14/2021 Anfängerglück

Die beiden packten ihre Sachen zusammen und stiegen vom Hochsitz.

„Ich sammel noch die Pfeile ein“; sagte Topa als sie ihr Gepäck auf dem Schlitten verstaut hatten.

„Pah, die brauch ma nix. Sinde verexte Pfeile, si?“

„Wer weiß“; sagte Topa mit einem Augenzwinkern.

„Du findest eh nix in Schnee“, rief Toni ihm hinterher, froh, ein paar Momente für sich zu haben.

Topa orientierte sich an den Spuren des Rehs im Schnee. Er fand zwei der drei Pfeile die Toni verschossen hatte. Er suchte sich eine gerade Linie vom Hochsitz über die niedergetrampelten Stellen auf der Lichtung hin zum Waldrand. Er erblickte die große Eiche, deren Stamm mit Efeu umschlugen war. Das musste die Stelle sein.

Toni führte derweil Selbstgespräche: „Che sfiga. I bin die beste Cacciatore. I treffe imma. Warum jetzt nix?“ Dabei fummelte er nervös an seiner Armbrust und betrachtete sie von alle Seiten.

„Die isde in Ordnung. Toni sowieso. Also Problema, wo bist du?“

Das Problem hatte mittlerweile auch auf dem Schlitten Platz genommen. Jetzt hatte er fast Mitleid mit dem armen Toni. Ob er zu weit gegangen war? Mitten in seine Gedanken platzte Topa.

„Was sagst du jetzt?“, rief er Toni zu und hielt dabei triumphierend einen Hasen in die Höhe.

„HÄ?!?! Impossibile. Wo aste du die Ase er?“

„Den hab ich geschossen.“

„Nonono; das gibt’s nix.“

„Und den Pfeil habe ich auch wieder gefunden.“

Langsam dämmerte Toni, welche Katastrophe aus seiner Sicht sich hier abspielte.

„Du zielste auf eine Reh, große Tier, si? Du triffst nix und dann die Pfeil erlegt den Ase?“

„So ungefähr, ja.“

Toni sank gegen den Schlitten und blickte zu Boden. „Aba,…… also i meine…… wie aste du das gemaggd?“

„Anfängerglück?“

Jetzt hatte Tomte endgültig Mitleid mit Toni. Der Weg nach Livdröm war still und schien wesentlich länger zu sein als der Hinweg.

Zurück auf Livdröm stieg Toni weiter wortlos vom Schlitten, packte seine Sachen und verschwand in der Scheune.

Topa brachte noch die Rentiere in den Stall und betrat dann die Wohnstube.

13/2021 Blödes Gesicht

Topa hatte ein Déjà vu. Wieder sah er, wie der Pfeil davon flog. Wieder trat in dem gleichen Moment das Reh drei Schritte nach vorne und Pfeil verschwand irgendwo im tiefen Schnee.

„Maledetto“, schimpfte Toni. „Das gibt’s doch nix.“

Topa machte ein möglichst unschuldiges und Mitgefühl ausdrückendes Gesicht.

„Was guggsd du so komisch?“

„Ich verstehe das auch ich nicht.“

„Diese Vieh ist…. wie sagt ma? Von eine Exe geritten?“

„Verhext“, verbesserte Topa.

„Si, verext. Alle andere ist stupido. Nix möglich, si?“

„Ich verstehe. Nur befürchte ich, dass es bei uns keine Hexen gibt“, sagte Topa, der so eine Ahnung hatte, was hier gespielt wurde.

„Vielleicht kann ich es einmal probieren?“

„In nessun caso! Wenn die Maestro nix trifft, warum du?“

„Anfängerglück?“,fragte Topa, der langsam etwas Mitleid mit Toni bekam.

„I abe no eine Karte im Emd. I ziele nach vorne und dann bin i schlaue als die Reh.“

Top nickte anerkennend und verzichtete auf die Korrektur. Er glaubte auch so zu wissen was Toni sagen wollte.

Der war mittlerweile wieder in den Anschlag gegangen. Diesmal zielte er ein Stück vor das Reh. Das wiederum graste in aller Ruhe weiter, als sich der Pfeil knapp an seiner Nase vorbei in den Schnee bohrte.

