Archiv der Kategorie: Adventskalender 2019

13/2019 Dreckige Dutzend

„Gibt es hier keine Nachtwache?“, fragte Fynn.

„Nein, wir gehen nach Hause wenn die Martosen so voll sind, dass sie an den Tischen schlafen oder wenn einer der Offiziere der Marten sie zum auslaufen einsammelt.“

„Wie viele andere Schiffe legen hier noch an?“

„So gut wie keine. Du bist ein Glückspilz, dass heute zwei Schiffe im Hafen liegen.“

Wenn so wenige Schiffe hier anlegten, dann war die Stadt sicher nicht so reich wie andere Handelsstädte. Er hatte einige verlassene Häuser gesehen als er durch die Stadt gelaufen war. Wenn es stimmte was die Dirne sagte, hätte es mehr marode oder verfallene Häuser geben müssen. Wovon also lebte diese Stadt?

„Woher bekommt Woldemar seine Mannschaft?“

„Die kommen alle aus der Stadt. Ab und an bringt er Frischfleisch mit wenn du verstehst was ich meine. Die lassen sich dann hier nieder, heiraten eine der Frauen deren Männer auf See geblieben sind oder eine der Dirnen.“

Menschenhandel? Konnte es sein, dass die Marten nicht das war, was ihr erster Offizier behauptet hatte? Fynn beschloss in dieser Nacht nicht zu schlafen. Solange er wach war konnte er sich notfalls wehren oder flüchten. Sein Bauchgefühl sagte ihm, dass er noch wachsamer sein musste.

„Also Süßer, was ist jetzt mit meinen Silbertalern?“

Fynn nahm die Hand vom Tisch. Die Dirne steckte das Geld ein und holte eine neue Flasche Wein. Er nutze die Zeit, um einige der Matrosen genauer zu beobachten. Die meisten waren in seinem Alter. Es gab weder alte noch ganz junge Matrosen. Auffallend viele trugen Narben. Er zählte gut drei Dutzend Männer. Dazu die fünf in der Stube neben an und vermutlich nochmal fünf die auf dem Schiff Wache hielten. Alles in allem also knappe vier Dutzend. Er versuchte sich an das zu erinnern, was er über Schiffe und deren Besatzung gelernt hatte. Doch da war nicht viel. Wie bei Soldaten an Land gab es Offiziere, Unteroffiziere und die einfachen Matrosen. Die Unteroffiziere wurden Bootsmann oder Maat genannt. Auch die Zunftmeister wie der Schiffszimmermeister oder der Segelmachermeister und die Unteroffiziere mit wichtigen Funktionen wie der Quartiersmeister, der Küchenlotse oder der erste Steuermann gehörten zu den Unteroffizieren. Die Dirne riss ihn aus seinen Gedanken.

„Hier ist Nachschub, Süßer.“

„Wie oft macht die Marten hier Station?“

„Station? Süßer du musst dringend ein paar Grundbegriffe lernen, wenn du nicht zum Gespött der Marten werden willst.“

„Lass mich raten. Du kannst mir dabei helfen. Was kostet mich das wieder?“

„Ist im Preis mit drin. Zwei Silbertaler waren sehr großzügig.“

Verdammt, dachte Fynn. Er hätte vorsichtiger sein müssen. Wenn die anderen mitbekamen, dass er Geld hatte, wäre er in Gefahr ausgeraubt zu werden.

„Keine Angst Süßer. Du hast Glück, dass ich dich wirklich mag. Von mir erfährt niemand ein Sterbenswörtchen.“

„Danke“, sagte Fynn.

„Das hat schon lange keiner mehr zu mir gesagt“, sagte die Dirne und war leicht verlegen.

„Die Marten läuft unseren Hafen rund alle drei oder vier Monde an.“

12/2019 Augen und Ohren offen halten

Fynn stand in der Schankstube und hielt nach der Frau Ausschau. Er erblickte sie an einem der Tische im hinteren Teil. Fynn trat an den Tisch und setzte sich ohne zu Fragen.

