Archiv der Kategorie: Adventskalender 2020

4/2020 Hilferuf

Boje öffnete die Tür. Draußen stand einer der Wichtel, die als Bote im Weihnachtsdorf arbeiten.

„Verzeih´mir die Störung, Herr Boje. In der Gaststube sitzt ein Reiter, der den Herrn Topa zu sprechen wünscht.“

Boje bat den Wichtel herein.

„Herr Topa,“ sagte der Bote und wiederholte seine Nachricht.

„Was will er?“, fragte Topa.

„Das wollte er mir nicht sagen. Wenn du fragst, soll ich sagen, der Herr Kester schickt ihn.“

„Kester?“, blaffte Lele. „Das ist doch der Großvater von diese Jytte.“

Topa wandte sich an den Boten. „Ich danke dir“ für deine Dienste. Geh bitte zurück uns sage dem Reiter, ich komme gleich nach.“

„Nun, die Sache ist die, er hat gesagt du bezahlst mich.“

„Aber ich habe kein Geld hier.“

Paola half ihm mit ein paar Münzen aus. Der Wichtel bedankte sich und machte sich auf den Rückweg. Zurück blieb eine Gruppe, die sich fragend anblickte.

„Was kann er wollen?“, fragte Topa.

„Ist doch egal! Du gehst da auf keinen Fall hin“, sagte Lele scharf. Ihr Ton zeigte zumindest bei Topa die gewünschte Wirkung.

„Hör dir doch wenigstens an, was er zu sagen hat.“ Wieder war es Paola, die ihm zur Seite sprang. Lele blickte sie fragend an.

„Ich begleite dich“, sagte Fynn und reichte Topa dessen Jacke.

Auf dem Weg erklärte Fynn Topa seinen Plan. Topa lies Fynn vor der Gaststube aussteigen. Dann fuhr er den Schlitten um die nächste Ecke und wartete eine Weile. Schließlich betrat er die Gaststube. Der Wirt begrüßte ihn mit einem Nicken und machte ein Zeichen in Richtung der hinteren Tische. Tope trat zu dem Mann an den Tisch.

„Du willst mich sprechen?“, fragte er.

„Bist du Topa?“ fragte der Reiter. Topa nickte.

„Dann kannst du mir sicher ein paar Fragen beantworten.“

Der Mann stellte Fragen, die nur Topa in Zusammenhang mit Jytte, Opa Kester und den Tagen auf dem Hof damals wissen konnte.

„Du scheinst der richtige Mann zu sein“, sagte der Reiter schließlich. „Entschuldige bitte die vielen Fragen, aber Herr Kester gab mir genaue Anweisungen.“ Der Reiter zog einen Brief aus seiner Tasche und hielt ihn Topa hin. „Von Herrn Kester.“

Als Topa zugreifen wollte, zog der Mann den Brief zurück. „Du hast zwar alle Fragen richtig beantwortet, nur bezahlt hast du mich noch nicht.“

Wieder stand Topa ohne Geld da. Er entschuldigte sich und ging zum Wirt.

„Du kannst es mir morgen zurück zahlen“, antwortete dieser. Topa ging zurück an den Tisch und zeigte dem Reiter das Geld.

„Wenn du dein Geld willst, gib mir den Brief. Wenn er wirklich von Herrn Kester ist, bekommst du dein Geld.“

Topa öffnete den Brief und las. Dann steckte er den Brief in seine Tasche und schob dem Reiter das Geld über den Tisch.

Der Bote stand auf und verließ die Gaststube. Hinter ihm saß Fynn. Auch er erhob sich und folgte dem Reiter.

Topa wartete eine Weile. Dann stand er auf, ging zu seinem Schlitten und fuhr zu der verabredeten Stelle. Dort wartete er wieder, bis Fynn zu Fuß auftauchte und zu ihm auf den Schlitten kletterte.

„Der Reiter ist weg, er hat auf kürzestem Weg das Dorf verlassen“, berichtete Fynn.

„Danke“, sagte Topa. Dann reichte er Fynn den Brief.

Als sie die Wohnstube auf Livdröm betraten, wurden sie von fragenden und sorgenvollen Blicken empfangen.

„Das glaubt ihr nicht“, sagte Topa und öffnete erneut den Brief.

3/2020 Nichts als Wasser

„Warum hast du Pal nicht einfach über Bord geworfen? Im Kampf hättest du ihn leicht besiegt“, fragte Lele ungeduldig.

„Und was dann?“, antwortete Fynn mit einer Frage.

„Dann hätte die Mannschaft dich zum ersten Offizier gemacht und die Probleme an Bord hätten sich erledigt.“

Doch so einfach waren die Dinge nicht.