Toni erstarrte im Anschlag. Nur an seiner Gesichtsfarbe konnte Topa dessen Gemütszustand erahnen. Topa griff zu seiner Armbrust und legte einen Pfeil ein.

„Allora“, murmelte Toni. „Probiere deine Glugg.“

Topa zielte über den Rücken des Rehs an den Rand der Lichtung. Die beiden hörten, wie der Pfeil irgendwo am Waldrand einschlug.

„Per dio“, sagte Toni sichtlich erleichtert. „I bin sicha, diese Reh ist von eine Exe geritten.“

Eher von einem Kobold, dachte Tomte Tummetott auf dem Dach des Hochsitzes. Auch ein Kobold treibt gerne seinen Schabernack.

12/2021 Die größte Cacciatore trifft nix

Die fünf Jäger beschlossen sich aufzuteilen.

„Äh…… si“, sagte Toni, nachdem das beschlossen worden war.

„Topa, du biste meine albe Bruda. Und i zeige dir, was ist geheim von Cacciatore. Di brauche i nix“, sagte er zu seinem Knecht.

Fynn, Jarkko und der aussortierte Knecht zogen davon.

Toni lotste Topa zu einem Hochsitz, den Fynn ihm als den besten Platz zum Jagen angepriesen hatte. Topa parkte de Schlitten in sicherer Entfernung zum Hochsitz und griff nach seinem Bogen.

„Alt. Den brauch ma nix. Eute du lernste cacciare mit die Waffe von König. Guggsd du ier. I abe für di eine balestra. Nix so gut wie meine, si? Abe für Anfäge isse perfetto.“ Er reichte Topa eine etwas kleinere und scheinbar auch ältere Armbrust. Dann stiegen beide auf den Hochsitz. Sofort begann Toni damit, Topa in die Kunst des Armbrustschießens einzuweihen.

„Zu erste, du musst imma ruhig bleibe. Mit die Mund, und in deine Kopf auch, si? Und dann, molto portante, du atme aus, wida ein, ziel in deine Auge, albe ausamte, kurze anhalte die Luft und dann schieße, si?“

Topa ließ die nun folgenden Atemübungen geduldig über sich ergehen. Die Leidenschaft mit der Toni ihn versuchte zu unterrichten amüsierte ihn einfach zu sehr. Es dauerte nicht lange, und auf der Lichtung tauchte ein Reh auf.

„Silenzio“, flüsterte Toni und brachte seine Armbrust in den Anschlag. Mit langsamen Bewegungen verfolgte er das Tier. Mitten auf der Lichtung, in gerader Linie zum Hochsitz blieb das Tier stehen und kratze mit den Hufen den Schnee von der Wiese. Der hat aber auch ein Glück, dachte Topa. Toni atmete tief aus, dann wieder ein. Er legte den Finger auf den Abzug. Dann atmete er halb aus, hielt die Luft an und zog den Abzug. Genau in dem Moment, als der Pfeil die Armbrust verlassen hatte, machte das Reh drei Schritte nach vorne und begann in alles Ruhe unter dem Schnee nach Gras zu suchen. Der Pfeil flog an seinem Hinterteil vorbei und verschwand. Abrupt riss Toni den Kopf hoch.

„Incredibile! Das iste nix moglich!“

Topa zog es vor zu schweigen und innerlich zu grinsen. Gerade wollte er ansetzen Toni aufzumuntern, als der erneut in den Anschlag ging.

Wieder atmete er wie er es Toni erklärt hatte. Er zog den Abzug, und der Pfeil schoss davon. Er hatte alles perfekt ausgeführt. Diesmal würde er treffen, etwas anderes war gar nicht möglich.

11/2021 Ein brummeliger Boje

Seine Hoffnung sollte erfüllt werden. Paola gesellte sich zu den Frauen im Haus, Topa und Fynn zu den Männern, die vor einem der Schuppen standen. Boje und der Knecht luden Werkzeug auf einen Schlitten, Jarkko und Toni überprüften ihre Waffen.

„Wird auch Zeit, dass du ausgeschlafen hast. Das Vater sein scheint anstrengender zu sein als das Vater werden“, begrüßte Jarkko Fynn.

„Ich werd mich hüten und dir das Geheimnis verraten“, feixte Fynn zurück.