„Verschwinde!“ sagte er zu dem Matrosen der mit am Tisch saß.

Der Matrose versuchte die letzten noch nüchternen Gehirnzellen zu benutzen. Das es nicht mehr viele waren konnte man an seinem Gesicht mit dem offenen Mund ablesen.

„Na mach schon Süßer“, half die Frau nach. „Mit uns wird’s heute eh nichts mehr.“

Der Matrose nahm sein Glas und torkelte davon.

„Hast dir´s wohl doch anders überlegt. So ne Frau wie mich gibt’s hier nicht noch mal. Wist es nicht bereuen.“

„Wo ist der Wein?“, fragte Fynn.

„Na hier“; sagte die Dirne und zog die Flasche hervor.

Fynn versuchte so unauffällig wie möglich zu überprüfen, ob der Korken noch verschlossen und unbeschädigt war. Hier kam ihm so einiges verdächtig vor und er musste auf der Hut sein, wollte er nicht am morgen ausgeraubt in der Gosse aufwachen. Er wusste von den üben Machenschaften die in solchen Spelunken wie hier an der Tagesordnung waren.

„Der Kapitän scheint ein sehr ruhiger Mann zu sein“, sagte er nebenbei und öffnete den Korken.

„Kapitän Woldemar lässt Taten sprechen. Oder andere für sich“, antwortete die Dirne und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche.

„Und Pal, sein erster Offizier?“

„Der segelt schon immer unter dem Kommando von Woldemar. Die beiden haben als einfache Schiffsjungen angefangen und sich hochgearbeitet. In einem Sturm ging der damalige Kapitän und Eigner der Marten über Bord. Wie genau weiß keiner, und wenn, hält er besser die Klappe. Zurück im Hafen war Woldemar Kapitän. Der Sohn des alten Kapitäns kam kurz darauf bei einem Unfall ums Leben und die Witwe verkaufte das Schiff sowie alle Besitztümer ihres Mannes an Woldemar und verschwand ebenfalls. Gerüchte sagen sie sei mit der Tochter zu Verwandten gezogen.“

„Womit handelt die Marten?“

„Das weiß keiner. Wenn sie einläuft wird nur wenig Ladung gelöscht, meist Getreide und andere Lebensmittel. Sein erster Weg führt Woldemar mit einer kleinen Truhe und einigen Wachen in die Bank.“

Die Frau hatte während sie erzählte die Flasche geleert.

„Wenn du mehr wissen willst, kostet dich das noch eine Flasche und den Lohn für meine Dienste für eine Nacht. Auch wenn ich den Eindruck habe du bist nicht daran interessiert, muss ich Geld verdienen.“

Fynn legte zwei Silbertaler auf den Tisch und seine Hand darauf.

„Plus den Wein“, sagte die Dirne.

11/2019 Was mach mer nu?

Die Freunde machten sich auf den Weg nach Livdröm. Unterwegs hing jeder seinen Gedanken zu dem was in der was heute Abend gesagt wurde nach.

Auf Livdröm angekommen setzten sich die Freunde um den Kamin, Oma Lerke brachte Tee und die Gruppe berichtete ihr von der Versammlung.

„Nun“, sagte Oma Lerke. „Was denkt ihr, was das beste wäre?“

„Als ich vor ein paar Wintern in euer Dorf gekommen bin, hat mich am meisten beeindruckt, wie zufrieden alle waren. Keiner musste Hunger leiden, jeder hatte seine eigene Hütte mit einem kleinen Garten. Jeder hatte eine Aufgabe und trotzdem noch genügend Zeit für seine Familie und seine Freunde.“

„Das stimmt schon“, antwortete Lele. „Aber ein bisschen langweilig war es hier schon. Es passierte nichts Neues, nichts Aufregendes. Alles war so geregelt und gleichmäßig.“

„Denkst du das auch von unserem Leben auf Livdröm?“, fragte Vendela.