„Sicher“, erwiderte Fynn. „Pal wäre Tot, ich hätte einen Mord auf dem Gewissen und was dann?“

„Ach was, Mord. Du hast doch schon öfter getötet. Und Pal hätte es verdient.“ Leles Antwort war genauso trotzig wie naiv. Nur nicht für Lele.

„Kindchen“, mischte sich Oma Lerke ein. „Nun lass Fynn doch erst mal erzählen.“

Tomte Tumetott nickte als Zeichen seines Respekts vor der Weisheit seiner alten Freundin.

Casper kam langsam wieder zu Kräften. Zwar übernahm er wie jeder andere seine Wache an Bord, doch Fynn achtete weiter darauf, dass er nur Aufgaben übernahm, denen er auch gewachsen war. Zwei Matrosen mit einem grünen Schleifchen am Gürtel halfen ihm unauffällig und brachten ihm und Fynn die notwendigen Handgriffe bei. Beide lernten schnell, doch Casper war immer noch das auserwählte Opfer von Pal. So sehr der Junge sich auch anstrengte, Pal fand immer einen Grund, ihn zu schikanieren.

„Der Junge redet nicht“, sagte Tahge eines Abends zu Fynn.

„Ay“, sagte Fynn nachdenklich. „Ist wohl auch besser so.“

„Mag sein. Pass nur auf, dass der Junge das Reden nicht verlernt. Nicht jeder an Bord versteht das.“

„Wir segeln jetzt schon einen halben Mond die Küste entlang, ohne dass ein anderes Schiff oder ein Hafen in Sicht ist.“

„Geduld mein Freund,“ sagte Tahge. „Solange wir nur segeln, kommt niemand zu schaden.“

Und ich keine Gelegenheit zur Flucht, dachte Fynn. Wie recht Tahge hatte, sollte Fynn bald genug am eigenen Leib erleben.

Am nächsten Morgen wurde Fynn zum Kapitän gerufen. Der saß in seiner Kajüte über eine Karte gebeugt. Links und rechts flankiert von zwei Wachen, im Hintergrund stand Pal.

„Hast du mir nicht erzählt, das andere Schiff würde nach Norden segeln?“ Woldemar würdigte Fynn keines Blickes dabei.

„Ay, Kapitän.“

„Nun, sowenig wie ich das Schiff auf der Karte finden kann, so wenig sehe ich es auf See. Wir hätte n den Kahn schon längst aufbringen müssen.“

Fynn schwieg, er konnte die Situation nicht einschätzen.

„Wenn du mich verarscht hast und ich keine Beute mache, verkaufe ich dich und den Jungen im nächsten Hafen. Viel wird der Jammerlappen nicht bringen, aber für dich dürfte ich ein hübsches Sümmchen bekommen.“

„Kapitän,“ meldete sich Pal zu Wort. „Verkauft mir den Jungen, ich zahle auch das doppelte.“

„Wer mich bezahlt ist mir egal. Und jetzt raus und bete, dass wir bald Beute machen.“

Damit war Fynn entlassen. Zurück an Deck erzählte er Tahge von der Begegnung.

„Ein Dorf oder eine Stadt an Land zu überfallen ist riskant. Zu viele Zeugen und nur schwer zu kontrollieren, ob nicht doch einer flüchtet und Hilfe holt. Damit wäre die Tarnung als Händler gefährdet“, antwortete der Smut.

Doch Fynn dachte weiter. Der Kapitän müsste Männer als Wache an Bord zurück lassen. Die Anzahl der möglichen Gegner bei so einem Überfall wäre auch schwerer einzuschätzen. Und nicht nur die Gegner könnten fliehen, auch für ihn wäre es leichter, sich im Kampfgetümmel unbemerkt davon zu schleichen.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach nicht nur die Geschichte sondern war auch der Anfang des nächsten Abenteuers der Freunde.

2/2020 Die ersten Tage auf See

Derweil saßen in der Wohnstube auf Livdröm die Freunde pärchenweise zusammen und warteten darauf, dass Fynn die Geschichte seiner Überfahrt weiter erzählen würde. Boje hatte seine Frau Vendela im Arm, Topa und Lele saßen zusammen und Fynn hatte Paola eng an sich gezogen. Alle warteten auf Oma Lerke, die die Zwillinge Elin und Keld ins Bett brachte. Jeder hing seinen Gedanken nach und versuchte sich an die letzten Abende zu erinnern.

Dann war da noch Tomte Tumetott. Der Kobold saß wie immer auf einem der Dachbalken und wachte unsichtbar über die Bewohner und Gäste auf Livdröm. Und wie immer hatte er seine eigene Sicht der Dinge. Zwar saßen alle in einem Raum und die Pärchen saßen zusammen, doch ihn beschäftigten die Unterscheide.