„Wenn ihr mit eurem Gehabe fertig seit, könntet ihr euch nützlich machen“, brummte Boje im vorbeigehen.

„Was ist denn mit dem los?“, fragte Topa.

„Psst“, mischte Toni sich ein. „I weiß nix und i sage nix; abe i abe gehört, der hat nix mehr viel zu esse, si?“

„Was meint ihr?“ Jarkkos Augen glänzten. „Klingt als ob wir einen kleinen Jagdausflug machen sollten.“

„Si. Cacciare. I wieß nix ob i scho erzählt abe. In Italia, i bin die beste Cacciatore. I bin beruhmt, si?“

„Na dann zeig uns mal was du kannst“, sagte Fynn und klopfte ihm auf die Schulter.

Als Boje wieder aus dem Schuppen trat, war der Hof verlassen. „Tolle Freunde sind das“, maulte er vor sich hin. „Beim Essen und Feiern sind sie immer da, und wenn Arbeit ansteht, bin ich auf mich alleine gestellt.“

„Ich helfe dir.“

Boje drehte sich um und erblickte Jytte. Na toll, harte Feldarbeit und mir will eine Frau helfen.

„Verstehst du denn etwas davon?“ fragte er in der Hoffnung sie würde nein sagen.

„Nun, wir sind beide Bauern. Und da ich gerade keinen eigenen Hof habe, weil meiner mir geklaut

wurde, kann ich dir ebenso helfen, dass du deinen nicht verlierst.“

Boje blickte sie mit offenem Mund an. Jytte war stolz auf ihre Schlagfertigkeit.

„Ich hoffe, du bist mit den Händen ebenso gut“, sagte er schließlich.
„Wirst schon sehen.“

Vendela stand am Fenster und beobachtete die Szene. Als sie die beiden mit dem Schlitten davon fahren sah, entspannten sich ihre Schultern. Geht doch, dachte sie bei sich.

10/2021 Noch mehr Möglichkeiten

Topa hielt vor der Hütte und lies die kleine Familie einsteigen. Er wendete den Schlitten und fuhr zurück nach Livdröm.

Der Weg dorthin verlief (fast) wie die ersten beiden male. Topa schwieg und war in seinen Gedanken versunken. Diesmal plapperte auch niemand. Trotzdem kam die selbe Frage zum dritten mal:

„Was ist mit dir?“, fragte Paola.

Topa erzählte von dem Angebot, dem Gespräch mit Jytte und der Schnapsidee von Toni.

„Freut mich für dich, dass sowohl Santa Claus als auch Toni verantwortungsvolle Aufgaben zu trauen und anbieten“, sagte Paola und legte ihre Hand auf seinen Arm.

„Aber ich hätte dann weniger Zeit für meine Freunde und weitere Abenteuer wären unmöglich.“

„Hmm“, brummte Fynn.

„Stehen denn noch weiter Abenteuer an?“, fragte Paola in seine Richtung.

Als Antwort bekam sie ein doppeltes „keine Ahnung“.

„Weißt du schon, wie du dich entscheiden wirst?“

„Ehrlich gesagt, nein.“

„Bis wann musst du dich denn entscheiden?“, wollte Paola wissen.

„Das hab ich ganz vergessen zu fragen.“

„Ich denke“, mischte sich jetzt Fynn in das Gespräch ein, „bis zum Frühjahr wird im Postamt keine Entscheidung fallen. Du hast also noch genug Zeit, dass auch mit Lele zu besprechen.“

Lele, an die hatte er bei der ganzen Sache noch gar nicht gedacht. Noch eine Meinung, die ich berücksichtigen muss, dachte er.

„Bis dahin“, sagte Paola, „hast du noch genug Gelegenheiten dir die Meinung von anderen einzuholen. Ich würde noch auf jeden Fall mit Vendela und Tante Unn sprechen. Die haben bestimmt auch noch gute Ideen und Ratschläge.“

Bloß nicht, dachte Topa.

Sie hatten Livdröm erreicht und er hoffte, dass es genug Arbeit gab um ihn eine Weile auf andere Gedanken zu bringen.

9/2021 Die dritte Möglichkeit

Topa hielt vor der Eingangstür und lies seine Gäste aussteigen. Er wendete den Schlitten und fuhr zurück ins Weihnachtsdorf um die nächste Gruppe abzuholen.