„Ja, irgendwie schon. Es ist doch immer das gleiche. Die Jahreszeiten haben ihre feste Reihenfolge und ihr müsst entsprechend immer die gleichen Arbeiten verrichten. Geregelt und gleichmäßig.“

„Ganz so geregelt und gleichmäßig ist unser Leben nun auch wieder nicht“, sagte Boje. „Die Geburt unserer Kinder, unsere Hochzeit und die Zeit in der ihr Paola befreit habt. Das waren schon aufregende Zeiten für uns und alles andere als langweilig.“

„Ja, okay. Zugegeben, dass ist schon etwas anderes. Aber was ich meine ist etwas außergewöhnliches, was noch nie jemand erlebt hat. Sowie Paola zu befreien.“

„Die Frage ist doch, wie gestalten wir zukünftig das Leben im Dorf. Nicht nur wir hier sondern alle zusammen“, versuchte Oma Lerke das Gespräch wieder auf die Versammlung zu bringen.

„Ich denke, was Paola gesagt hat stimmt. Wir waren alle zufrieden. Und jetzt sind wir es nicht mehr.“

„Und“, sagte Fynn „wir könnten immer noch zufrieden sein mit dem was wir haben. Jetzt hetzen wir irgendwelchen Sachen hinterher, die unser Leben in Bahnen lenken, mit denen wir nicht mehr zufrieden sind.“

„Aber ihr müsst doch zugeben, dass es unheimlich aufregend und spannend war, was wir bei der Befreiung von Paola erlebt haben.“

„Ich hatte einfach nur Angst. So ein tolles Gefühl ist es nicht verschleppt zu werden“, sagte Paola.

„Ich auch“, sagte Fynn mit fester stimme.

„Ich auch“, sagte Topa, nur etwas leiser.

„Ach kommt schon. Wollt ihr wirklich hier in Langeweile und Eintönigkeit leben? Ab und zu mal eine Hochzeit oder eine Geburt und sonst Tag ein Tag aus das gleiche Lied?“

„Ja“, sagte Fynn. „Das Leben ist die Herausforderung. Der Kampf, wenn du so willst, ist das Leben so zu meistern, dass man selbst damit zufrieden ist.“

10/2019 Sagt hier überhaupt einer die Wahrheit?

„Dd da davon wweiß ich nnichts.“

„Kein Problem mein Freund.“

„Ffrr Freund?“

„Der Kapitän hat mich beauftragt herauszufinden wohin das anders Schiff da draußen segelt. Er wollte dann in die entgegengesetzte Richtung aufbrechen um denen aus dem Weg zu gehen.“

Der Matrose glotzte ihn doof an.

„Also, du sagst mir jetzt wohin ihr segelt, dann sage ich dem anderen Kapitän die entgegengesetzte Richtung, und wenn ich zurück komme informierst du deinen Kapitän und alle sind zufrieden.“

„Ich sssoll w was? Den Ka Ka Kapitän wwecken?“

„Du sagst mir jetzt zuerst wohin ihr segelt.“

„Ddarf iich nich, gg gg gehei geheim.“

Fynn fischte einen Silbertaler aus der Tasche und hielt ihn dem Matrosen unter die Nase.

„Der ist für dich. Und wenn wir morgen den Kapitän informieren dann sag ich ihm das du mir geholfen hast und du bekommst die Belohnung.“

„Belohnnnungg?“

„Ay, Belohnung. Also wohin wollt ihr?“

„Rrauf nnach NNNorden, Fifi Fische holennn.“

Fynn gab dem Mann den Silbertaler.

„Gut. Ich gehe jetzt und locke das andere Schiff in die falsche Richtung. Wenn ich nicht zurück bin bis ihr ablegt kein Wort zum Kapitän, verstanden?“

Der Matrose nickte und kaute auf dem Silbertaler.

„Den kannst du behalten, bis bald mein Freund.“

„Ffrr Freund?“

Fynn kehrte zurück in den Merimies. Der Kapitän würdigte ihn wieder keines Blickes. Der Kerl mit der gebrochenen Nase funkelte ihn wütend an und kniff die Beine unterm Tisch zusammen.