Vendela und Boje waren voller Mitleid für den armen Casper, der besonders unter den brutalen und willkürlichen Launen des ersten Offiziers Pal zu leiden hatte. Paola war voller Bewunderung und Stolz auf ihren Mann. Zumindest hoffte sie, dass er bald ihr Mann sein und ihr einen Heiratsantrag machen würde. Ihr Bauch war nun nicht mehr zu übersehen.. Fynn kümmerte sich rührend um sie; manchmal ein bisschen zu sehr. Aber sie genoss seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Fynn hatte viele Erlebnisse auf seiner Reise – er versuchte das Wort Flucht zu vermeiden – verdrängt. Für ihn waren die Abende ein erneutes durchleben und er war am stärksten berührt von seinen eigenen Erzählungen. Lele hingegen war fasziniert von der Rohheit der Männer. Fasziniert von der Macht, die die Gewaltbereitschaft den brutalsten unter Ihnen verlieh. Besonders gefiel ihr die Dynamik und männlichen Stärke, wenn Fynn von Kämpfen und Schlachten erzählte. Lele spürte eine unbeschreibliche Lebendigkeit und Anziehungskraft, wo andere nur Gewalt, Blut und Tot sahen.

Nur Topa dachte nicht an die Geschichte. Er dachte an Jytte. Aber er dachte nicht wegen Jytte an Jytte, sondern wegen Lele. Genauer gesagt fragte er sich, was sie an Gewalt so faszinierend fand und ob Jytte auch so denken würde. Das diese im Moment am meisten davon betroffen war, ahnte er da noch nicht.

Oma Lerke setzte sich wie immer in den Sessel der dem Feuer am nächsten stand, nicht ohne vorher jedem noch eine Tasse Tee einzuschenken.

„Casper erholte sich nur sehr langsam von den Peitschenhieben“, begann Fynn seine Erzählung für heute.

Fynn achtete peinlich darauf, dass Casper sich nicht all zu sehr überanstrengte und genug Essen und Schlaf bekam. Dabei musste er stets auf der Hut sein vor Pal. Der lies die beiden nicht aus den Augen und hatte sichtlich Spaß daran, Fynn bis zur Erschöpfung zu quälen.

„Du fauler Hund“, schrie er Fynn an. „Das ist keine Vergnügungsreise, also bißchen Beeilung.“

Je müder und erschöpfter Fynn wurde, umso weniger Aufgaben konnte er Casper abnehmen.

Der Koch, den alle nur Smut oder Tahg nannten, brachte Ihnen soviel Essen und Trinken, wie er heimlich abzweigen konnte. Tahg war die Kurzform von Tahge und irgendwer an Bord der Marten hatte es tatsächlich geschafft, diesen ans ich kurzen Namen noch kürzer zu machen.

Der Smut hatte Fynn die meist ungeschriebenen Gesetzte und Regeln an Bord beigebracht. Als Frischling an Bord stand Fynn nicht nur bei Pal unter besonderer Beobachtung, sondern auch beim Rest der Mannschaft.

Die Tage auf Seen hatten einen festen Ablauf. Ein Tag war in zwei Wachen eingeteilt. Eine lange Wache von Sonnenaufgang bis nach Sonnenuntergang und eine kürzere Wache von Mitternacht bis zum Morgengrauen. Fynn verbrachte die Tage damit, das Deck zu schrubben und kleinere Reparaturen an Bord auszuführen. Den Kapitän der Marten bekam die Mannschaft nicht zu Gesicht.

Doch Tahge hatte Fynn noch etwas beigebracht. Ein zunehmender Teil der Mannschaft war bereit, gegen Pal zu meutern. Die Hilfe von Taghe war also nicht so selbstlos, wie dieser immer behauptete.

„Achte auf die Männer, die eine kleine grüne Schleife an ihrem Gürtel tragen“, hatte Tahge ihm erzählt. „Auf die kannst du zählen, wenn du losschlägst.“

Doch Fynn zählte weit nicht so viele Männer, wie die Erzählungen von Tahge vermuten ließen. Und er war ganz und gar nicht bereit, in eine Meuterei verwickelt zu werden.

1/2020 Verhaftet im Morgengrauen

Jytte lag auf ihrer Matratze und wälzte sich hin und her. Wie so oft konnte sie nicht mehr schlafen, obwohl sie sich müder als je zuvor fühlte. Die Sorgen um Opa Kester und ihre Tochter Nilla bereiten ihr schlaflose Nächte. Nur um sich selbst machte sie sich keine Sorgen. Doch das sollte sich schnell ändern.