Der Weg nach Livdröm verlief wie beim ersten mal. Nur diesmal plapperte Toni ohne Luft zu holen. Topa hörte wieder nicht zu. Doch diesmal fragte er sich, wie sein Leben verlaufen würde, wenn er Vorarbeiter werden würde.

„Was ist mit dir?“, fragte Oma Lerke.

Topa erzählte von dem Angebot und dem Gespräch mit Jytte.

„Gratuliere“, sagte Oma Lerke und legte ihre Hand auf seinen Arm.

„Aber ich hätte dann weniger Zeit für meine Freunde und weitere Abenteuer wären unmöglich.“

„Hmm“, brummte Oma Lerke. „Stehen denn noch weiter Abenteuer an?“

„Keine Ahnung.“

Als Livdröm schon in Sicht war fragte sie: „Und was wirst du tun?“

„Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.“

„Jaja, das ist eine schwierige Entscheidung. Wer weiß schon, was die Zukunft bringt. Lass die Zeit, dann kommt die richtige Lösung schon zu dir. Es gibt ja noch mehr Möglichkeiten.“

Hatte ihm die Meinung von Jytte noch gut getan, verwirrte ihn die von Oma Lerke. Von jemandem mit ihrer Erfahrung hätte er etwas anderes erwartet. So etwas wie von Jytte, nur deutlicher irgendwie.

„Naturli“, platzte Toni in seine Gedanken. „Nix verzage, Toni frage.“

Man kann nur wirklich nicht sagen, dass irgendeine Ähnlichkeit im Aussehen zwischen Oma Lerke und Topa bestehen würde, der verdutzte Gesichtsausdruck mit dem sie Toni ansahen war aber der gleiche.

„Alora. In Italia, i abe eine Bauerhof und ier iste Livdröm. Magg mer Andel zwische uns. Du bringsde Sache von ier zu Toni und andere rum. So du aste Seit fur deine amici und du kannsde fahre mit die Schlidde. Toni maggde die reich auch no. Perfetto, si?

Nicht hilfreich, dachte Toni. Das Gedankenkarusell das kurz darauf in seinem Kopf einsetzte bestätige diesen Gedanken.

Wieder spürte er die Hand von Oma Lerke auf seinem Arm.

„Was hab ich gesagt?“, lächelte sie. „Die Lösung kommt zu dir.“

Topa ahnte nicht, welche Lösungen ihn noch verwirren würden. Auf dem Weg um Paola und Fynn abzuholen, dachte er noch es gäbe nur drei Lösungen.

08/2021 Was tun?

Topa schämte sich etwas. Er war lange unterwegs gewesen und hatte von den Entwicklungen im Postamt nichts mit bekommen. Er hätte wenigstens danach fragen sollen, dachte er sich.

„Die Arbeit war auch in diesem Winter nur zu schaffen, weil alle mitgemacht haben. Im nächsten Winter wird Onkel Pelle mehr mit meinen Aufgaben betraut sein. Für dich wäre das eine Chance, in seine Position als Vorarbeiter hinein zu wachsen. Dafür ist es unverzichtbar, dass dein Onkel und Ich uns voll auf dich verlassen können.“

„Aber das könnt ihr doch“, platzte es aus Topa.

Santa Claus fuhr mit noch sanfterer Stimme fort:

„Abenteuer mit deinen Freunden wären dann nicht mehr möglich.“

Damit hatte Topa nicht gerechnet. Weder mit einer Beförderung noch mit den Konsequenzen.

„Du musst dich nicht sofort entscheiden. Denke in Ruhe darüber nach. Meine Tür steht immer offen

für dich, wenn du reden willst.“

Als er in seiner Stube ankam, konnte Topa sich nicht an den Weg dahin erinnern oder an Dorfbewohner, die er unterwegs getroffen hatte. Er spannte seine Rentiere vor den Schlitten und stieg dann hinauf um seine Gäste abzuholen.

Die kleine Nilla sprang an ihm hoch. „Du musst mich tragen“, strahle sie.

Topa nahm die Kleine huckepack und stieg langsam hinter Opa Kester die Treppe hinunter.

Auf dem Weg nach Livdröm plapperte Nilla ununterbrochen. Doch Topa hörte nicht zu, seine Gedanken waren immer noch bei dem Gespräch mit Santa Claus.