„Nach Norden also. Und da bist du dir ganz sicher?“ sagte der Matrose der die ganze Zeit schon mit ihm redete. Fynn nickte. Der Kapitän wusste nun was er wissen wollte und gab seinem Untergebenem in Zeichen.

„Gut also“, sprach dieser. „Ich bin der erste Offizier Pal. Kapitän Woldemar befehligt das Schiff. Du sprichst den Kapitän nur an wenn er dich was fragt. Du sprichst überhaupt nur wenn du gefragt wirst. Du tust was man dir sagt. Ein halber Silbertaler pro Mond und eine Beteiligung am Gewinn. Kost und Logis frei.“

Fynn nickte.

„Wir nennen die Vik. Willkommen an Bord der Marten. Wir legen im Morgengrauen ab. Und jetzt raus mit dir du Landrate.“

„Behaltet ihn im Auge“, sagte Kaptiän Woldemar als sie wieder alleine waren. „Und informiert die Mannschaft, wir segeln nach Norden, bringen die Nussschale und ihren fetten Kapitän auf, plündern es aus und verkaufen was wir nicht brauchen. Dann verschwinden wir für eine Weile aus diesen Gewässern.“

9/2019 Seltsame Verhandlungen

Der stärkste der drei Männer trat auf ihn zu und packte Fynn am Arm. Fynn drehte die Schultern ein wenig. Dann brach er dem Mann die Nase und trat ihm zwischen die Beine.

Der erste Mann sprach weiter als sei nichts geschehen.

„Wir könnten vielleicht noch einen Matrosen gebrauchen. Warst du denn schon mal auf einem Schiff?“

„Ich bin Zimmermann. Holz ist Holz. Egal ob auf See oder an Land.“

„Ay. Aber warum ausgerechnet unser Schiff?“

„Weil das andere Schiff im Hafen ist so klein, dass es nur an der Küste entlang segelt. Und wenn ich schon zur See fahre, dann auf einem richtigen Schiff.“

„Sieh mal einer an, ein Klugscheißer bist du auch noch. Wir sollten dich also Viktigpetter nennen. Davon haben wir allerdings schon genug an Bord.“

Fynn wurde es langsam zu bunt. Der Mann spielte mit ihm und das gefiel ihm nicht.

„Braucht ihr nun noch ein paar kräftige und geschickte Hände?“

„Geschickt sagst du? Finde heraus wohin das andere Schiff segelt, dann reden wir darüber. Das ist ein Konkurrent von uns und wir wollen im nächsten Hafen keine böse Überraschung erleben. Jetzt verschwinde.“

Fynn nickte, stiegt über den Mann am Boden hinweg und trat wieder in die Schankstube.

„Da bist du ja wieder. Hab schon gedacht die nehmen dich auseinander da drin. Trinkst du jetzt den Wein mit mir?“

Fynn brauchte mehr Informationen. Die Dirne konnte ihm bestimmt einiges erzählen. Doch zuerst musste er herausfinden wohin das andere Schiff unterwegs ist.

„Wenn du mir verrätst, wohin das kleine Schiff im Hafen als nächstes segelt spendier ich dir noch eine Flasche.“

„Nichts leichter als das“, lallte die Dirne. „Die fahren immer die gleiche Route. Einmal quer übers Meer und wieder zurück. Wie der Hafen heißt weis ich nicht, aber so alle zwei Monde sind die wieder hier.“

„Und da bist du dir ganz sicher?“

„Hey, hab´s vom ersten Offizier von denen. Kannst mir vertrauen Süßer.“

„Danke. Und jetzt warte hier auf mich, bin gleich wieder da.“

Fynn lies die verdutze Dirne stehen und verließ den Merimies. Wenn er sich den Weg durch die Stadt richtig eingeprägt hatte müsste er genau am entgegengesetzten Ende des Kais angekommen sein. Er hatte. Er näherte sich zum zweite mal dem kleinen Schiff und hielt nach der Wache Ausschau. Fynn konnte nur einen Matrosen sehen. Der Mann war deutlich kleiner und dünner als die Wache beim ersten mal. Um so besser dachte er.