Sie hob den Kopf und blickte zu dem kleinen Bettchen neben ihrem. Dort lag Nilla und schlief. Jytte lauschte eine Weile dem regelmäßigen Atem der Kleinen. Früher hatte sie das immer beruhigt und sie war wieder eingeschlafen. Doch seit ein paar Monden blieb sie wach liegen. In ihrem Kopf jagte ein Gedanke den anderen. Die meisten waren schlechte Gedanken. Jytte konnte immer seltener dem Karussell der Gedanken entkommen und wurde immer tiefer in ein dunkles Loch gezogen.

Lange würde das Geld nicht mehr reichen. Opa Kester hatte den Hof auf dem sie aufgewachsen war schließlich viel zu günstig verkaufen müssen. Den Hof alleine mit einem alten Mann und einem kleinen Kind zu bewirtschaften war schlichtweg nicht möglich gewesen. Opa Kester brauchte immer öfter ärztliche Hilfe. Die Anreise des Arztes aus der nächsten Stadt war teuer, wenn sie Opa Kester in die Stadt fuhr verlor sie einen ganzen Tag auf dem Hof. Und so hatten sie beschlossen, in die Stadt zu ziehen. Jytte verdingte sich als Magd und hielt sich, Nilla und Opa Kester mit allem was ein wenig Geld einbrachte über Wasser. Mehr oder weniger. Wenn sie nicht genug verdiente, lebten sie von den wenigen Ersparnissen die der Verkauf eingebracht hatte. Lange fand sich kein Käufer für den Hof. Er war einfach zu abgelegen und zu alt. Und so akzeptierte Opa Kester das einzige Angebot das sie bekommen hatten, auch wenn der Hof leicht das drei- oder vierfache Wert gewesen war.

Kurz hatte sie gehofft, den Hof doch noch halten zu können. Bei einem ihrer wenigen Besuche waren sie von drei Männern überfallen worden, die Opa Kester fast erschlagen hätten. Nur Topa war es zu verdanken, dass ihr Großvater noch lebte. Die Räuber hatten auch noch Topas Schlitten und die Rentiere gestohlen. Und Jytte hatte Topa ordentlich eins mit der Schaufel über den Kopf gezogen, weil sie ihn für einen der Räuber gehalten hatte. Irgendwie hatte sie gehofft, Topa würde bleiben und mit ihr gemeinsam den Hof bewirtschaften. Vielleicht auch, weil die kleine Nilla sich sofort an Topa gehängt hatte und ihn wie selbstverständlich als einen Freund akzeptiert hatte.

Doch die Hoffnung verflog schnell. Topa war nur auf der Suche nach einem Arzt für seinen verletzten Freund Fynn zufällig vorbei gekommen. Jytte hatte ihn und einen Arzt als Dank zurück zu seinen Freunden gebracht. Als sie dabei Topas Freundin Lele – Jytte nannte sie neidisch Püppchen – war ihr schlagartig klar, dass es nichts mit Hilfe auf dem Hof werden würde.

Und so saß sie nun hier fest, kämpfte jeden Tag ums Überleben und versuchte, der kleinen Nilla ein sorgenfreies Leben vorzuspielen. Opa Kester ging es dank des Arztes wieder besser, doch er war alt und gebrechlich und würde nichts mehr zum Lebensunterhalt beitragen können.

Keiner sah ihre Tränen, wenn ihr die Last zu schwer wurde. Und mit ihren Tränen schien auch das letzte bisschen Hoffnung davon zu fliesen. Und Topa würde ihr auch nicht zu Hilfe kommen. Und ihn um Hilfe zu bitten traute sie sich nicht.

Sie stand auf, um im Herd Feuer zu machen. Dann zog sie sich an und bereitete sich auf den Tag und die Blicke der Bewohner vor. Blicke wie sie einer Fremden, mit einer Tochter und ihrem Großvater, ohne Mann .waren feindselig und taten oft mehr weh als die Ablehnung die sie ertragen musste.

Jytte stand am Herd, als die Tür eingetreten wurde und vier Soldaten der Stadtwache in die kleine Stube stürmten.

„Haben wir dich, du Mörderin“, schrie der Anführer. „Du bist verhaftet!“

Bevor Jytte richtig kapiert hatte was hier gerade passierte, wurde sie von zwei Soldaten gepackt, der dritte zog ihr einen Sack über den Kopf und fesselte ihr die Arme auf dem Rücken. Dann wurde sie brutal davon geschleift.

Opa Kester erwachte von dem Lärm. Dann hörte er nur noch die kleine Nilla schreien.