„Was ist mit dir?“, fragte Jytte.

Topa erzählte von dem Angebot, Vorarbeiter im Postamt zu werden.

„Gratuliere“, sagte Jytte und drückte ihn.

„Aber ich hätte dann weniger Zeit für meine Freunde und weitere Abenteuer wären unmöglich.“

„Hmm“, brummte Jytte. „Stehen denn noch weiter Abenteuer an?“

„Keine Ahnung.“

Als Livdröm schon in Sicht war fragte sie: „Und was wirst du tun?“

„Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.“

„Ich finde, Vorarbeiter hört sich ganz gut an.“

Der Zuspruch tat ihm gut, vor allem von Jytte. Doch mehr Klarheit brachte es ihm nicht.

7/2021 Und was wird aus dir?

Santa Claus betrat sein Büro. Auf dem Sofa fand er einen schlafenden Topa. Mit einem freundlichen ‚Guten Morgen‘ wie es nur Santa Claus kann, weckte er seinen Großneffen.

„Guten Morgen“, murmelte der verschlafen.

Für Topa war es ungewöhnlich, dass er so lange schlief. Santa Claus fragte sich, was der Grund dafür sein könnte.

„Was hältst du davon“, sagte er, „wenn du dich etwas frisch machst und dann mit mir zusammen eine Tasse Tee trinkst?“

So gewann Santa Claus etwas Zeit und würde gleichzeitig noch an eine Tasse Tee kommen. Topa war einverstanden und verließ nicht nur das Büro, sondern auch das Postamt. Die kalte Morgenluft vertrieb unsanft die letzten Reste des Schlafes. Er ging hinüber in den Stall und sah nach seinen Rentieren.

Zurück im Postamt wusch er sich Gesicht und Hände und holte zwei Tassen Tee aus der Küche.

„Danke, dass du mich hier hast übernachten lassen.“

„Keine Ursache“, antwortete Santa Claus. „Verrätst du mir auch den Grund, warum du auf meinem Sofa schläfst?“

Topa gab ihm eine kurze Zusammenfassung der letzten Tage und der Situation der Freunde.

„Die müssen ja alle irgendwo schlafen“, schloss er seine Erzählung.

„Das ist sehr anständig von dir, deine Stube zur Verfügung zu stellen.“ Die Frage, warum Topa nicht bei Lele schlief spülte er mit einem Schluck Tee hinunter.

„Was gedenkst du denn jetzt zu tun?“, fragte er stattdessen.

„Ehrlich gesagt haben wir noch nicht darüber gesprochen. Gestern Abend waren alle ziemlich kaputt und müde.“

Santa Claus nickte ein paar mal langsam mit dem Kopf, damit die Pause nicht zu still und peinlich wurde.

„Du weißt, dass ich deine Arbeit als Nikolaus immer sehr geschätzte habe. Das haben alles hier im Postamt. Manche sehen dich schon als Nachfolger von meinem Nachfolger.“

Nachfolger von meinem Nachfolger? Topa fiel es schwer Santa Claus zu folgen.

„Du hast schon richtig gehört. Ich werde mich in zwei oder drei Wintern zur Ruhe setzten. Dein Onkel Pelle wird mein Nachfolger werden. Also brauchen wir einen neuen Vorarbeiter.“

6/2021 So ist das eben

Als Fynn am nächsten Morgen aufwachte, war Tomte längst wieder unterwegs. Fynn stieg vorsichtig aus dem Bett. An den erst halb verbrannten Holzscheiten im Kamin erkannte er den nächtlichen Besucher. Er zog sich an, legte noch etwas Holz nach und trat hinaus in die morgendliche Kälte. Die Sonne war noch nicht bis über die Bäume geklettert, nur hier und da drangen einzelne Strahlen durch die Baumkronen. Der See vor der Hütte war schon fast ganz zugefroren. Fynn kontrollierte die Fallen die er in der Nähe der Hütte aufgestellt hatte.

„Kein Glück gehabt?“, fragte Paola als er die Hütte betrat.

„Doch“, grinste er und küsst erst seine Frau und dann seine Tochter.

„Aber uns kannst du nicht essen und die Vorräte sind fast aufgebraucht.“

„Dann muss ich meinem Jagdglück wohl mit etwas Können nachhelfen“, feixte er.