„Hej da, Matrose.“

„Ha.. Ha Halt uuund kkeinen Schritt ww wweiter.“

„Ganz ruhig, ich will dir nur ein Geschäft vorschlagen.“

„Ddie Ge ge Geschäfte mmma macht bei uuns der kk Kapitän.“

„Mit dem habe ich vorhin schon gesprochen und wir waren uns einig.“ Fynn spekulierte darauf, dass der Matrose bei seinem ersten Besuch geschlafen hatte.

8/2019 Immer mehr, immer mehr, immer mehr

Keiner traute sich die Frage zu beantworten. Einige blickten sich um, ob den niemand etwas sagen wolle. Andere sahen einfach vor sich auf den Boden. Bis Santa Claus das Wort ergriff.

„Wir alle sind müde und kaputt von der vielen Arbeit. Auch ich schließe mich da mit ein. Und ich stimme euch zu. Es dreht sich alles nur noch darum, möglichst viel mit immer den gleichen Helfern in den Tag hinein zu packen. Doch hat sich unser Dorf immer durch den Zusammenhalt und die Hilfe untereinander ausgezeichnet.“

„Aber wie soll ich denn helfen, wenn ich mit meiner Arbeit gar nicht fertig werde?“, rief jemand weiter hinten im Saal. Santa Claus konnte nicht erkennen wer.

„Ja genau“, pflichtete ein anderer bei. „Was bringt es mir, wenn ich anderen helfe, dafür meine eigene Arbeit nicht schaffe und meine Familie kaum noch sehe?“
„Mein Mann kommt nur noch zum schlafen nach Hause“, rief eine Frau. „Und an seinem freien Tag ist auch nichts mit ihm anzufangen, weil er so kaputt ist“. Die Zustimmung im Saal war groß.

„Nun“, fuhr Santa Claus fort. „Was würde euch denn helfen?“

„Mehr Arbeiter!“

„Ja. Und mehr Platz für Wohnhütten und neue Betriebe.“

„Genau. Aber dafür brauchen wir dann auch mehr Arbeiter. Wir müssen das Dorf insgesamt vergrößern.“

„Mehr von allem, das brauchen wir!“

Die Rufe kamen von allen Seiten. Santa Claus hörte sich das eine Weile an, dann hob er die Hand.

Es war einmal ein weiser Mann, der durch einen schönen grünen Wald spazierte, als er plötzlich ein Geräusch wahrnahm: Es war der ächzende und quietschende Ton einer stumpfen Säge, die sich durch einen dicken Stamm quälte. Der kluge Mann folgte dem Geräusch und sah einen schwitzenden Waldarbeiter, der verzweifelt versuchte, einen Baumstamm mit einer stumpfen Säge zu zerteilen. In einer kurzen Atempause sprach er den Arbeiter an: Warum mühst Du Dich so ab? Deine Säge ist ja ganz stumpf. Schärfe sie doch einfach mal! Darauf sprach der Sägende: Dafür habe ich keine Zeit, ich muss sägen. Wir brauchen mehr Holz!”

Die Dorfbewohner blickten sich fragend um. Was hatte das mit ihrer Situation zu tun? Santa Claus merkte, dass seine Geschichte die Dorfbewohner mehr verwirrte als ihnen zu helfen, die richtigen Gedanken zu fassen. Wie sollte er Ihnen das erklären? Darüber hatte er vorher nicht nachgedacht.

Der Dorfälteste meldete sich nun wieder zu Wort.

„Ich denke, Santa will uns damit zwei Fragen stellen. Zum einen, ab und zu mal den Kopf zu heben, inne zu halten und unser Handeln zu hinterfragen. Und zum anderen, ob wir wirklich von allem immer mehr brauchen.“

Vendela fand, das sei ein guter Moment um die Versammlung zu verlassen und darüber nach zu denken.

