass wissen wir ja noch gar nicht.“

„Nein, dass wissen wir nicht. Aber auch ich war nicht ganz ehrlich zu ihm und zu euch auch nicht. Sollen daran dann meine Kinder schuld sein? Als Kinder tragen wir keine Schuld an den Fehlern unserer Eltern. Wir tragen die Verantwortung, dass sie sich nicht wiederholen und das wir daraus lernen. So kann aus Schlechtem Gutes werden und die Welt wird wieder ein Stückchen besser.“

„Aber du kannst das alles nicht ungeschehen machen oder so tun, als sei nichts passiert!“

„Ich liebe Fynn, daran wird auch seine Vergangenheit nichts ändern. Und ich liebe dich als meine Freundin, egal was deine Mutter getan hat. Und Topa liebt dich auch. Das sollte für dich zählen.“

Paola schien einen wunden Punkt getroffen zu haben. Lele hatte plötzlich Tränen in den Augen.

„Wie kannst du so etwas behaupten?“

„Weil es so ist“, antwortete Paola

„Aber warum?“

„Warum was?“

„Warum liebst du Fynn? Warum mich? Warum sagt mir Topa ständig, dass er mich liebt? Ihr habt doch überhaupt keinen Grund dafür! Im Gegenteil!“ Ihre Tränen hatten fast ihre Stimme erstickt.

Paola entschied sich, nicht weiter auf Lele einzureden. Sie hoffte nur, dass die Tränen ihrer Freundin deren Gedanken nicht noch weiter verfinstern würden. Sie hatte Mitleid mit Lele und versuchte, es vor ihr zu verbergen. Mitleid würde auf der Suche nach Antworten nicht helfen. Und die brauchten sie dringend.

Den restlichen Tag fuhren sie schweigend hinter Fynn und Topa her. An einer Lichtung in er Nähe eines kleinen Baches schlugen sie das Lager für die Nacht auf. Auch beim Abendessen redeten sie nur das nötigste miteinander. Lele gab nach dem Essen vor, müde zu sein und legte sich auf einem der Schlitten schlafen. Topa wollte sie nicht allein lassen und folgte ihr.

6/2017 Einer muss ja schuld sein

Am nächsten morgen wurden Fynn und Paola von Lele geweckt.

„Guten Morgen“, sagte Lele kurz und knapp. „Frühstück ist gleich fertig.“

„Guten Morgen“, antwortete Paola. Sie wollte Lele gerade bitten, Fynn einen neuen Verband anzulegen. Doch die hatte schon Salbe und Verbandsmaterial aus ihrer Tasche geholt und damit begonnen, den alten Verband zu lösen. Paola nutze die Zeit um sich frisch zumachen. Das Lele sich so zuvorkommend um Fynn kümmerte und ohne ein Wort von ihr den Verband wechselte, schob Paola auf Leles Erfahrung als Krankenschwester. Doch das es auch um Lele schlecht bestellt war, ahnte sie nicht.

Normal planten sie beim Frühstück sie die heutige Etappe der Heimreise. Doch heute sprach keiner ein Wort.

Fynn redete nicht, weil er hin und her gerissen war, zwischen Erleichterung darüber, Paola einen Teil seiner Vergangenheit erzählt zu haben und der Angst vor dem, was er ihr noch alles würde berichten müssen, um ihr die ganze Wahrheit zu erzählen. Paola sagte nichts, weil sie sich nicht vor Lele und Topa verplappern wollte. Fynn hatte sich ihr gegenüber endlich geöffnet und sie wollte sein Vertrauen nicht durch eine unbedachte Äußerung missbrauchen. Lele und Topa hingegen schwiegen, weil sie durch die Schreie von Paola geweckt worden waren und das anschließende Gespräch mit angehört hatten. Vielleicht war es den beiden unangenehm, darauf angesprochen zu werden, also schwiegen auch sie.

Nach dem Frühstück packten sie gemeinsam ihre Sachen auf die Schlitten und fuhren los. Lele stieg zu Paola auf den Schlitten, Fynn und Topa fuhren voraus. Paola kannte Lele mittlerweile gut genug um zu spüren, dass sie etwas beschäftigte. Deswegen lies sie den Schlitten etwas zurückfallen.

„Du bist sehr unruhig heute“, sagte sie zu Lele als der Abstand so groß war, dass die beiden Männer das Gespräch nicht würden mithören können.

„Wir sind durch deine Schreie aufgewacht und haben euer Gespräch mitbekommen.“

„Das beschäftigt dich?“, fragte Paola erstaunt.

„Glaubst du, er hat jemanden……. ?“

„Getötet?“

Lele nickte. Der Gedanke, das Fynn in Wahrheit ganz anders war, als sie ihn kennengelernt hatten, hatte Lele erschreckt.

„Als wir dich befreit hatten, war ich viel zu aufgeregt, um darüber nachzudenken, woher er all diese Fähigkeiten hatte. Ich habe ihn bewundert, wie er das alles geplant und durchgeführt hat. Jetzt weiß ich, warum er das kann.“

„Und wie denkst du jetzt über ihn?“

„Er hat dich gerettet, er hat aus Liebe zu dir alles getan, was er tun musste. Und er hat Topa und mich dabei auch noch beschützt, in dem er uns so wenig wie möglich in Gefahr gebracht hat. Dafür bin ich ihm ewig dankbar.“

„Dann ist ja alles in bester Ordnung“, erwiderte Paola.