Paola blickte ihre Tochter an und flüsterte: „Gewöhn dich schon mal an die Machosprüche deines Vaters.“

„Wie ernst ist es wirklich um unsere Vorräte bestellt?“, fragte Fynn.

„Außer Tee kann ich dir nichts anbieten.“

„Ay“, antwortete Fynn. „Dann weiß der Macho ja was er heute zu tun hat.“

Auf Livdröm führten Vendela und Boje ein ähnliches Gespräch. Nur mit etwas ernsterer Mine.

„Wir haben kaum noch genug für uns, um durch den Winter zu kommen.“

Auch wenn Vendela die Zusammenfassung ihres Mannes nicht gefiel, musste sie doch einräumen, dass er damit recht hatte.

„Dann müssen eben unsere Freunde uns versorgen.“

Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen wünschte sie sich, sie könnte ihn zurück nehmen.

„Jetzt schau nicht so griesgrämig“, flirtete sie als sie sich auf seinen Schoß setzte. „Ich weiß wie hart du diesen Sommer geschuftet hast. Und für uns alleine hätte es ja auch locker gereicht. Wir haben sogar etwas verkaufen können. Und dafür liebe ich dich.“

Ihre Worte und die Zärtlichkeit ihrer Stimme verfehlten ihr Ziel nicht. Statt griesgrämig blickte sie Boje jetzt eher hilflos.

„Bis heute Abend überlegen wir uns eine Lösung und wenn dann alle da sind besprechen wir das.“

„Warum habe ich den Eindruck, dass du die Lösung schon gefunden hast?“

„Weil du ein kluger Mann bist und dich auf deine Frau verlassen kannst“, grinste Vendela.

„Und weiht mich meine Frau auch in ihre Pläne ein?“

„Jytte.“

„Jytte?“

„Jytte!“, bestätigte Vendeka auch wenn dadurch neue Fragen aufgetaucht waren.

So ist das eben mit dem Vertrauen, dachte Boje. Es führt dich einen langen und schattigen Weg bis ins Licht.

5/2021 Glück ist in der kleinsten Hütte

Tomte setzte sich auf den Kaminsims und blickte auf das Bett in der Ecke. Er betrachtete zunächst Paola. Sie hatte ihre Eltern bei ihrer Geburt verloren und ihren Bruder später wieder gefunden. Vor nun fünf Wintern war sie in das Weihnachtsdorf gekommen und geblieben. Ihre warme und liebevolle Art, aber auch ihr Können und ihre Leidenschaft in der Backstube hatten ihr geholfen, schnell akzeptiert zu werden. Jetzt war sie dabei, sich als Kräuterfrau und Heilerin einen Namen im Dorf zu machen. Ihr noch junges Wissen hatte ihr schon oft gute Dienste geleistet und sogar Fynns leben gerettet. Doch kein Kraut und kein Trank würde die tiefen Wunden heilen, die Fynn in sich trug. Nur ein Herz kann ein Herz heilen, nur seine Seele kann eine Seele heilen, dachte Tomte. Wenn jemand Fynn heilen konnte, dann Paola. Seit 3 Wintern waren sie und Fynn nun ein Paar. Doch wie tief mussten Fynns Wunden vergraben sein, wenn er sich bis jetzt Paola nicht öffnen konnte? Fynns Leben und seine lange Reise bis ins Weihnachtsdorf lag noch zum größten Teil im Verborgenen.

Dann fiel sein Blick auf Maj-Lis. Kaum ein paar Tage hatte das kleine Wesen schon die Herzen aller erobert. Vielleicht war sie der Schlüssel um Fynns Inneres zu öffnen. Wieder stieg ein gutes Gefühl in dem Kobold auf. Er überlegte, was dieses Gefühl in ihm hervor rief. Eine Muschel, dachte er.

Wie die Schalen einer Muschel lagen Fynn und Paola im Bett und beschützten ihre Tochter.

Tomte kletterte vom Kamin und gab dem Rehbock ein Zeichen, dass er ihn heute nicht mehr brauchen würde. Dann rollte er sich am Fuß des Bettes zusammen. Glück, dachte er, ist in der kleinsten Hütte. Und das tat auch einem Kobold gut.