7/2019 Was macht ihr denn da?

Die Debatte wurde schnell hitzig. Der Bürgermeister hatte alle Hände voll zu tun, jeden zu Wort kommen zu lassen. Der Chef der Spielzeugmanufaktur beschwerte sich, sie hätten nicht ausreichend Rohstoffe und die Qualität des Holzes würde nicht mehr die selbe sein wie früher. Das rief den Chef der Waldarbeiter auf den Plan. Wenn immer mehr Holz benötigt würde, müssten eben auch Bäume gefällt werden, die schneller wieder nachwachsen. Statt wie früher hauptsächlich Laubholz zu verwenden, seien sie gezwungen auch auf Nadelholz und jüngere Baumbestände zurück zu greifen, was wiederum den gesamten Bestand gefährden würde. Der Chef des Sägewerks bestätige die Aussagen seines Kollegen. Dazu käme, dass weder das Rund- noch das Schnittholz ausreichend gelagert werden kann. Einerseits gibt es zu wenig Platz dafür und das Schnittholz würde viel schneller als bisher von den Manufakturen und Handwerksbetrieben benötigt. Da leidet eben die Qualität, aber da könne man nichts machen.

„Außer, wir roden flussabwärts einen Teil des Waldes und bauen dort ein zweites Sägewerk“, schloss er seine Rede.

„Auf keinen Fall“, rief der Chef der Jäger.

„Niemals!“, pflichteten ihm der Chef der Fischer und der der Flößer bei.

„Bitte meine Herren, so beruhigen sie sich doch! Wir wollen….“

Doch der Bürgermeister kam nicht da zu, seinen Satz zu beenden. Jetzt diskutierten und riefen alle wild durcheinander. Nach zwei weiteren erfolglosen Versuchen gab der Bürgermeister auf für Ruhe zu sorgen und setzte sich resigniert auf seinen Stuhl. Immer mehr Dorfbewohner mischten sich jetzt ein. Die ersten fingen an zu schreien, um sich Gehör zu verschaffen. Daraufhin wurden auch

die anderen lauter. Paola hielt sich die Ohren zu.

Santa Claus blickte besorgt auf die Dorfbewohner. So etwas hatte es noch nicht gegeben. Während er überlegte, was zu tun sein, nickte der Dorfälteste dem Musiklehrer zu.

Kurz darauf wurde die schreiende Menge von mehreren Posaunen übertönt. Die Diskussion wurde verstummte und die Menge sah sich erstaunt an. Fast keiner saß mehr auf seinem Stuhl.

Ein leises Flüstern war hier und da zu hören, als die Posaunen endlich verstummten.

Der Dorfälteste erhob sich mühsam und blickte streng in die Menge. Die Stille im Saal wurde nur vom zurechtrücken der Stühle unterbrochen. Nur der Dorfälteste stand noch.

„Meine lieben Freunde“, begann er mit sanfter Stimme zu sprechen.

„Was macht ihr denn da?“

6/2019 Die Hafenkneipe

„Aber sagt mir, Kapitän. Ihr wisst nicht zufällig wo ich den Kapitän dieses Schiffs da finde?“ Fynn zeigte aufs offene Meer.

„Du scheinst mir entweder sehr neugierig oder sehr verzweifelt zu sein. Oder einfach nur dumm. Such nach der verruchtesten Kneipe, dort wirst du ihn finden. Und viel Glück, du wirst es brauchen.“

Fynn bedankte sich und machte sich auf die Suche. Fynn ging aufs geradewohl in die nächste Gasse. Die Gassen waren wenn dann nur spärlich beleuchtet. Eine Hand an seinem Messer lief er durch die kleine Stadt. Viel schien hier auch tagsüber nicht los zu sein. Die meisten der Läden waren mit Brettern verschlagen und schon vor längerem aufgegeben. Er hatte das kleine Städtchen fast einmal umrundet, als er am Ende einer schmalen Gasse eine Fackel brennen sah.