„In bester Ordnung? Nichts ist in bester Ordnung. Fynn ist schwer verletzt. Er wollte dieses Leben hinter sich lassen, doch jetzt hat ihn das alles wieder eingeholt.“

„Die Vergangenheit holt jeden irgendwann ein. Und irgendwann, muss jeder sich seinen Taten stellen, seine Dämonen bekämpfen oder lernen, mit ihnen zu leben.“

„Und wenn er dich wieder angreift und dir ernsthaft weh tut? Das würde ich mir nie verzeihen.“

„Aber das ist doch nicht deine Schuld.“

„Doch! Das alles hier ist meine Schuld. Schließlich war es meine Mutter, der wir das zu verdanken haben. Wäre ich in ihren Augen eine bessere Tochter gewesen, wäre das alles vielleicht nicht passiert.“

„Keiner gibt dir die Schuld dafür. Und du solltest das auch nicht tun.“

„Und wer ist dann schuld an dem ganzen Schlamassel?“

„Du auf jeden Fall nicht. Du bist nicht verantwortlich, für das was passiert ist.“

„Aber es war meine Mutter. Alle werden mir die Schuld daran geben, wenn wir zurück sind. Mutter ist nicht mehr da, also werden sie mir die Schuld geben. Keiner wird sich trauen, mir das zu sagen. Aber sie werden es tun. Und ich muss jeden Tag damit leben.“

Insgeheim war es Lele ganz recht, das sie nur sehr langsam voran kamen und immer wieder tagelange Pausen machen musste, bis Fynn wieder zu Kräften gekommen war.

5/2017 Alles nur geträumt

Fynn spürte, dass ihn etwas am Rücken berührte. Er stellte sich weiter schlafend und taste nach seinem Messer. Doch er konnte es nicht finden. Er spannte seine Muskeln, drehte sich blitzschnell um und packte seinem Angreifer.

Paola schrie auf und versuchte sich zu wehren. Doch Fynn war zu stark und drücke sie fest auf den Boden.

„Fynn, lass mich los! Du tust mir weh!“

Als er ihre Stimme hörte, begriff er, dass alles nur ein Traum war. Aber der Traum war Wirklichkeit, auch wenn die schon lange zurück lag und er sie bis jetzt erfolgreich verdrängt hatte. Er ließ Paola los und setzte sich neben sie. Seine Wunde schmerzte und alle Kraft die er gerade noch hatte war verschwunden. Auch Paola richtete sich auf und blickte ihn an. Mit gesenktem Kopf und mehr in sich zusammengesunken als aufrecht saß er neben ihr und starre auf den Boden.

„Was ist los mit dir?“ In Ihrer Stimme lag kein Vorwurf, nur Mitgefühl und Angst um Fynn.

„Nichts. Ich habe nur schlecht geträumt. Entschuldige bitte, es tut mir leid.“

Die Entschuldigung war echt, doch er schämte sich so, dass er Paola immer noch nicht anschauen konnte.

„Lass mich nach deiner Wunde sehen“, sagte sie, um das peinliche Schweigen zu beenden und um ihrer beider Gedanken abzulenken. Widerstandslos ließ er sich von Ihr auf die Seite drehen und untersuchen.

„Alles okay“, sagte sie schließlich. „Der Verband ist etwas verrutscht, Lele soll dir morgen früh einen neuen anlegen.“

Fynn nickte nur. Paola legte sich neben ihn, griff seine Hand und suchte seine Augen mit ihren.

„Mit dir auch wieder alles okay?“ Wieder nickte er nur. Doch so schnell wollte Paola nicht aufgeben.

„Du kannst es mir sagen.“

„Ich liebe dich.“

„Ich liebe dich auch, Fynn. Aber seit du mich befreit hast, schläfst du jede Nacht unruhiger und redest wirres Zeug im Schlaf. Also sag mir bitte nicht, es liegt daran, dass du mich liebst.“

„Was? Nein, es liegt natürlich nicht….“ Zu spät merkte er, dass er ihr in Falle gegangen war. Paola lächelte triumphierend und gab ihm einen Kuss.

„Ich hole uns etwas zu trinken, und dann reden wir, okay?“

Bevor er antworten konnte, war Paola schon aufgestanden. Sie ließ sich absichtlich Zeit und kam nach einer Weile mit zwei Bechern, Wasser und einem Trinkschlauch mit Wein zurück.

„Wein?“ fragte Fynn.

„Aus medizinischen Gründen“, antwortete Paola trocken.

„Wegen meiner Wunde?“

„Wegen all deiner Wunden.“

Nachdenklich trank er langsam seinen Wein und suchte nach einem Anfang. Paola wurde ungeduldig.

„Wer ist Jarkko? Du hast im Schlaf ein paar mal seinen Namen erwähnt.“

„Jarkko ist Janne. Früher hieß er Jarkko, heute nennt er sich Janne.“

„Warum?“

„Um zu vergessen. Um die Vergangenheit hinter sich zu lassen und um nicht erkannt zu werden.“

„Hattest du früher auch einen anderen Namen?“

„Nein, ich heiße wirklich Fynnjard.“

„Und du kennst ihn von früher?“

„Ja, aus einem anderen Leben. Und jetzt ist er wieder aufgetaucht. Ausgerechnet in deinem Dorf.“

Dann erzählte er ihr von dem Kampf um Ogre, seiner Begegnung mit Jarkko auf der Brücke, dem Sprung ins Wasser und seiner Flucht bis zu der Stelle, als er aufgewacht war, weil Paola sich im Schlaf an ihn gekuschelt hatte.