Als er näher kam hörte er Stimmen die sich mit jedem Schritt in lautes Gegröle verwandelten. Er hatte die Kneipe gefunden. Der „Merimies“ begrüßte ihn mit einem Gestank aus Schweiß, abgestandenem Bier, Rauch und etwas das wie abgestandenes Meerwasser roch. Gut zwei Dutzend Männer und ebenso viele Frauen vergnügten sich. Die Männer waren sichtbar betrunken, die Frauen sichtbar scharf auf das Geld der Männer.

Fynn blieb neben der Türe an die Wand gelehnt stehen und musterte den Raum.

„Hallo Seemann, spendier mir einen Becher Wein und ich erzähle dir welches Vergnügen ich dir für einen viertel Silbertaler mache.“

„Verpiss dich du Dirne!Das ist kein Seemann. Der hier braucht eine richtige Frau und nicht so ein abgemagertes Ding wie dich.“

Die erste Frau machte sich schleunigst aus dem Staub.

„Komm edler Gast. Spendier mir einen Becher Wein und du wirst es nicht bereuen.“

„Danke“, sagte Fynn. „Vielleicht später. Zuerst verrätst du mir, wer von denen der Kapitän des Schiffes ist das im Hafen vor Anker liegt.“

„Und warum sollte ich das tun?“

„Weil ich dir dann eine ganze Falsche Wein kaufe.“

Die Frau verschwand in ein kleine Stube hinter der Theke und kehrte nach eine Weile mit einer Falsche Wein zurück.

„Das macht nen viertel Silbertaler.“

Scheinbar kostete hier alles einen viertel Silbertaler. Fynn nahm das Silber aus der Tasche und hielt es der Frau hin. Als sie zugreifen wollte zog er es zurück.

„Erst sagst du mir wo ich den Kapitän finde.“

Die Frau nickte mit dem Kopf in Richtung der Türe aus der sie mit dem Wein zurück gekommen ist. Fynn gab ihr das Geld und lies sie stehen. Er trat durch die Tür. In der Stube saßen vier Männer um einen Tisch und spielten Karten. Drei der Männer musterten ihn, der vierte blickte stumm in seine Karten.

„Was willst du Bursche?“

„Mit dem Kapitän sprechen.“

„Der Kapitän ist beschäftigt. Also wirst du mit mir reden du Landrate.“

„Ich möchte bei euch anheuern.“

„Und warum?“

„Das geht dich nichts an. Ich suche nur eine Überfahrt.“

Die drei Männer standen auf.

5/2019 Wie war nochmal die Frage?

Boje saß sichtlich genervt am Esstisch in der Wohnstube als Fynn und Paola eintrafen. Er trommelte mit den Fingern auf den Tisch und verdrehte die Augen.

„Seit dem Mittagessen geht das schon so“, platze es aus ihm heraus. „Madame hat sich in den Kopf gesetzt heute Abend noch schöner als sonst aus zusehen, und das geht nur mit einer entsprechenden Frisur. Also sitze ich hier, warte bis sie mir das neueste Kunstwerk der Haarflechterei präsentiert wird, lobe die Fertigkeiten meiner Frau und ihr Aussehen in den höchsten Tönen und wundere mich, was für Ausreden sie wieder bringt warum dies oder jenes nicht passen würde. Egal ob französische, holländische oder italienische Zöpfe, ob halbgeflochten oder ein Gretchen-, Fischgräten- oder Bauernzopf, oder mal lieber was mit 5 anstatt 4 Strähnen, hochgesteckt oder kreisrund….. nix passt. Nix. Aber auch gar nix!“

Fynn flüsterte Boje etwas ins Ohr und stellte sich mit einem kaum sichtbaren Grinsen erwartungsvoll neben Paola. Kurz darauf erschien Vendela. Sie trug ein langes, hellblaues Kleid, braune Lederschuhe und eine passende Schärpe über der rechten Schulter. Ihre langen blonden Haare hatte sie zu einer halb offenen Hochsteckfrisur mit einem lockeren Zopf gebunden.

„Und?“, blickte sie erst Boje und dann Paola und Fynn fragend an.

Fynn nickte, Paola zupfte ihr eine Strähne zurecht und Boje sagte gar nichts.

„Wenigstens Paola gefällt mein Werk.“

„Du siehst fantastisch aus“, antwortete sie.

„Und mein Gemahl sagt nichts?“

„Dem hat´s die Sprache verschlagen“, feixte Fynn.

„Behalte dein Lächeln an, der Rest ergibt sich von selbst“ sprach der angeblich Sprachlose.

„Dann lasst uns gehen“, sagte Vendela stolz.

Die vier verabschiedeten sich von Kindermädchen Oma Lerke und machten sich auf den Weg.

Die beiden Frauen gingen voraus, Fynn und Boje folgten mit etwas Abstand.

„Danke Mann, du hast mich gerettet“, sagte Boje.

„Gern geschehen.“

„Ich frag mich schon, woher du weißt, was meine Frau hören will.“

„In dem Fall war es egal was du sagst, nur nichts über die Frisur.“

„Versteh einer die Frauen. Wahrscheinlich krieg` ich heute Abend zu hören, dass ich ihre Frisur gar nicht gelobt habe.“

„Tja, damit musst du dann alleine fertig werden.“

Am Ende des Weges tauchten die Lichter der Musikschule auf.

4/2019 Weißt du noch?

Am Ende der Straße konnten sie den hell erleuchteten Platz vor dem großen Saal der Musikschule erkennen. Eigentlich war es nur eine Scheune in der die Musikschule seit vielen Sommern als Übergangslösung untergebracht war und die für Theater, Konzerte, Versammlungen und vieles mehr genutzt wurde. Der Schein des Lichts erhellte auch ihre Mienen.

„Weißt du noch, hier sind wir uns wieder begegnet, auf dem Konzert der Musikschüler“, brach Topa das Schweigen.

„Ja, du hast mit Tante Unn Plätzchen verkauft.“

Topa blieb stehen.

„Mir ist heute noch schleierhaft, wie ich es damals geschafft habe, auch nur ein Wort zu dir zu sagen.“

„Wie meinst du das?“

„Ich war so nervös, aufgeregt und gelähmt gleichzeitig, dass ich mich wie ein kompletter Idiot benommen habe.“

Lele zog sein Gesicht ganz nah zu ihrem.

„Du warst kein Idiot, bist du nie gewesen. Zugegeben, du hast nicht sehr souverän gewirkt. Aber das war ich auch nicht.“

„DU?“, fragt Topa erstaunt. „Ich hatte den Eindruck, dass dich das überhaupt nicht berührt hat.“

„Doch, das hat es. Du warst der einzige Mann, der mir offen und ehrlich gezeigt hat, was er in diesem Moment in ihm vorging. Alle anderen Männer die ich kennengelernt habe, haben versucht souverän und selbstsicher zu wirken, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie mich von oben bis unten mustern und mit den Augen ausziehen. Sie versuchen, mich mit Worten zu beeindrucken, mit mir zu flirten. Aber du nicht. Du hast mich spüren lassen, was ich in dir auslöse und was du in mir siehst.“

„So wie vorhin in der Wohnstube.“

„So wie vorhin in der Wohnstube,“ bestätigte Lele. „Und deswegen liebe ich dich. Ich liebe dich, Topa, so einfach ist das.“

„Du hast vorhin überrascht auf mich gewirkt, als ob du nicht damit gerechnet hast.“

„Ich habe es vermisst, dass du mich so ansiehst.“

„Von jetzt an werde ich das auch tun. Versprochen.“ Und heute Abend fange ich damit an, fügte er in Gedanken hinzu.

Den restlichen Weg gingen sie miteinander.